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Rostock Trotz Baby-Booms: Eltern wenden sich von Rostocker Tageseltern ab
Mecklenburg Rostock Trotz Baby-Booms: Eltern wenden sich von Rostocker Tageseltern ab
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07:16 18.09.2019
Renee Eichhorn (47) betreibt die Kindertagesstätte „Kleine Füße“. Die Zukunft sei ungewiss, weil weniger Eltern ihre Kinder anmelden. Quelle: Gerald Kleine Wördemann
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Rostock

Die Bobby-Cars parken ordentlich vor einer Wand, auch mit dem Teddy und dem Plastiktelefon will niemand spielen. Dass es in der Kindertagesstätte „Kleine Füße“ in Evershagen so ruhig zugeht, liegt an einer Erkältungswelle, die seit ein paar Tagen umgeht.

Dass die Kinder deswegen für ein paar Tage zu Hause bleiben, bereitet Renee Eichhorn, der die Einrichtung mit seiner Frau Kathleen betreibt, keine Sorgen. Aber auch an normalen Tagen sind Bobby-Cars und Teddy weniger gefragt als noch vor ein paar Jahren – obwohl die Geburtenzahlen in der Hansestadt jahrelang gestiegen sind.

Den Eichhorns und anderen Rostocker Tagesmüttern und -vätern gehen die Kinder aus. „Wir haben Platz für zehn Kinder, aktuell betreuen wir aber nur noch fünf“, sagt der 47-Jährige. Eltern hätten ihre Kinder abgezogen, neue Anmeldungen gebe es kaum noch. Seit etwas mehr als einem Jahr gehe das schon so, berichtet Eichhorn. Das Phänomen gehe in der ganzen Stadt um.

Seit Monaten kaum noch Anmeldungen

„Seit Monaten gibt es so gut wie keine Anmeldungen mehr“, meint Manuela Semder (52), gelernte Krankenschwester und Tagesmutter in Warnemünde. Jahrelang lief es gut, doch das ist vorbei, erzählt die gelernte Krankenschwester, die Kinder mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen unter ihren Schützlingen hat.

„Seit April sind wir auf dem Tiefpunkt“, berichtet Nadja Heinecke von den „Kinderhelden“ am Friedrich-Engels-Platz. Fünf Kinder seien quasi auf einen Schlag von ihren Eltern abgemeldet worden, erklärt die gelernte Heilerzieherin. Der Verdienstausfall bedrohe ihre Existenz, sagen die Kinderbetreuer.

Werden Eltern unter Druck gesetzt?

Kitas würden Eltern unter Druck setzen, die Kinder im Krippenalter zu ihnen und nicht zur Tagesmutter zu bringen, berichten die freiberuflichen Kinderbetreuer. Sonst könne es später bei der Vergabe eines Kita-Platzes – die in vielen Stadtteilen knapp sind – schlecht aussehen, werde den Eltern gesagt. Tagesmütter dürfen nur Kinder bis drei Jahre betreuen.

Die großen Kita-Betreiber Volkssolidarität und Institut für Leben und Lernen (ILL) weisen das zurück. „Fehlende Kinder sind überhaupt nicht das Problem, sondern fehlende Plätze“, sagt Kathleen Lührs, Verantwortliche für die Kitas der Rostocker Volkssolidarität. Von Konkurrenz und Druck auf Eltern könne keine Rede sein. Eine ILL-Sprecherin äußert sich ähnlich.

Verdienst oft unter dem Mindestlohn

Im Juli entzog die Stadt einer Tagesmutter die Zulassung, die ein 13 Monate altes Kleinkind geschlagen haben soll. Der Vorfall und die Berichterstattung darüber seien nicht der Auslöser der aktuellen Krise, sagt Eichhorn, der bei der Kommunalwahl Ende Mai für die Freien Wähler in die Bürgerschaft gewählt wurde. Das Problem mit den wegbleibenden Kindern sei schon lange davor da gewesen.

Die unbesetzten Plätze könnten nicht nur ihn zum Aufgeben zwingen, befürchtet der 48-Jährige. Rücklagen für eine längere Durststrecke besäßen die knapp 150 Kindertagespflegepersonen in Rostock in der Regel eher nicht – weil sie so schlecht bezahlt würden. „Wir sind Tagelöhner“, sagt Eichhorn. Nach Abzug von Miete, Sach- und sonstigen Kosten bleibe oft nur ein Gehalt unterhalb des Mindestlohns übrig.

Gericht entscheidet über Bezahlung

Eichhorn klagt gegen die Stadt auf eine höhere Vergütung seiner Arbeit. 2017 gab ihm das Verwaltungsgericht Schwerin recht, die Stadt legte Rechtsmittel ein. Jetzt liegt die Sache beim Oberverwaltungsgericht in Greifswald und soll voraussichtlich bis Ende des Jahres entschieden werden, so eine Sprecherin. Im Erfolgsfall müsse ihm Rostock einen hohen fünfstelligen Betrag nachzahlen, hat Eichhorn ausgerechnet.

Die Stadt verweist darauf, dass sie die höchsten Honorare für die Kindertagespflege im Land bezahle. Stimmt nicht, meint dagegen Eichhorn. Zumindest im Landkreis Vorpommern-Greifswald lägen die Vergütungssätze spätestens mit der ab 2020 beschlossenen Erhöhung über denen von Rostock. Im Mai forderte Landessozialministerin Stefanie Drese (SPD) die Kommunen auf, die Arbeit der Tagesmütter und -väter besser zu vergüten.

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