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Rostock Uni Rostock startet „Experiment Zukunft“ in der Kunsthalle
Mecklenburg Rostock Uni Rostock startet „Experiment Zukunft“ in der Kunsthalle
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17:08 24.03.2019
Kind contra „Kitty“: Eine Videoinstallation befasst sich mit Künstlicher Intelligenz, die die Weltherrschaft übernommen hat. Fiete (7 Monate) und seine Mama Annika Akar-Methling haben trotzdem ihren Spaß mit dem Kätzchen. Quelle: Andreas Meyer
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Rostock

Wo sonst prominente Kreative ausstellen, wo provokante Kunst inszeniert wird – da steht jetzt ein Baum. Eine Zeder, um genau zu sein. Mitten im Weißraum der Kunsthalle ragt sie in die Höhe. Und sie wartet darauf, dass Menschen mit ihr kommunizieren. Nicht mit Worten oder Geräuschen. Sondern mit Düften. Eine Kunst-Inszenierung zum Mitmachen und zugleich ein Forschungsprojekt für Wissenschaftler der Uni Rostock. Und nur eines von insgesamt 18, die seit Sonnabend in der Kunsthalle zu sehen, zu riechen, zu erleben sind.

Auftakt zum Uni-Jubiläum

„Experiment Zukunft“ heißt die neue Schau, die zugleich der erste große Höhepunkt im 600. Jahr des Bestehens der Universität Rostock ist. Der wichtigste Kunst-Tempel des Landes wird dafür zum Labor. Mutig und riskant sei diese Kooperation, sagt Landesfinanzminister Mathias Brodkorb (SPD). Er durfte das Experiment am Sonnabend offiziell eröffnen. Mutig – denn eigentlich seien Kunst und Wissenschaft grundverschieden. Forscher müsste sich selbst aus jedem Prozess eliminieren. Ihnen geht es um die „objektive Wahrheit“. „In der Kunst ist es genau umgekehrt. Kunst geht nicht, ohne dass sich der Künstler selbst darin ausdrückt“, so Brodkorb. Aber: „Kunst und Wissenschaft sind auch Geschwister. Ihre gemeinsame Mutter ist die Freiheit.“

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Und genau darum gehe es beim „Experiment Zukunft“: Um die Freiheit, Fragen zur Zukunft und für die Zukunft aufzuwerfen. „Wir alle wollen, dass unsere Kinder und Enkel auch so eine gute Gegenwart wie wir haben“, sagt Kunsthallen-Chef Jörg-Uwe Neumann. Eine dieser Frage ist, ob Menschen eines Tages mit Bäumen „sprechen“ können. „Jede Pflanze gibt Duftstoffe ab“, sagt Professor Dr. Birgit Piechulla vom Institut für Biowissenschaften der Uni Rostock. Diese Duftstoffe der Zeder haben die Forscher aufgeschlüsselt – und als Parfüm produzieren lassen. Die Besucher der Ausstellung dürfen diesen Duft auftragen. Die Wissenschaftler beobachten dabei mit modernster Technik, ob der Baum irgendwie reagiert. „Es ist bekannt, dass Pflanzen untereinander kommunizieren können. Und sie kommunizieren auch mit Insekten“, so Piechulla. Wieso in Zukunft nicht also auch mit Menschen?

Die Zukunftwerkstatt in der Rostocker Kunsthalle ist eine von zwei großen Ausstellung zum 600-jährigen Bestehen der Uni Rostock.

Entdeckungen auch für Laien

„Nehmen Sie sich für diese Ausstellung viel Zeit“, hatte Rostocks Kulturamtsleiterin Michaela Selling den mehr als 200 Gästen der Vernissage vorab geraten. Recht hat sie: Viele der 18 Projekte erschließen sich dem Gast nicht ad hoc. Was sie aber nicht weniger spannend macht. In einem abgedunkelten Raum etwa sind mehrere Gläser gefüllt mit Wasser und bunten Strukturen zu sehen. Eines der Lieblingsexperimente von Kunsthallen-Chef Neumann. Die Strukturen sind schön und faszinierend zugleich – und kompliziert: Wissenschaftler aus Slowenien haben dafür organische und anorganische Stoffe zusammengebracht. Diese „Zutaten“ bilden nun ganz selbstständig neue Strukturen, sie wachsen und wachsen zusammen. Für die Wissenschaftler geht es dabei um nicht weniger, als die Entstehung von Leben auf der Erde zu entschlüsseln.

Nur ein paar Meter weiter steht ein niedliches Tierchen für eine düstere Zukunft: „Kitty“, eine virtuelle Katze, steht für Künstliche Intelligenz. Selbst denkende Programme und Maschinen könnten, so die These, eines Tages die Herrschaft auf der Erde übernehmen – und über die Menschen. Zum Auftakt der Ausstellung nimmt ein sieben Monate alter Junge der „Herrscherkatze“ aber gleich ihren Schrecken: Fiete findet die „Kitty“ einfach nur niedlich und würde sie gerne streicheln. Der Enkel von Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (UFR) ist mit Oma Annegret Methling, Mama Annika Akar-Methling und Papa Dennis Akar gekommen.

Im Erdgeschoss riechen derweil Anna Lachnit, Inga Hafenstein, Christian Meier, Sara Pretzel (21) und Tim Alexander an Wattepads. Andere Besucher hatten diese zuvor 15 Minuten lang unter den Achseln getragen. Es geht um Emotionen, die Gerüche anderer Menschen bei uns hervorrufen. Und die müssen auch nicht immer angenehm sein. Ebenso wenig wie Düfte. „Ich finde die Vielfalt der Projekte und Experimente, die hier gezeigt werden, großartig“, schwärmt dennoch die 22-jährige Anna Lachnit.

Neuer Lehrstuhl für die Uni?

„Dieses ,Experiment Zukunft’ kann nur gelingen, wenn sich alle Rostocker einbringen“, so Uni-Rektor Wolfgang Schareck. Die Wissenschaft, heißt es, sei der Verstand der Welt – „und die Kunst ihre Seele“. Das Projekt in der Kunsthalle beleuchte den Aspekt „Innovatio“ des Uni-Mottos. In einigen Monaten werde dann im Kulturhistorischen Museum die zweite große Jubiläumsschau eröffnet. Sie widmet sich der „Traditio“, der Geschichte der ältesten Uni im Ostseeraum. Kunsthallen-Chef Neumann wünschte sich zur Vernissage übrigens ein Geschenk des Landes an die Hochschule: „Uns fehlt ein Lehrstuhl für Kunstgeschichte im Land. Das könnte uns alle weiter bringen.“

Andreas Meyer

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