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Rostock Dieser Rostocker ist der jüngste Überlebende der „Gustloff“-Katastrophe 1945
Mecklenburg Rostock Dieser Rostocker ist der jüngste Überlebende der „Gustloff“-Katastrophe 1945
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07:55 25.05.2019
Der Rostocker Peter Weise (75), hier mit seinem Buch „Hürdenlauf – Erinnerungen eines Findlings“, ist der jüngste Überlebende des Untergangs der „Wilhelm Gustloff“ in der Ostsee. Er wurde am 31. Januar 1945 als letzter Überlebender sieben Stunden nach der Katastrophe aus einem Rettungsboot geborgen. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

Auf dem Wohnzimmertisch liegen mehrere Bücher. In den Händen hält Peter Weise seinen 2006 erschienenen Erinnerungsband „Hürdenlauf – Erinnerungen eines Findlings“. Der 75-Jährige lässt sich von der Kamera des Fotografen nicht stören, lächelt leicht verschmitzt und schaut gelassen durch die großen Terrassenfenster seiner Wohnung im Rostocker Stadtteil Gehlsdorf auf die Warnow. Ein Seemann, der zum Schriftsteller wurde und zeit seines Lebens mit dem Wasser verbunden ist.

Er ist ein Medienprofi. Rund 50 Lesungen seines Erstlingswerkes hat er absolviert. Dem „Hürdenlauf“ folgten bereits fünf weitere Bücher, die im Rostocker BS-Verlag erschienen. Darunter sind zwei für Kinder. Weise versteht es, mit seinen ruhigen, präzisen Schilderungen rasch die Aufmerksamkeit des Zuhörers zu erlangen.

Wie durch ein Wunder überlebte der heute 75-jährige Peter Weise den Untergang der „Gustloff“. Er wurde in den Morgenstunden des 31. Januar 1945 als Kleinstkind aus einem Rettungsboot geborgen.

Gustloff“ sinkt nach Torpedotreffern

Ein Leben als Hürdenlauf. Die Biografie dieses Mannes – des jüngsten Überlebenden der „Gustloff“-Katastrophe in der Ostsee vor fast 75 Jahren – ist gespickt mit Hindernissen. Die erste Hürde freilich erscheint monströs. Am 30. Januar 1945 versinkt gegen 22 Uhr die „Wilhelm Gustloff“ nach drei Torpedotreffern, abgefeuert von einem russischen U-Boot, vor der pommerschen Küste in den eisigen Fluten der Ostsee.

An Bord des Schiffsriesen befinden sich neben Marinesoldaten auch tausende Frauen und Kinder. Sie wollen vor der auf die Danziger Bucht vorrückenden Roten Armee fliehen. Für die allermeisten Passagiere wird die tobende See zum Grab. In den Morgenstunden des 31. Januar 1945 – etwa sieben Stunden nach der Katastrophe – entdeckt das Vorpostenschiff 1703 ein treibendes Rettungsboot. Die Insassen scheinen alle erfroren zu sein.

Überleben grenzt an ein Wunder

Doch ein kleiner, in Mäntel und Decken eingewickelter Junge, den der Rostocker Oberbootsmann Werner Fick fast übersehen hätte, lebt. Angesichts der klirrenden Kälte grenzt dies an ein Wunder. „Für diese Leistung kann ich nichts. Und natürlich besitze ich daran keinerlei Erinnerungen“, sagt Weise leise. Umso dankbarer ist er noch heute seinen Rettern.

Zu diesen gehört Marinesoldat Helmut Schote aus dem hessischen Weschnitz, der in das Rettungsboot gesprungen war und das gefrorene Deckenbündel dem Oberbootsmann hochgereicht hatte. „Junge, Dich habe ich schon 50 Jahre gesucht“, erklärt er 1995 dem Findelkind am Telefon. „Er sprach wie mein zweiter Papa“, erklärt Weise, dem kurz die Stimme stockt. Ein Enkel Schotes malte später die Szene im Rettungsboot. Eines der Bilder des Kunststudenten ging 2012 auf die Reise nach Gehlsdorf.

Amtsarzt legt Geburtsdatum fest

1945 bringen die Männer des Vorpostenschiffes den Jungen nach Swinemünde. Die Stadt wird bombardiert. „Werner Fick – mein späterer Pflegevater – hat mich bei einer Frau Bandelin abgegeben. Diese nahm Kontakt zu meiner zukünftigen Mutter Marie in Rostock-Gehlsdorf auf“, erzählt Weise. Jahrzehnte später findet der letzte Gerettete der „Gustloff“ einen dieser Briefe.

Aufgrund fehlender Papiere beziehungsweise Hinweise in seiner Kleidung schätzt ein Amtsarzt das Alter des Findelkindes. Als Geburtsdatum wird der 31. Januar 1944 bestimmt, Geburtsort: Gotenhafen. Die Aufarbeitung seiner ungeklärten familiären Herkunft wird Weise noch lange beschäftigen.

Gehlsdorfer Ehepaar adoptiert das Findlingskind

Eine ihn liebevoll umsorgende Familie findet er dann in Gehlsdorf. Denn die Ficks adoptieren ihn. Hier ist seine Heimat. „Wir lebten in bescheidenen materiellen Verhältnissen. Doch entscheidend ist die Herzenswärme. Ich hatte eine glückliche Kindheit.“ Selbst ein Klavier treiben 1955 die Schneiderin und der Schiffszimmermann für den musikalisch begabten Jungen auf. Der Spaß am Musizieren bleibt. Noch heute spielt Weise regelmäßig auf einem neuen Bechstein: „Jetzt bevorzuge ich aber Klassik statt Rock ’n’ Roll“, räumt er ein.

Die Liebe zur See teilt er mit dem Vater. Als 16-Jähriger heuert er als Matrose an. Leidet jedoch furchtbar an der Seekrankheit, besiegt sie aber nach etwa drei Jahren. Und träumt, einmal als Kapitän auf der Brücke zu stehen.

Erster Offizier auf DDR-Urlauberschiff „Völkerfreundschaft“

Doch die Anforderungen der Seefahrtschule in Wustrow auf dem Fischland sind hoch. Er meistert diese Klippe. Erhält ein eigenes Stammschiff, steht auch als Erster Offizier auf der Brücke des DDR-Urlauberschiffs „Völkerfreundschaft“. „Die Passagiere und die Crew immer sicher nach Hause zu bringen, ist eine große Verantwortung.“ Der mit allen Wassern gewaschene Rostocker erinnert sich an mehr als 18 Meter hohe Wellen auf seinen Weltreisen.

Nach 22 Jahren Seefahrt endet die Karriere abrupt. Ihm habe die notwendige Distanz zum „Klassenfeind“ gefehlt. Sein Vergehen: Er lädt einen westdeutschen Bauleiter zu einer Feier auf das Schiff ein und spricht einige unbequeme Wahrheiten aus.

Seemann wird zum Schriftsteller

Durch seine Tätigkeit im Hafen bleibt er dem Wasser treu. Nach der politischen Wende 1989 folgt die Rehabilitierung. Weise hätte wieder auf große Fahrt gehen können. Stattdessen engagiert er sich bei der Modernisierung des Hafens und wird unter anderem Mitglied des Vorstandes der Seehafen AG.

Nicht das Ausscheiden aus dem Berufsleben 2004 wird dann eine Herausforderung, zumal auf ihn noch viel ehrenamtliche Arbeit im Speditionsverband MV wartet. Es ist die 2002 erscheinende Novelle „Im Krebsgang“ von Günter Grass (1927-2015), läutet sie doch praktisch Weises Start in eine Schriftsteller-Karriere ein. Denn der Literatur-Nobelpreisträger thematisiert darin das Schicksal des FlüchtlingsschiffesWilhelm Gustloff“. Und Grass beschreibt die Rettung Weises.

Jede Menge Fan-Post

Für den Gehlsdorfer Seemann ist dies der Anlass, selbst zu recherchieren. Doch wo anfangen?

Die Recherchen sind aufwendig. Der Autor arbeitet akribisch und entscheidet sich schließlich für einen fiktiven Einstieg. Er beschreibt die Geschichte eines Neugeborenen im letzten Jahr in Ostpreußen. Das Kind wird als letzter Überlebender nach dem Untergang der „Wilhelm Gustloff“ gerettet. „Alle folgenden Details, etwa die Geschehnisse in Rostock, sind nachprüfbar“, betont Weise. Die positiven Reaktionen der Leser und der Zuhörer bei seinen Lesungen machen ihn stolz, wie er zugibt. In einer dicken Mappe finden sich jede Menge „Fan-Briefe“.

„Es braucht das ständige Erinnern, um Geschichte wachzuhalten“, sagt der Kapitän, der so viele Hürden gemeistert hat. Und dabei denkt er auch an seine mittlerweile sieben Enkel.

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