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Volkstheater Intendant Latchinian: „Wir machen Lust auf Neubeginn“
Mecklenburg Rostock Volkstheater Intendant Latchinian: „Wir machen Lust auf Neubeginn“
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11:28 10.07.2014
Der neue Intendant des Volkstheaters Rostock, Sewan Latchinian, übernimmt ab August die Brücke. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

OSTSEE-ZEITUNG: Herr Latchinian, erklären Sie unseren Lesern doch bitte mal den Unterschied zwischen einer einfachen Theatervorstellung und einem Theaterspektakel, wie Sie es in Rostock jetzt neu etablieren wollen.

Sewan Latchinian: Gern. Eine normale Theatervorstellung kann natürlich auch ein tolles Erlebnis sein, ich will gar nicht eins gegen das andere ausspielen. Aber während man sonst nach zwei oder zweieinhalb Stunden nach Hause geht, an der Garderobe manchmal sogar etwas drängelt und sich ein bisschen kulturloser verhält, als man eben gerade noch weiterleben wollte, ist ein Spektakel natürlich ein Fest des Theaters, ein Rundum-Wohlfühl-Paket, bei dem mehrere Stunden gemeinsam verbracht werden. Dort gibt es nicht nur eine Produktion, sondern manchmal zwei, oder fünf – ich hab in Senftenberg auch schon mal zwölf Produktionen in einer langen Nacht geschafft. Dabei wird ein Gesamtkonzept von der Gestaltung des Hauses über die gastronomische Betreuung bis zur musikalischen Gestaltung in Pausen erlebbar. Im besten Falle werden die Zuschauer in den Pausen intensivere Kontakte entwickeln, in Gespräche kommen, Bekanntschaften schließt. Und oft wird man am Ende nicht gleich nach Hause gehen, sondern die Nacht ausklingen lassen, gemeinsam tanzend, oder in unseren neuen Kuschelecken miteinander redend. Man muss auch kein Restaurant buchen, um essen zu gehen, sondern all das erledigt man im Theater.

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OZ: Sie haben für das erste große Spektakel das Motto „Neubeginn“ gewählt. In welchen Variationen wird das erlebbar?

Latchinian: Zu Beginn jeder Spielzeit soll es so ein Spektakel geben, wir nennen es „Stapellauf“. Unser erster Stapellauf, den wir im September und Oktober an sieben Wochenenden aufführen, heißt „Neubeginn“. Es ist unser persönliches gemeinsames Thema, dass wir uns neu mit dem Publikum bekannt machen. Aber es steckt auch in jedem der drei Stücke. Im „Untergang der Titanic“ betrifft der Neubeginn eine neue Stufe des technischen Fortschritts, im Stück „Ingrid Babendererde“ nach Uwe Johnsons Roman wird vom Neubeginn der DDR erzählt, in dem auch schon das Ende der DDR steckte. Und im Stück „Wie im Himmel“ geht es um den Neubeginn eines Kirchenchores.

OZ: Das alles führt zu einem komplexen Gesamterlebnis ...

Latchinian: Beim Spektakel sind zwischen mehreren Inszenierungen Zusammenhänge zu entdecken, die oft nicht nur einen theatralischen Mehrwert, sondern auch einen Vergnügungs- und Unterhaltungsmehrwert haben. Sie drücken etwas aus, das mehr ist als die Summe der drei Teile. Meine Hoffnung ist, dass das Publikum in diesem Fall als Mehrwert mitnimmt: die Lust auf Neubeginn in vielerlei Hinsicht – privat oder auch im Theaterverständnis, und vielleicht auch in der Besucherlust. Dass es eine große Besuchslust entwickelt.

OZ: Sie starten relativ bescheiden mit drei Stücken, alle drei auf der großen Bühne. Hat das Volkstheater überhaupt die Möglichkeiten, für so ein komplexes Ereignis auch die Gemütlichkeit und die dauernde Unruhe mit zu organisieren?

Latchinian: Ja, wir arbeiten daran. Das ist in der Tat schwierig, sonst wär's ja schon öfter gemacht worden. Ich bin es gewohnt, dass schwierige Wege zu Qualitätssteigerungen führen. Und ich erlebe eine große Bereitschaft unserer Belegschaft. Auch beim Thema Gastronomie, unser Caterer hat bisher eher die traurige Erfahrung gemacht, dass hier nur Brezel, Bier, Wein und Bratwurst gehen. Nun war er erstmal erschrocken, dass ich da Menüfolgen und richtige gastronomische Vorschläge erbeten habe. Er hat sich aber nun absolut darauf eingestellt, und ich hoffe, wir alle enttäuschen ihn nicht.

OZ: Was soll's denn zu essen und zu trinken geben, ein Aufbruchs- oder Neubeginn-Menü?

Latchinian: Nein, es gibt themenbezogene Angebote. Nämlich in der einstündigen Pause nach der Oper „Untergang der Titanic“ wird das letzte Originalmenü der Titanic angeboten – in Zitaten, also man kann es auch in Einzelteilen kaufen. Und in der Pause nach Uwe JohnsonsIngrid Babendererde“, das ja 1953 in der frühen DDR spielt, sind die „Best of“ der DDR-Schulspeisung noch einmal zu erleben.

OZ: Da wird auch das Essen zum Kommunikations- und Mitmach- und Unterhaltungsangebot ...

Latchinian: Genau, Gastronomie wird spielerisch und thematisch, und es entsteht auch ein Teil dieses Mehrwerts, den nur ein Spektakelzusammenhang erzeugen kann. So wie wir auch die Form der Mitspiel-Oper bewusst gewählt haben. Nicht nur, weil das Volkstheater Rostock oft als Unternehmen „Titanic“ schlechtgeredet wurde. Sondern auch, weil das Publikum das Theater dann anders erlebt. Die Zuschauer sind die „Titanc“-Passagiere und werden dann evakuiert durchs ganze Haus, das ist sicher auch etwas, das uns im gemeinsamen Neubeginn zusammenrücken lässt.

OZ: Für das Schiff „Titanic“ gab es ja keine Hoffnung. Sehen Sie aber Hoffnung für das Rostocker Theater als „Unternehmen Titanic“? Viele Leute glauben nicht mehr so recht daran.

Latchinian: Doch. Deswegen wollen wir ja analysieren: Was führt dazu, dass ein so stolzes Schiff wie die „Titanic“ gegen einen Eisberg kracht und untergeht. Durch die Analyse wird, denke ich, auch klar, was man vermeiden muss – und wie man den Eisberg hätte vermeiden können. Dazu wollen wir Mut machen. Wir haben vor, als Volkstheater nicht mit einem Eisberg zu kollidieren. Deswegen ist es programmatisch so wichtig, dass wir den Neubeginn mit dem Untergang der „Titanic“ verbinden. Man hat ja schon beim Waschzuberrennen zur Warnemünder Woche gemerkt, dass wir da die „Titanic“ gehoben haben. Ähnlich wie es vielleicht mit der „Georg Büchner“ gelingen sollte. Wir sind beim Waschzuberrennen auf einem Eisberg an der „Titanic“ vorbeigepaddelt und haben auf fröhliche Volksfest-Art vorgemacht, wie wir versuchen, den Begriff „Titanic“ zu drehen.

OZ: Sie zielen da auf eine grundsätzliche Umkehrung von Bildern, ja von Werten. Welche Werte werden denn umgewertet?

Latchinian: Miesepetrigkeit, Pessimismus, Geiz, Habgier, Gewinnmaximierung, Kommerzialisierung des gesamten Lebens ...

OZ: Das sind die Dinge, die auch mitverantwortlich sind für die Situation des Theaters und der Kultur ...

Latchinian: ... und für die Situation der „Titanic“, so dass sie eine andere Route genommen hat. Und es ist auch meine Analyse, dass genau das zu großen Teilen zur jetzigen krisenhaften Situation des Theaters geführt hat. Unser Spiel meint auch: Letztlich ist alles menschengemacht. Auch die Theaterfinanzierung ist kein Naturgesetz, so wie auch die Tatsache, dass die „Titanic“ auf ihrer geänderten Route auf Eisberge traf, zwar mit Naturgesetzen zusammenhängt, aber von Menschen hätte umgangen werden können. Auf diesen Punkt kommt es uns an: Dass wir es in der Hand haben, dass wir mit eigenen Händen paddelnd oder mit eigenen Händen so ein Spektakel inszenieren und Lust auf alle Sparten des Theaters machen.

OZ: Eine weitere Neuerung ist, dass Sie sehr viele Premieren angekündigt haben: „mehr Premieren, als das Jahr Wochen hat“. Widerspricht das nicht einem hier oft geäußerten kaufmännischen Denkansatz, nach dem lieber weniger produziert und das dann besser ausgelastet werden und länger laufen soll? So „rechnet es sich“ angeblich besser. Organisieren Sie nun Mehrarbeit für alle?

Latchinian: Es ist natürlich immer die Entscheidung einer Geschäftsführung, welchen Weg sie wählt. Wir kennen die bisherigen Wege, wo auch gelegentlich versucht wurde, weniger zu machen und dafür länger zu spielen. Ich denke, kaufmännisches Herangehen ist zwar auch wichtig beim Theater, aber oft nicht das Wesentlichste. Es gibt diese unbezifferbaren Zusammenhänge im Theater, die paradox klingen: Dass man sogar aus materiellem Mangel poetischen Reichtum zaubern kann, ist ja schon so ein Paradox. Dass manchmal mit mehr Angeboten an kleineren Formaten gelingen kann, dass etwas viel öfter ausverkauft ist. Dass sich also in einer Stadt herumspricht, diese Produktion ist ständig ausverkauft, und keiner fragt, passen da 60 Leute oder 500 rein. Der Zuschauer erlebt einfach einen „vollen“ Abend. Es gibt ja den Umkehrschluss, dass im Großen Haus manchmal 400 Leute sitzen, und man hat das Gefühl, es ist halbleer. Das ist ein Beispiel für Wahrnehmung und für Gefühltes am Theater. Deshalb denke ich, es ist für alle besser, auch viele kleinere Formate anzubieten, die dann noch den Vorzug haben, dass man vielfältigere Angebote hat. Und dass wir damit auch nochmal viele neue Räume anbieten können und so auch eine Neugier auf das scheinbar bekannte, verrufene, marode Haus wecken – oder wachküssen. Und wir haben einen Weg gefunden, wie das, zum Teil auch mit Selbstausbeutung, nicht zu hohe Kosten haben muss.

OZ: Das heißt, Selbstausbeutung soll jetzt mit zum Produktionsprinzip des Hauses gehören?

Latchinian: Ja.

OZ: Machen da alle mit?

Latchinian: Ich habe in meinen Vorbereitungsmonaten festgestellt, dass das Volkstheater Rostock jetzt schon besser ist als sein Ruf. Trotzdem will ich beides steigern. Und ich habe beispielsweise vor drei Wochen beim Zoo-Konzert erlebt, wie ein A-Orchester zwei Stunden mitten im Gewitter, im prasselnden Regen, bei Blitzeinschlägen, durchmusizierte, mit nass werden Fräcken, feucht werdenden Violinen, und wie der Dirigent, unser Elder Statesman Peter Leonard, mit guter Laune und südlichen Musikstücken versucht hat, gegen diese nördliche Eiseskälte anzumusizieren. Da saßen alle 74 Musiker, und die hätten schon in der ersten Minute die Instrumente ablegen können, wenn sie sich nach dem Tarifvertrag Kulturorchester (TVK) verhalten hätten. Denn dort stehen auch Temperaturen und Wetterbedingungen drin. Diese Norddeutsche Philharmonie ist da möglicherweise flexibler als die anderen A-Orchester im deutschsprachigen Raum. Das muss auch mal gesagt werden. Und ich freue mich, dass dieses Orchester bereit ist zu so einer Mitspieloper, und dass die Musiker bereit sind, beim dritten Stück des Abends, „Wie im Himmel“, unter teilweise orchesterunüblichen Bedingungen mitzuwirken – denn sie müssen sich dann vom Dirigenten auch zusammenscheißen lassen, weil das so im Stück steht. Sie sind auch bereit, Masken aufzusetzen beim Musizieren, und sie sind bereit, sich schon draußen beim Einlass als Blaskapelle einsetzen zu lassen. Ich will nicht behaupten, das ginge jetzt erst los mit der Selbstausbeutung. Aber das ist jetzt ein neues Niveau, denke ich. Und zum neuen Niveau gehört auch, dass wir überlegen, wie wir zwei, drei Instrumentengruppen innerhalb der Norddeutschen Philharmonie wieder erweitern können, obwohl es ja bis jetzt jahrelang den Prozess der Schrumpfung gab.

OZ: Wie konkret ist denn diese Idee schon, die Anzahl der Musiker wieder zu erhöhen?

Latchinian: Wir sind jetzt dabei, behutsame Erweiterungen zu organisieren. Denn wir dürfen diese Entscheidung nicht nur der Politik überlassen, den Kämmerern der Städte oder des Bundeslandes. Sondern wir müssen selbstbewusst unseren Auftrag, für den wir bezahlt und auch subventioniert werden, wieder in die eigenen Hände nehmen.

OZ: Da wir gerade beim Orchester sind, sagen Sie uns bitte noch etwas zum Generalmusikdirektor, den die Norddeutsche Philharmonie in der kommenden Saison nicht hat. Das wird Ihnen zur Last gelegt wird. Warum haben Sie sich von Herrn Krumpöck getrennt?

Latchinian: Ich freue mich grundsätzlich über so eine Solidarität der musikalischen Gemeinde. Nur wenn sie auf falschen Gerüchten basiert, finde ich's wiederum schade und würde auch diese Mentalität des Schlechtredens, des fast schon Jieperns nach Negativgerüchten, gerne etwas aufbrechen. Und in dem Fall war die Verärgerung bei Musikfreunden nur aufgrund des Mangels an Information nachvollziehbar. Richtig ist, dass ich Herrn Krumpöck gern mehr gebunden hätte, er hätte als weiterer GMD einfach eine höhere Präsenz hier haben sollen, und dazu war er nicht bereit. Deswegen ging die Überlegung los, wie wir dann agieren, und so entstand die Idee, dass wir jetzt mit neuen Dirigenten-Kontakten, zum Beispiel mit zwei ganz aufregenden britischen Dirigenten, auf eine neue Reise gehen. Also ich wollte eigentlich mehr Krumpöck, und nun ist es weniger geworden, aber das lag nicht an mir. Sondern das liegt an einer insgesamt nötigen höheren Präsenz aller künstlerischen Leiter, die sich ebenfalls noch mehr selbst ausbeuten müssen in Zukunft – für diesen Ort Hansestadt Rostock.

OZ: Sie waren bisher als Darsteller, als Regisseur und als Intendant ein Mann des Schauspiels. Was wird sich unter Ihrer Intendanz generell ändern im Verhältnis zwischen den Sparten Musiktheater, Musik, Ballett und Schauspiel?

Latchinian: Es wird weiterhin so viele Musiktheater-Angebote geben wie in der letzten Spielzeit, was Neuproduktionen betrifft. Und natürlich muss man uns ein, zwei Jahre Zeit einräumen, bis wir wieder ein so großes Repertoire haben können. Und dann wird es auch wieder erlebbar diesen Umfang geben. Aber es wird, das ist die einzige Veränderung, noch mehr Schauspiel dazu kommen, und noch zwei weitere Sparten sollen etabliert werden, nämlich das Figurentheater und die Bürgerbühne. Insofern denke ich, werden wir das Gesamtniveau der Vielfalt des Angebots des Volkstheaters sehr heben. Und man wird auch das Orchester oder die Gesangssolisten oder das Tanztheater öfter als bisher in gemeinsamen Produktionen mit dem Schauspiel erleben.

OZ: Das alles mit dem gleichen Etat. Kommt da nur der Faktor Selbstausbeutung ins Spiel ... oder auch neue Kreativität?

Latchinian: Auch. Aber auch andere Leute, die anders kosten, weil sie bereit sind zu helfen und unter ihren Marktwert zu gehen. Also auch Verhandlungsgeschick hilft sparen und trotzdem das Angebot zu steigern. Da haben wir viele Leute überreden können, an den Strand zu kommen, und auch im Sinne von Solidarität und Anschub erstmal ein, zwei Jahre unter Ihren Preis zu gehen.

OZ: Welche spektakulären Namen dürfen wir da erwarten?

Latchinian: Ich finde die beiden britischen Dirigenten William Lacy und David Parry aufregend, die öfter dirigieren werden und auch in Opernproduktionen die musikalische Leitung übernehmen. Vielleicht wird aus einem der beiden später der neue GMD. Dann finde ich wichtig, dass auch Johanna Schall wieder vorbeikommt und eine erste Oper macht, nämlich „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Dann gibt es fulminante Operngäste, die sich bei uns erstmal als Stammgäste binden werden: Paul Nilon, Miljenko Turk, Carsten Sabrowski, Karl Huml oder Gulnara Shafigullina. Und neben spannenden Schauspielern, die ich aus der erfolgreichen Zusammenarbeit in Senftenberg mitbringe, gibt es jemanden wie Sascha Gluth, der sich als ehemaliger Störtebeker-Darsteller hier fest binden wird.

OZ: Sie wollen mehr Lust auf Theater wecken. Mit welchen Argumenten sagen Sie dem Nicht-Theatermenschen oder sogar dem bisherigen Nicht-Theaterbesucher, warum es sich für den lohnt, hierher zu kommen?

Latchinian: Man erlebt es ja während der Fußball-WM beim Public Viewing, dass es mehr Spaß machen kann, den gleichen Vorgang in Gesellschaft, auch im Freien, auch mit Getränken zu erleben als allein vorm Fernseher im Privatsessel. Schon dieser Punkt, ist immer auf der Habenseite des Theaters, weil es eine der letzten Live-Künste ist, ob nun als Ballett, Schauspiel oder Konzert. Dieses Live-Erlebnis ist doch etwas anderes als Konserve und als Digitalisiertes. Und es wird bei uns künftig viel öfter Inszenierungen geben, wo man etwas verpasst haben wird, wenn man nicht da war. Die Entscheidung ist ja, was macht man mit den vielen Abenden, die wir alle in unserem einzige Leben haben. Da gibt es eine Alternative zur privaten Langeweile, die heißt Theater – und heißt in Zukunft noch mehr Volkstheater Rostock.

OZ: Die Themen, die man da erlebt haben muss, beziehen die sich stärker auf die Stadtgesellschaft, oder wieso ist das wichtig für uns?

Latchinian: Die werden sich in Zukunft noch mehr auf die aktuellen Diskussionen der Stadtgesellschaft beziehen, aber auch auf die aktuellen Fragestellungen des modernen Menschen.

OZ: Würden Sie den Begriff „politisches Theater“ verwenden, oder ist der Ihnen zu eng?

Latchinian: Den Begriff würde ich nicht verwenden, aber das Theater wird gesellschaftlich relevanter sein. Nicht nur mit unseren Uraufführungen, ob das nun Uwe Johnson ist, oder Steven Uhly mit dem Erfolgsbuch „Glückskind“. Oder mit der Uraufführung eines Werkes der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2013: Swetlana Alexijewitschs „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ werden wir am 8. Mai uraufführen, thematisch zum Tag der Befreiung. Ein Text, der alle Fragen, die man jetzt zum Beispiel zum Ukraine-Konflikt haben kann, beantwortet.

OZ: Sie sagten eben wirklich: alle Fragen?

Latchinian: Ja, hinterher weiß man, warum das eine so antike, krisenhafte Geschichte sein könnte wie der Trojanische Krieg. Und man erlebt noch einmal die letzten hundert Jahre osteuropäischer Entwicklung mit, die zum Teil auch vierzig Jahre lang eine Schnittmenge zur Entwicklung Deutschlands hatte, durch die Existenz der DDR. Vieles wird uns an diesem Tag in diesem Stück theatralisch-sinnlich bewusster. Und wir werden eine hochkarätige Uraufführung haben, die keine andere Stadt zu bieten hat. Solche Alleinstellungsmerkmale wird es künftig öfter geben, so dass auch Besucher aus anderen Städten und Gegenden wegen des Theaters öfter nach Rostock kommen.

OZ: Das Theater als Erlebniswelt – was für kleinere Formate bieten Sie?

Latchinian: Der Intendant wird auf der Bühne mit prominenten Gästen kochen. Oder es gibt neue gastronomische Erlebnisse. Zum Beispiel können Sie im Oktober in der Rostocker Brauerei einen Theaterabend der besonderen Art erleben, die sogenannte „Balladen-Brauerei“, wo man Bier trinkend klassische Balladen erlebt – von der „Bürgschaft“ über „John Maynard“ bis zu „Der Reiter und der Bodensee“. Oder auch moderne Bier-Gedichte. Dort macht das Bier mehr Lust auf Theater, das Theater macht mehr Lust auf Bier, und der Biergenuss ist im Kartenpreis inbegriffen. Oder unsere erste Premiere in der Kleinen Komödie Warnemünde, wo mal nicht nur zwei oder drei Schauspieler, sondern zehn Schauspieler agieren und aus der kleinen Komödie eine große machen. Das Thema heißt schlechter Sex. Ich denke, das ist auch etwas, das in der Stadtgesellschaft – ob es nun ein Rostocker Phänomen ist oder eins des modernen Menschen – so sinnlich lange nicht kommuniziert wurde.

OZ: Klingt so, als sei die Spektakelidee nicht nur bei den großen Theaterspektakeln, sondern in jeder Produktion geg enwärtig.

Latchinian: Theater ist ein Gesamtkunstwerk, und das gilt auch im Verhältnis zum Zuschauer. All das, was ich beschreibe, ist mein Verständnis von Volkstheater: Nicht als Titel eines Hauses, sondern grundsätzlich als Theaterverständnis. Dass ich das jetzt in einem Theater entwickeln darf, das auch noch den Namen Volkstheater trägt, ist eben ein besonders schönes Zusammentreffen. Es geht darum, dass das Theater in neuer Art ein Tempel für die Bevölkerung werden soll, in dem die Nähe zum Fest, auch zum Volksfest, nicht gescheut wird.

OZ: Zum ersten „Stapellauf“ gehört die Uraufführung nach Uwe Johnsons Roman „Ingrid Babendererde“. Sie selbst haben etwas erlebt, das in auffälliger Parallele zu Ingrids Erlebnissen in der DDR 1953 stand, auch Sie wären beinahe durch Abstimmung ihrer Mitschüler vom Abitur ausgeschlossen worden. Wie war das bei Ihnen, waren Sie als Schüler so ein aufmüpfiger Geselle?

Latchinian: Ich habe 1979 Abitur gemacht. Damals wollte ich einen Mitschüler davon abbringen, 25 Jahre zur Nationalen Volksarmee zu gehen. Deshalb sollte ich relegiert werden, aber das ist dann von einigen nicht so kleinkarierten Persönlichkeiten verhindert worden, zum Beispiel von meiner Deutschlehrerin. Das war auch ein Erlebnis, dass in jeder Barbarei immer noch die Hoffnung besteht, dass einige Menschen sich gegen etwas stemmen und Schlimmes verhindern können. Aber die Schulkasse hatte in einer Abstimmung der Relegierung zugestimmt. Es kamen da drei Vorwürfe zusammen: pazifistisch, achtet die Regeln des sozialistischen Kollektivs nicht und ist zu individuell oder egoistisch.

OZ: Das sind Eigenschaften, die Ihnen geholfen haben, Schauspieler, Regisseur und schließlich Intendant zu werden.

Latchinian: Ja.

OZ: Aber das Erlebnis hatte für Sie Folgen, so dass man Sie heute als Mann mit Glatze kennt.

Latchinian: Ich bin deshalb sechs Wochen untersucht worden, eine direkte Krankheit wurde ausgeschlossen. Das war einfach ein psychosomatischer Schock. So wie nach einem Autounfall die Haare ausfallen oder plötzlich weiß werden, so ist mir in dem Moment, als diese Abstimmung in der Schule war, unglaublich heiß geworden – an diese Hitzeaufwallung erinnere ich mich immer noch. Und offensichtlich muss das der gefühlte Ausdruck des Schocks gewesen sein, denn ein paar Tage später fielen die Augenbrauen aus, die Wimpern, Teile der Kopfbehaarung usw.

OZ: Da wenden sich die Mitschüler, darunter ehemalige Freunde, gegen einen. Wie verarbeitet man so einen Schock?

Latchinian: Es war eine Enttäuschung in vielerlei Hinsicht. Mir war diese Schulbildung wichtig, sie war Voraussetzung für ein Studium. Und mein Weltbild ist kurzzeitig völlig kollabiert. Denn ich war ja nicht bewusst gegen diese Variante eines Versuchs des Sozialismus auf deutschem Boden. Sondern die hat mich heftig interessiert. Aber ich musste erleben, dass die Pervertierung dieser Idee weiter vorangeschritten war, als ich das für möglich gehalten hatte. Und da habe ich zum ersten Mal erlebt, wie ein System heftig und undemokratisch und menschenverachtend zuschlagen kann. Diese dreifache Enttäuschung war eine schwere Krise, aber auch eine wichtige Bewährungsprobe, weshalb ich die „Reifeprüfung“, wie Uwe Johnson in einem ähnlichen Zusammenhang als Untertitel unter „Ingrid Babendererde“ schrieb, dann bestanden zu haben meine.

OZ: Inwiefern ist Johnsons Geschichte aktuell? Weil wir alle unsere Geschichte mit uns herumschleppen und die Konfrontation mit ihr benötigen? Und darüber hinaus?

Latchinian: Andererseits, weil wir als Rostocker mit Uwe Johnson eine offene Rechnung zu begleichen haben, die immer noch im Raum steht, und weil wir das Jahr von Johnsons 80. Geburtstages haben. Aber drittens auch, weil die Muster an Manipulation noch nicht wirklich demokratischer Demokratie tagtäglich erlebbar sind. Da gibt es auch heute wieder Tendenzen der Ausspähung und Bespitzelung, es gibt genauso Tendenzen der Vereinheitlichung von Meinungen, von Meinungsallerlei. Und da ist auch die Gefährdung von Theater etwas, das ich fast als eine Gefahr für die Demokratie bezeichnen muss, weil hier bei uns ganz klassisch der Widerspruchsgeist, das hochkomplexe Betrachten von Phänomenen, das dialektische Denken spielerisch und vergnüglich geschult wird. Und wenn heute mit jeder geschlossenen Sparte auch Demokratie, oder eine Institution, die gut ist für die Demokratie, reduziert wird, dann ist das genauso eine Gefahr wie der Ausschluss einer begabten Schülerin aus einem Gymnasium im Jahr 1953. Kultur kostet heute Geld, ja, aber Unkultur kostet mehr. Und was passiert mit diesem sich leerenden Raum, wenn es keine kulturellen Angebote mehr gibt? Wenn keine Schauspieler mehr in die Schulen gehen und mit mobilen Klassenzimmerproduktionen akute Themen wie Komasaufen, Rechtsradikalismus, Drogen, Cybermobbing begegnen. Dass das inzwischen nicht einmal mehr der Kulturrat, der den Kulturminister berät, erkennt, zeigt doch, dass es schon jetzt eher zu wenig Theater gibt als zu viel.

OZ: Welchen Etat hätten Sie denn gern für das Volkstheater Rostock?

Latchinian: Wir planen, dass wir drei Jahre lang keinen Cent mehr an Zuschüssen brauchen als die aktuellen 16,7 Millionen Euro. Aber es darf auch nicht weniger werden. Wir sind mit der Norddeutschen Philharmonie und der Deutschen Orchestervereinigung in guten Gesprächen, dass wir unseren eigenen Tarifweg, den wir nach dem Austritt aus dem Deutschen Bühnenverein im vergangenen Jahr suchen, tatsächlich finden werden. Wir schließen vielleicht im Herbst einen Haustarifvertrag mit dem Orchester ab, in dem wir dem Orchester weit entgegenkommen, aber das Orchester auch uns, und in dem das Orchester zu einem Verzicht ähnlich wie die Schweriner Staatskapelle bereit ist. Es geht darum, Arbeitsplätze zu erhalten und die künstlerische Qualität, und es geht darum zu verhindern, dass nicht in anderen Sparten betriebsbedingte Kündigungen nötig werden, um das Geld zusammenzukratzen, das das Orchester mehr bekommen würde. Die Alternativen zum Haustarif wären sonst barbarisch: Verkleinerung oder Herabstufung oder Auflösung des Orchesters.

OZ: Der OB spricht ja aber regelmäßíg von einer starken Reduzierung der Zuschüsse.

Latchinian: Da vertraue ich mehr der Bürgerschaft, die solche Beschlüsse immer wieder verhindert hat. Ich verstehe da den Oberbürgermeister punktuell, dass er in der Vergangenheit manchmal das Gefühl gehabt haben kann, das sei hier ein Fass ohne Boden. Aber ich hab mit ihm eine Verabredung, dass wir zwei Spielzeiten lang zeigen wollen, dass die Akzeptanz der Angebote – beim Publikum, in den Medien und auch im politischen Raum – erhöht werden kann. Ich hoffe, dass das gelingt und dann auch ganz andere finanzielle Fantasien wieder möglich werden. Auch beim OB, und ich hoffe, auch in Schwerin.

OZ: Das Volkstheater Rostock wird jetzt zum Schiff. Wie würden Sie zusammenfassen, was für ein Schiff das ist?

Latchinian: Wie unser neues Logo die Welle und der Begriff Stapellauf verrät, soll unsere Identität deutlicher werden, auch poetisch. Die neuen Spielstätten, die wir eröffnen, heißen Bug (der Ballettsaal) oder Zwischendeck (der Chorprobenraum), das bisherige Ateliertheater wird das Heck, der Bereich auf der Bühne, wo man hinter dem eisernen Vorhang für 200 Zuschauer Theater spielen kann, wird Maschinenraum heißen, das Foyer Mittelschiff, und das Intendanzfoyer, das jetzt so eine Art VIP-Bereich war, wird die Brücke. Dort werden auch viele Inszenierungen fürs Publikum angeboten. So versuchen wir, dieses „Traditionsschiff“, so würde ich's erstmal benennen, wieder flott zu machen ...

OZ: Und den Zuschauern, als „Titanic“-Passagieren legen Sie gleich zum Auftakt den roten Teppich aus?

Latchinian: Das gehört zu unserem neuen maritimen Zugang. Aus der Plastik vor dem Theater wird ein Leuchtturm, der rote Teppich führt von der Straße bis zum Eingang. Unkrautwüsten des Vorplatzes werden, mit Holz überplankt, zu Sitzgelegenheiten für das Vorspiel draußen. Dort werden die Reden zur „Titanic“-Jungfernfahrt – gesungen. Es gibt einen Torbogen, Oldtimer fahren vor, aus denen steigen die Opernsänger aus, die dann hier singen. Dazu eine Marschkapelle, Gastronomie. So wird das dann das ganze Jahr über bleiben, dass da nichts wuchert oder das Theater gar zuwächst. Der Hausgiebel erhält die Aufschrift: „Wer zuschaut, sieht!“, Fahnen mit dem neuen Logo werden wehen. Man hat dann beim Hereingehen nicht mehr ganz so ein trostloses Bukarest-1973-Gefühl.

OZ: Das klingt so hoffnungsvoll – brauchen wir am Ende gar keinen Theaterneubau mehr?

Latchinian: Doch, doch. Aber wir werden fröhlich und ideenreich hier ausziehen, vier, fünf Jahre lang. Denn es nützt doch nichts zu sagen, weil wir in vier Jahren einen Neubau haben, können wir jetzt alles alt lassen. Es zählt trotzdem jeder Lebenstag – für das Publikum und für die Theatermacher.

Der Spektakel-Macher lädt zum „Stapellauf

Sewan Latchinian, geboren 1961 in Leipzig, wirkte ab 1985 als Schauspieler in Schwerin in den legendären Theaterspektakeln von Christoph Schroth mit. Als Intendant in Senftenberg (2004-2014) machte er sein Haus 2005 zum Theater des Jahres.

Stapellauf heißen die Spektakel am Volkstheater Rostock. Das erste bietet Wilhelm Sieberts „Untergang der Titanic“, Uwe JohnsonsIngrid Babendererde“ und Kay Pollaks Stück „Wie im Himmel“.

Premiere: 20. September für 49, 59 oder 69 Euro;

Weitere Termine: 27. September, 3., 4., 11., 18. und 25. Oktober für 39, 49 und 59 Euro. Jeweils 16 bis 24 Uhr.



Dietrich Pätzold