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Volkstheater Intendant: „Volkstheater kommt mit dem Geld aus“
Mecklenburg Rostock Volkstheater Intendant: „Volkstheater kommt mit dem Geld aus“
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06:15 29.11.2014
Volkstheater-Intendant Sewan Latchinian (r.) und Geschäftsführer Stefan Rosinski warnen vor einer Sparwut am Theater in Rostock. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

In wenigen Wochen soll die Rostocker Bürgerschaft über die Zukunft des Volkstheaters abstimmen. Mehrere Varianten sind in der Diskussion, darunter die Schließung von Sparten, Ausgliederung und/oder Verkleinerung des Orchesters. Die OZ sprach mit Sewan Latchinian, Intendant des Volkstheaters, und Stefan Rosinski, Kaufmännischer Geschäftsführer

OZ: Herr Latchinian, angenommen, die Bürgerschaft stimmt im Januar für den größten Einschnitt - die Schließung von Tanz- und Musiktheater. Was würde dies künstlerisch für das Theater bedeuten?

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Sewan Latchinian: Das wäre künstlerisch die größte anzunehmende Katastrophe. Statt unserer jetzigen Erfolgswelle würde die Entlassungswelle rollen. Theoretisch gäbe es noch zwei Jahre lang den Chor, die Tanzcompagnie und die Opernsolisten. Aber der Motivationssturz, die Zukunftsangst und das plötzliche Umschalten von Aufschwung auf „Es ist aus“, das ist im Prinzip ein Massaker an den Seelen der Menschen, die hier arbeiten, ein kulturbanausischer Akt gegen die Belegschaft wie auch gegen große Publikumsteile, die diese Sparten lieben und weiter genießen und erleben möchten.

Wenn viele Kollegen versuchen, woanders Arbeit zu finden und uns schon vor 2016 verlassen würden, wäre dies dispositionell ein Megagau, da gute Leute als Ersatz dann auch nicht mehr kämen. Es würde reihenweise Spielplanänderungen geben, kaum noch neue Produktionen – eben ein qualvolles Sterben.

Das Selbstbewusstsein des Volkstheaters Rostock, ein traditionsreiches Vier-Sparten-Haus zu sein, wäre gebrochen und weg - lokal und überregional. Eine „Rette sich wer kann-Mentalität“ wäre unvermeidlich. Zank, Streit und Missmut würden an die Stelle von Engagement, Freundlichkeit und Gemeinsamkeit treten. Wir alle würden uns als nicht mehr gewollt empfinden, auch die Schauspieler und Orchestermusiker, die ja eigentlich bleiben dürften.

Auch all die quasi ehrenamtliche Arbeit zusätzlich zum Spielplan, die im Kinder- und Jugendbereich ob in Kitas, Schulen, in der Fußgängerzone, in der Theaterstraßenbahn oder bei repräsentativen Veranstaltungen der Hansestadt geleistet wird, ganz besonders durch die Beteiligung des Chores, der Tanzcompagnie und einzelner Musiktheatermitarbeiter, darf dann nicht mehr erwartet werden. Ich mag gar nicht weiter darüber nachdenken.

OZ: Wann wäre eine solche Abwicklung umsetzbar?

Stefan Rosinski: Voraussetzung ist ein entsprechender Gesellschafterbeschluss, dann erst könnte - nach Maßgabe der Kündigungsfristen in den Tarifwerken - gehandelt werden. Aber es gilt: Die Politik gibt vor.

OZ: Wer müsste die Künstler dann nach Hause schicken? Sie?

Latchinian: Da die meisten der betroffenen Künstler einen NV-Bühne-Vertrag haben, wäre dafür ein gewissenloser Intendant zuständig, der zu einem solchen Verbrechen bereit wäre. Aber meine Geschäftsgrundlage ist ein Vier-Sparten-Theater, in der Ausschreibung, meinem Bewerbungskonzept und in meinem Vertrag.

OZ: Bildungsminister und Oberbürgermeister argumentieren stets mit dem Geld, 16,6 Millionen Euro Zuschuss im Jahr. Mathias Brodkorb will Ausgaben langfristig deckeln, Roland Methling den Zuschuss sogar deutlich senken. Wie viel Geld brauchen Sie denn mittelfristig für Ihre Pläne?

Rosinski: Nach unserer Planung, die von anderen Parametern ausgeht als die Verwaltung, können wir die nächsten Jahre mit 16,6 Mio Euro auskömmlich wirtschaften. 2017/18 würde erstmalig ein Mehrbedarf entstehen, in Höhe von ca. 200 000 Euro. Dieser steigt auf 400 000 Euro in 2019 und 650 000 Euro in 2020. Letzteres vor allem deshalb, weil dann der für uns günstige Tarifvertrag mit dem Orchester ausläuft, der den Verzicht auf das 13. Gehalt vorsieht. Das müsste dann erneut verhandelt werden.

Nicht berücksichtigt ist bislang, dass wir aktuell mit den anderen Gewerkschaften über Potenziale sprechen, die die Fehlbeträge erheblich verkleinern könnten. Zusammengefasst: Zum jetzigen Zeitpunkt hätte das Volkstheater 2020 einen Zuschussbedarf von 17,25 Mio. Euro und nicht, wie von der Verwaltung angegeben, von 19,4 Mio. Euro. – die allerdings auch mit einer fiktiven Miete für einen Neubau in Höhe von einer Million Euro rechnet.

Latchinian: Wir brauchen in den nächsten zwei Jahren kein Geld zusätzlich, es darf nur nicht weniger werden und wir brauchen einfach bitte die Zeit, um das Konzept des neuen, moderneren und frischeren Volkstheaters auch mit den beiden neuen zusätzlichen Sparten umzusetzen und dabei eine neue Theaterlust zu wecken. Erst danach ist eine wirklich entscheidende Diskussion über das Ob und Wie sinnvoll.

OZ: Laut OB-Konzept sollen viele Vorstellungen für Kinder- und Jugendliche wegfallen. Wie bewerten Sie dies?

Latchinian: So wie die Abschaffung zweier Sparten gegen das politische Gebot der Daseinsvorsorge verstößt, genauso wäre der Wegfall von Vorstellungen besonders für Kinder und Jugendliche ein drastisches Herunterfahren von kultureller Bildung, Erziehung und Unterhaltung für unsere Jüngsten. Das könnte ich nur verantwortungslos und falsch finden, gerade mit Blick auf den Generationenvertrag und das Wohl Rostocks.

Allein in den letzten anderthalb Jahren hat das Volkstheater Rostock 282 Vorstellungen für Kinder und Jugendliche gespielt. Meine Sorge ist groß, dass davon mehr als die Hälfte wegfallen müssten. Ich frage mich, was Rostock da wirklich sparen würde. Kultur kostet eben, aber Unkultur noch viel mehr.

Es gibt ein solch intensives Netzwerk zwischen Schulen, Kitas und dem Volkstheater, ein so großes Interesse gerade auch von Familien, das alles würde mehr als nur beschädigt werden. Durchreisende eingekaufte Gastspiele könnten den enormen Verlust in dieser Dichte, Qualität und Kontinuität, wie sie das Volkstheater Rostock hier in der Stadt und der Region garantiert, niemals ersetzen.

OZ: Der Bildungsminister macht Strukturveränderungen am Haus zur Bedingung für eine mögliche Förderung des lang ersehnten Theater-Neubaus in Rostock. Das macht Kommunalpolitiker schwach. Was halten Sie dagegen?

Latchinian: Diese Verquickung von Struktur und Neubaudiskussionen ist Erpressung und Nötigung. Wozu und was für eine Art Neubau, wenn dafür das halbe Theater geschlossen wird?

Auch glaube ich nicht mehr, dass angesichts des immer kleiner werdenden Zeitfensters für einen Neubau wirklich noch der momentane Kulturminister und der momentane Oberbürgermeister zuständig sein werden, wenn frühestens 2020 ein Neubau fertiggestellt sein kann. Auch der Bund könnte sich beteiligen.

Wahrscheinlich entscheiden andere Politiker all diese diskutierten Fragen nämlich ganz anders und auch verantwortungsbewusster, besonders im Zusammenhang mit der 120-jähringen Tradition des Vier-Sparten-Theaters in Rostock, die weder Herrn Methling noch Herrn Brodkorb gehört.

Rosinski: Strukturveränderungen stehen unmittelbar in einem Zusammenhang mit Betriebskosten und nur mittelbar mit einem Neubau. Bei dem jetzigen Szenario von Konzertorchester und Schauspiel brauchen Sie immer noch einen großen und einen kleinen Saal, das spart also beim Neubau überhaupt nichts. Im Gegenteil, die Auslastung würde sinken, weil weniger Ressourcen zur Verfügung stehen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis wird sich definitiv verschlechtern.

Das muss man bei Strukturveränderungen mitbedenken; dann erst kommt die Konfiguration und Finanzierung des Neubaus. Dessen Diskussion ist zum jetzigen Zeitpunkt zu entkoppeln.

OZ: Sie wollen keinen Neubau mehr?

Rosinski: Doch, aber später als 2018. Wir haben unmittelbaren Handlungsbedarf in unserer Spielstätte am Patriotischen Weg, hier muss die Spielfähigkeit gesichert werden. Das bedeutet erhebliche Investitionen – die den Bestand dann für die nächsten zehn Jahre sichern können. Anstatt jetzt über einen Neubau zu sprechen, sollte man sich um die anstehenden Probleme kümmern.

Latchinian: Als mir der Oberbürgermeister im Jahr 2013 einen Neubau für das Jahr 2018 – dem 800-jährigen Stadtjubiläum – zugesichert hat, habe ich mich selbstverständlich gefreut. Auch weil alle jetzigen Mängel im alten Haus, welche die Stadt und der KOE bis auf die Brandschutzsanierung Jahrzehnte vor sich hergeschoben haben, dann auch noch aushaltbar gewesen wären, das Gebäude noch bespiel- und besuchbar, kostspielige notwendige Reparaturen gerade noch vermeidbar gewesen wären.

Nun jedoch, beinahe schon im Jahr 2015, ist es wohl wirklich unrealistisch, dass ein Neubau im Jahr 2018 eröffnet werden wird. Deswegen wäre es nicht vertretbar, die Augen vor Problemen zu verschließen, die den Spielbetrieb bis zum Jahr 2020 gefährden könnten.

Insofern müssen wir notgedrungen beginnen, darüber nachzudenken, wie eine ausreichende Zeit in dem Provisorium der Spielbetrieb aufrechterhalten werden kann. Wir können uns vorstellen, es auch bis zum Jahr 2020 im Altbau auszuhalten.

Es gibt ja kein Papier auf dem eindeutig steht: Die Betriebserlaubnis erlischt im Jahr 2018! Es gibt Hinweise, welche Themen eine Betriebserlaubnis streichen, ab dem Jahr 2018 gefährden.

Der Zeitdruck, den Kulturminister Brodkorb behauptet, dass ab dem Jahr 2019 nicht mehr im Haus an der Doberaner Straße gespielt werden kann, existiert also gar nicht wirklich. Aber jetzt Spartenschließungen und dafür einen Neubau, dies sollte sich niemand als irgendeinen Zusammenhang einreden lassen.

OZ: Wie hoch ist der Sanierungsbedarf im Großen Haus? Was muss dringend geschehen?

Rosinski: Der Bedarf liegt nach unseren Grobschätzungen bei circa zwei Millionen Euro, bezogen auf die nächsten drei Jahre. Es handelt sich im Wesentlichen um die Sanierung der Bausubstanz, aber auch den Ersatz von Funktionstechnik wie etwa die Bühnenbeleuchtung und das Orchesterpodium.

OZ: Für einen Neubau werden im Konzept bis zu 1,5 Million Euro Miete und Rücklage veranschlagt, die das Theater jährlich zahlen müsste. Wie erklären Sie sich, dass das Volkstheater – einst ein Amt der Stadt, derzeit laut Konzept mietfrei – diese Miete aufbringen soll?

Rosinski: Die Kalkulation einer „Miete" im Zeitraum bis 2020 macht keinen Sinn, weil es bis dahin definitiv keinen Neubau geben kann. Im Umgang mit einer Theaterimmobilie gibt es in der Regel zwei Verfahren: 1. Das Gebäude wird Eigentum der Theater-GmbH und in deren Bilanz aktiviert; Abschreibungen werden entsprechend saldiert, führen aber zu keinen Zahlungsflüssen. 2. Das Gebäude wird mietzinsfrei überlassen, die Gesellschaft trägt die Aufwendungen für die Instandhaltung des Gebäudes.

OZ: Wie haben sich die Besucherzahlen und Einnahmen seit Beginn der aktuellen Spielzeit entwickelt?

Latchinian: Es darf ohne Übertreibung festgestellt werden, dass es eine neue Theaterlust in der Hansestadt und in der Region gibt. Man geht wieder ins Volkstheater! Man redet wieder gut über uns - auch überregional.

Die ersten 17 Premieren innerhalb der ersten zwei Monate seit Spielzeiteröffnung sind alle sehr begeistert aufgenommen worden und die Vorstellungen werden sehr intensiv besucht. Die aktuelle Auslastung beträgt 73 Prozent.

OZ: Wie weit lassen sich die Einnahmen weiter steigern?

Latchinian: Wir sind der festen Überzeugung, dass wenn mit etwas Geduld, bald auch ein vielfältigeres Repertoire von großen Stücken aufgebaut ist, sich dann auch die Einnahmen steigern lassen werden. Höchstwahrscheinlich werden wir auch um vertretbare Preiserhöhungen von durchschnittlich einem Euro pro Karte nicht herum kommen, um die von der Politik geforderten Einnahmepotenziale auszuschöpfen.

Rosinski: Für die laufende Spielzeit kalkulieren wir mit circa 110 000 Besuchern. Bei einer durchschnittlichen Besuchshäufigkeit von etwa dreimal kann davon ausgegangen werden, dass es ein Kernpublikum von etwa 30 000 bis 35 000 Rostockern gibt, die das Volkstheater regelmäßig besuchen.

OZ: Hat das Theater gegenüber vergleichbaren Häusern zu geringe Karten-Entgelte beziehungsweise gibt es anteilig zu wenige Vollzahler?

Rosinski: Ein Vergleich mit anderen Theatern hat immer auf die jeweils lokale Kaufkraft und Nachfragesituation Rücksicht zu nehmen; die Gebäudesituation spielt ebenfalls eine Rolle. Im direkten Vergleich mit dem Staatstheater Schwerin (das einen deutlich höheren Zuschuss erhält) liegen unsere Konzertpreise leicht höher; die Preise für Musiktheater niedriger, Ermäßigen für Studenten deutlich niedriger.

Der Anteil der Vollzahler liegt durchschnittlich bei etwa 36,12 Prozent, der der Abonnenten bei 16,57 Prozent, 21 Prozent aller Karten gehen an Kinder- und Schülergruppen.

OZ: Bei der Norddeutschen Philharmonie ist ein Haustarifvertrag - mit Einschnitten für die Musiker - beschlossen. Welche Effekte bringt dies?

Rosinski: Nachdem wir die Vereinbarung erstmalig mit der Novembervergütung umgesetzt haben, können wir sagen, dass sie die erwarteten Finanzeffekte mehr als erfüllt. Der Tarifvertrag sorgt für Sicherheit auf beiden Seiten, ein hohes Gut in der Hansestadt.

Latchinian: Ich halte auch den unbezifferbaren Effekt für sehr nachhaltig, dass das Orchester seine Verzichtsbereitschaft für den Erhalt aller vier Sparten demonstriert hat und niemand mehr behaupten kann, diese Sparte bewege sich nicht.

OZ: Wie reagieren Ihre Kollegen, die Mitarbeiter des Volkstheaters, auf die anhaltenden Diskussionen?

Latchinian: Wir alle haben nichts gegen Diskussionen, wir sind auch nicht beratungsresistent oder frei von Selbstkritik, wir sind im Gegenteil offen für jede Rückmeldung, ob positiv oder negativ. Sicherlich war weder in der Vergangenheit alles optimal und in der Gegenwart ist dies auch nicht der Fall. Aber letzteres gilt nicht nur für das Volkstheater, sondern auch für die Politik.

Was jedoch das Bundesland, wie auch die Hansestadt, momentan parallel zum Neubeginn eines neuen Intendanten und vieler neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treiben, ist auch in Anbetracht des großen objektiven Erfolgs dieses Neubeginns stillos, kulturlos, sinnlos – und das bei stärker sprudelnden Steuerquellen und einer großen Unzufriedenheit der Rostocker am Kulturangebot der Hansestadt.

Die einzige Hoffnung, die mich als künstlerischem Geschäftsführer diese unsägliche Beschlussvorlage zur Abschaffung zweier funktionierender Sparten ertragen lässt, ist, dass die Bürgerschaft solchem Unfug mehrheitlich eine Absage erteilt und diese Diskussion endlich ein für alle Mal demokratisch beendet wird.

Ich freue mich auf den Tag, ab dem wir nicht mehr ständig schlechtgeredet, in Frage gestellt, sondern wirklich gewollt und nach vorne schauend ein tolles Vier- bis Sechs-Sparten-Theater mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiterentwickeln können.



Frank Pubantz