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Volkstheater Zu teuer? Diese Theaterleute sollen gehen
Mecklenburg Rostock Volkstheater Zu teuer? Diese Theaterleute sollen gehen
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17:03 29.09.2014
Chorsänger Kwangmin Seo (30) ist seit August 2014 an das Volkstheater gebunden. Sein Verdienst liegt bei 2915 Euro brutto im Monat.
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Stadtmitte

Die Schließung von Sparten am Volkstheater ist offenbar besiegelt. Für den Abschluss einer Vereinbarung mit dem Land und Strukturveränderungen deutet sich eine Mehrheit in der Bürgerschaft an. Ausschlaggebend könnte ein Geheimtreffen mit Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) in dieser Woche gewesen sein. Nach OZ-Informationen köderte Brodkorb die Rostocker Politik mit zusätzlichen 110000 Euro für freie Kulturarbeit in der Stadt. Theater-Intendant Sewan Latchinian nennt das „unterirdische antidemokratische Vorgänge“. Der Minister „kauft sich damit die Stimmen“. Interne Unterlagen belegen: Es droht der große Schnitt — die Streichung von Musiktheater- und Tanzsparten, rund 60 Mitarbeiter.

Kommenden Mittwoch entscheidet die Bürgerschaft über die Vereinbarung, die bereits verbindliche Bestandteile enthält. Dann könnte alles schnell gehen. Szenario: Bis Ende Januar 2015 folgt ein Beschluss zu konkreten Kürzungen; zum Beginn der neuen Spielzeit ab Herbst 2015 könnten Tanz- und Musiktheatersparten weg sein. Hinweise auf diese Richtung liefert ein Gutachten der Firma Actori, das die Stadt selbst in Auftrag gab. OB Roland Methling (UFR) legte jetzt Modelle vor; seine Präferenz: die Schließung der beiden Sparten. Die SPD ist für die Vereinbarung mit dem Land und Strukturwandel am Theater. „Wir wollen Angebote wie bisher in allen vier Sparten abdecken“, sagt Fraktionschef Steffen Wandschneider. „Das bedeutet aber nicht, dass wir vier Sparten abdecken müssen." Zustimmung signalisiert auch Simone Briese-Finke (Grüne): „Die Zielvereinbarung hat eine sehr gute Tonlage.“ Verwirrung pur: Parteifreund Uwe Flachsmeyer versandte gestern eine gegenteilige Botschaft, kritisierte die „Willkür“ des Ministers. Positive Signale kommen von Berthold Friedrich Majerus (CDU) und Malte Philipp (UFR/FDP): gutes Gespräch mit dem Minister, höherer Zuschuss über 50000 Euro plus mehr Geld für die freie Kulturarbeit. Zitat: „Dies zeigt, dass es zielführend war, in einem Gespräch gegenüber dem Land selbstbewusst aufzutreten.“

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Von „Kuhhandel, der deutlich zulasten des Volkstheaters Rostock“gehe, spricht Sybille Bachmann (Rostocker Bund). Der Deal mit dem Minister sei vorher nicht diskutiert worden. Sie fürchte sogar um die Existenz des Theaters. Eva-Maria Kröger (Linke): „Das ist eine Riesensauerei. Ich werde ein solches unmoralisches Angebot nicht annehmen.“

„Das ist eine Hinrichtung“, kommentiert Intendant Latchinian die politische Kehrtwende. Er warnt vor der Schließung von Tanz- und Musiktheatersparten. Dass der Minister betriebsbedingte Kündigungen ausschließen wolle, sei „zynisch“. Viele Künstler hätten sowieso nur Zeitverträge. „Ich werde keine Nicht-Verlängerungs-Erklärung unterschreiben“, so Latchinian. Betroffen wären viele Kollegen, die eben nicht viel Geld verdienten. Opernsolistin Theresa Grabner etwa erhalte 2400 brutto im Monat, Tänzerin Natalie Brockmann 2100, Techniker Peter Glaß 2460, Maskenbildnerin Frauke Bockhorn 1800. Das Theater mit seiner neuen Führung, vielen kreativen Ideen und Projekten habe eine Chance verdient, so Latchinian. Der Kultusminister weist die Vorwürfe gegen ihn zurück. Zwischen der Förderung des Theaters und der freien Kulturarbeit gebe es „keinen haushaltsrechtlichen Zusammenhang“. Brodkorbs Kritik: Die „Gegner einer Theaterreform“ ließen nichts unversucht, „um eine Annäherung zwischen Stadt und Land in Misskredit zu bringen. Er habe die „grundsätzliche Bereitschaft“, Rostock mehr Geld für die Kulturarbeit zu geben — dabei handele es sich aber „nicht um eine definitive Zusage“.

Einen Haustarif — wie vom Aufsichtsrat des Theaters gefordert (die OZ berichtete) — schließen viele Parteien nicht aus. Doch nur damit sei das Theaterproblem nicht zu lösen. Die Theaterleitung hat diesen Tarif bereits mit dem Orchester verhandelt. Auf alle 270 Mitarbeiter des Theaters übertragen, ließen sich so 11,7 Millionen Euro bis 2020 sparen, erklärt Geschäftsführer Stefan Rosinski.

So könnte das Treffen mit Brodkorb abgelaufen sein — ein Protokoll
Ein Minister zeigt Zähne: Das Land habe die Hoheit über Theaterplanung im Land und fordert Rostock zur Kooperation (Fusion?). Es wäre anderen Häusern nicht zu vermitteln, wenn Rostock trotz Alleinganges die angedrohten zehn Prozent Zuschusskürzung dennoch erhält. Und überhaupt: Wenn Rostock einen Theater-Neubau wolle, müsste die Stadtpolitik sich fügen.
Einige Fraktionen stört jedoch, dass Brodkorb in diesem Jahr 300000 Euro weniger fürs Volkstheater auszahlen will. Nun beginnt ein lustiges Verhandeln wie auf einem Basar. OB Methling wünscht sich 80000 Euro mehr. Brodkorb greift zum Taschenrechner — schüttelt mit dem Kopf. Simone Briese-Finke (Grüne) ruft 50000 Euro auf. Brodkorb zögert, nickt, dann bietet er 110 000 Euro extra an — für freie Kulturarbeit in der Stadt. Geld, das aus seinem Topf kommt, nicht aus dem großen des Landes. Eva-Maria Kröger (Linke) wirft den Akteuren ein Feilschen um „Blutgeld“ vor. Die meisten Anwesenden akzeptieren.
Theater eine Chance geben
Hat Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) Zustimmung für die Zielvereinbarung zum Volkstheater bei Rostocker Fraktionen erkauft? Hat er das Theater gegen die freie Kulturarbeit ausgespielt? Es gibt Stimmen, die sagen: Ja. Brodkorb selbst bestreitet das. Wir sind leider an einem Punkt sehr schlechten politischen Stils angekommen.
Das Volkstheater braucht Klarheit. Seit Jahren diskutiert Rostock immer wieder neue Wandel-Ideen. Jetzt ist mit dem Spektakel „1. Stapellauf“ endlich ein Aufschwung da, den niemand für möglich hielt — und der bundesweit gelobt wird. Kostproben: „Furiose Spielzeiteröffnung“ (Berliner Zeitung), „Neubeginn begeistert aufgenommen“ (Die Welt), „Premierenfeuerwerk“ (Deutschlandradio). Theater und „Restkultur“ dürfen nicht gegen-
einander ausgespielt werden.
Vorschlag: Bürgerschaft und Verwaltung geben dem NEUEN Theater ein Jahr Zeit, sich zu beweisen. Der Minister aus Rostock rechnet später noch einmal nach. Wir alle genießen bis dahin das imposante, abwechslungsreiche Angebot.
OZ-Forum zur Zukunft des Volkstheaters
Die OSTSEE-ZEITUNG lädt zu einem öffentlichen Forum am Freitag, 10. Oktober, 18 Uhr, ein. Thema: „Volle Fahrt zurück? — die Zukunft des Volkstheaters“. Ort: das OZ-Pressehaus, Richard-Wagner-Straße 1a. Eingeladen sind: Mathias Brodkorb, Kultusminister MV, Sewan Latchinian, Intendant des Volkstheaters, Stefan Rosinski, Kaufmännischer Geschäftsführer des Volkstheaters, Eva-Maria Kröger, Vorsitzende des Theater-Aufsichtsrates, Steffen Wandschneider
(SPD-Fraktion Rostock) und Lea Rosh, bundesweit bekannte Kritikerin und Autorin. Oberbürgermeister Roland Methling (UFR) hat gestern abgesagt. Interessierte sind herzlich willkommen!

 



Frank Pubantz