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Rostock Was die jüdische Gemeinde in Rostock so besonders macht
Mecklenburg Rostock Was die jüdische Gemeinde in Rostock so besonders macht
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05:12 17.05.2019
Sie stehen stellvertretend für das lebendige jüdische Leben in Rostock: Leonid Bogdan (v. l.), Juri Rosov und Arkady Tsfasman. Die jüdische Gemeinde in der Hansestadt feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Quelle: Andreas Meyer
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Rostock

In Rostock gelten gelegentlich andere Regeln als im Rest des Landes. Und das gilt auch für die jüdische Gemeinde in der Hansestadt. Während Synagogen in anderen Städten bis heute rund um die Uhr bewacht werden (müssen), sucht man vor dem Gotteshaus der Gemeinde in der Steintor-Vorstadt vergebens Streifenwagen, Wachhäuschen, Absperrungen. All das gibt es nicht. Und auch keine Angst, keine Sorge bei den Rostocker Juden: „Unser Haus steht allen Menschen offen. Ganz gleich, welchen Glauben sie haben“, sagt der Vorsitzende Juri Rosov. In diesem Jahr wird die Gemeinde 25 Jahre alt. Und sie gehört zu Rostock wie die (christlichen) Kirchen.

Mittelpunkt des Lebens

Wer das Gemeindezentrum betritt, fühlt sich schnell wie zu Hause. Es ist ein Ort, der weniger sakral, vielmehr familiär anmutet. An den Wänden hängen von Kindern selbst gemalte, bunte Bilder. Und viele, viele Fotos. Aufnahmen von Feiern, von Festen, von gemeinsamen Abendessen. Fröhliche Erinnerungen, wie sie in vielen Rostocker Wohnzimmern gerahmt an den Wänden hängen. Und das passt: „Wir haben dieses Haus mit Leben erfüllt“, so Rosov. Das Gemeindezentrum ist die gute Stube der Gemeinde.

Vier Mal die Woche treffen sich Rostocks Juden hier zum Gebet. In der kleinen, aber festlichen Synagoge, die zu dem Gebäudeensemble gehört. „Unsere Gemeinde fußt auf drei Säulen“, erklärt Rosov. Die Spirituelle, das gemeinsame Gebet, ist nur eine davon. „Zu den Gottesdiensten kommen mal 20, mal 30, mal mehr Gläubige.“ Die Minjan – das Quorum von zehn mündigen Juden, die laut der Tora für einen vollständigen Gottesdienst nötig sind – erfülle die Gemeinde immer. „Die Minjan sind nicht sehr jung, aber besonders jüdisch“, sagt Rosov mit einem anerkennenden Lächeln. Trubel herrscht aber an allen Tagen. Und das liege vor allem an den anderen beiden Säulen. An der „Sozialabteilung“ der Gemeinde etwa, die älteren Mitgliedern hilft – vor allem bei Sprachproblemen im Umgang mit Ärzten, Behörden, im Alltag. „Der größte Teil unserer Mitglieder stammt aus der ehemaligen Sowjetunion“, sagt der Vorsitzende.

Dann ist da noch die kulturelle Säule, die tragende sozusagen: Nach dem Aus für das jüdische Theater „Mechaje“ gibt es wieder eine Theater-Gruppe in der Gemeinde. Geleitet vom Kantor und früheren Vorsitzenden Leonid Bogdan. Die Schauspieler feiern am Wahlwochenende Premiere ihres neuen Stücks, gehen auch wieder auf Reisen in andere Städte, spielen auf Deutsch und auf Russisch. Insgesamt sieben „Clubs“ – vom Schachtreff bis zum Wissensclub – gibt es. Fünf weitere für Kinder. Das Wochenprogramm der Veranstaltung passt gerade mal so auf ein DIN A4-Blatt. Auch einen eigenen Sportclub gibt es: Makkabi Rostock.

Kleine Gemeinde, keine Angst

580 Mitglieder hat die Gemeinde derzeit. Sie schrumpft. Das hat die jüdische Gemeinschaft mit den christlichen Kirchen gemein. „Vor zehn Jahren hatten wir noch 730 Mitglieder“, sagt Rosov. Viele, gerade junge Mitglieder ziehen weg. Gehen zum Studieren oder zum Arbeiten in andere Städte. „Aber meist bleiben sie dem Judentum treu.“ Im Gotteshaus der Gemeinde seien aber nicht nur Juden willkommen: Jeder darf an den Veranstaltungen teilnehmen. „Das ist für uns selbstverständlich. Und das ist in Rostock auch problemlos möglich“, so Rosov. Anderenorts seien Synagogen bewacht und abgesperrt. „Als wir mal mit dem Theater ,Mechaje’ auf Reisen waren und in Straßburg die Synagoge besuchen wollten, wurden wir nicht reingelassen. Zu groß war dort die Angst“, erzählt der Vorsitzende. In der Hansestadt ist das anders. Die jüdische Gemeinde – sie ist ein lebendiger Teil der Stadt. In Rostock ist das nichts Besonderes mehr, in anderen Städten hingegen schon. „Es ist entspannt in Rostock. Wir haben zu den christlichen Kirchen und auch zur Islamischen Gemeinde gute Kontakte, stehen immer in Verbindung.“

Regelmäßig besuchen auch Schulklassen und Studenten das Zentrum an der Augustenstraße. Das sei wichtig für das gegenseitige Verstehen, sagt Kantor Bogdan. Wie wichtig, habe er vor einigen Jahren erlebt: Eine Lehrerin aus Güstrow hatte um einen Termin gebeten, kam mit drei Schülern nach Rostock. „Zwei der Schüler haben mir zur Begrüßung die Hand gegeben. Einer nicht“, erinnert sich Bogdan. Die Eltern dieses Jungen waren in der rechtsextremen Szene aktiv. „Er wollte auch nicht in die Synagoge. Er saß also auf einem Stuhl auf dem Flur und hat alles beobachtet.“ Am Ende habe ihn Bogdan gefragt, ob all die Vorurteile, die seine Eltern ihm eingetrichtert hatten, stimmen würden: „Er sagte ,Nein’ und gab mir zum Abschied die Hand. Das war mein Sieg über die Vorurteile. Ich hatte ihm gezeigt, dass wir Juden wie andere Menschen sind, die selben Sorgen und Nöte haben.“

Auferstehung nach der Wende

Als 1990 die DDR-Zeit endete, gab es in der Hansestadt nicht einen gemeldeten Juden. „Und die Gemeinde gab es nur noch auf dem Papier. Erst 1991 kamen die ersten Juden zurück nach Rostock“, erzählt Professor Arkady Tsfasman. Er hat die Geschichte der Gemeinde in mehreren Büchern aufbereitet. Zwölf Familien siedelten damals zunächst nach Gelbensande, dann nach Rostock um. „Sie kamen aus Israel, flohen vor der Intifada“, so Tsfasman. 1992 wurde dann die israelitische Landesgemeinde in Schwerin gegründet. „Doch unsere Gemeinde war so stark gewachsen, dass in Rostock eine eigene gegründet wurde.“ Tsfasman weiß: „Es gibt schlafende jüdische Gemeinden – und sehr lebendige. Wir Rostocker sind sehr lebendig.“ Das sei, lobt er, vor allem auch Juri Rosov zu verdanken: „Er ist ein intelligenter, toleranter Mensch.“ Rosov habe konservative, orthodoxe und liberale Juden in der Hansestadt geeint. „Seine Leitung ist ein Glücksfall. Er bringt alle zusammen.“ Alle können zusammen beten, lachen, feiern. „Essen ist in unserem Glauben sehr wichtig. Und Wodka, Wein und Liebe sind im Judentum keine Verbrechen“, so Tsfasman. Wenn er das sagt, spürt man seine Lebensfreude, die der gesamten Gemeinde.

Andreas Meyer

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