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Rostock Rostocks Archiv liegt auf dem Grund der Ostsee
Mecklenburg Rostock Rostocks Archiv liegt auf dem Grund der Ostsee
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07:59 26.12.2018
Vor Hohe Düne hat die Gesellschaft für Schiffsarchäologie alte Küstenschutzanlagen und Schiffswracks aus dem Mittelalter entdeckt. Quelle: Martin Siegel
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Rostock

Das Weihnachtsfest 1459 – es könnte für die damals noch junge Hansestadt alles andere als fröhlich verlaufen sein: Am Donnerstag vor den Feiertagen hatte eine schwere Sturmflut die Hohe Düne getroffen. Gut 1,8 Kilometer von der heutigen Warnowmündung entfernt rissen die Naturgewalten einen Durchbruch in die Landschaft. „Die Folgen der Weihnachtssturmflut haben die Hansestadt damals über mindestens 20 Jahre beschäftigt“, sagt Martin Siegel. Seit Jahren erforscht der 42-Jährige die Rostocker Hafen- und Küstengeschichte – zusammen mit seinen Mitstreitern der Gesellschaft für Schiffsarchäologie (GfS), am Grund der Warnemünder Bucht.

Taucher auf Spurensuche

„Unter Wasser bleiben die Relikte aus vergangenen Jahrhunderten bestens erhalten. Das Salzwasser konserviert die Funde – anders als an der Luft“, sagt Siegel. Er ist Forschungstaucher. Insgesamt gehören der Gesellschaft für Schiffsarchäologie in Rostock 43 Mitglieder an. Forschungs- und Sporttaucher, aber auch Hobby-Unterwasserarchäologen. „Uns eint die Faszination der Spurensuche im Meer“, sagt Siegel. In den Seen des Landes sind die Taucher aktiv, suchen nach Schiffswracks. Der Schwerpunkt der Arbeit aber liegt seit Jahren vor der Küste von Hohe Düne. Dort versuchen die Taucher der GfS „Puzzle-Teile der Vergangenheit“ zusammenzutragen, um Historikern zu helfen, Antworten auf große Fragen der Rostocker Stadtgeschichte zu finden: „Es gibt unterschiedliche Thesen, wo sich der Rostocker Seehafen im Mittelalter – bis zum frühen 15. Jahrhundert – befunden hat. Unter Wasser finden sich bis heute noch viele erhaltene Relikte aus dieser Zeit. Ein Archiv, das uns Antworten auf die offenen Fragen liefern könnte“, so Siegel.

„Hohe Düne ist für die Landes- und Stadtgeschichte ein ganz spannender Ort“, sagt auch Dr. Hans-Jörg Karlsen, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Uni Rostock und Leiter des geplanten Archäologischen Landesmuseums. Auch er will sich künftig stärker mit der These von einem zweiten Warnemünde befassen: „Wir vermuten einen alten Hafen im Bereich des Breitlings, haben bereits erste geomagnetische Untersuchungen auf dem heutigen Marine-Gelände vorgenommen.“ Alte Karten würden darauf deuten, dass es im Osten eine weitere Zufahrt zur Warnow gab, die sogar wichtiger als der heutige Strom gewesen sein könnte. „Und es gibt Berichte über alte Wehrtürme, die von Rostock errichtet wurden.“ Das Ganze soll sich zur Zeit der Auseinandersetzungen zwischen der Hanse und Dänemark zugetragen haben. Auch Dr. Steffen Stuth, Leiter des kulturhistorischen Museums der Hansestadt, sagt: „Das Gebiet von Hohe Düne gehört bereits seit dem 13. Jahrhundert zur Hansestadt. Das war in Konflikten mit den Dänen und den Fürsten ein neuralgischer Punkt. Die Küste wurde von den Rostockern schon damals gesichert – gegen die Natur und gegen Feinde.“ Um mehr zu erfahren, sind die Historiker auf die Taucher angewiesen.

Bollwerke, Wracks und Buhnen

„Unter Wasser finden wir mal ganze Schiffswracks, mal komplette Bollwerke, mal auch nur kleine Überreste: Ich finde das total spannend. Weil jeder Fund einen Beitrag leisten kann, Rostocks maritime Geschichte besser zu verstehen“, sagt Siegel. Schon vor Jahren wurden etwa 200 Meter von der heutigen Küstenlinie entfernt, in rund fünf Metern Tiefe, alte Bollwerke entdeckt. „Insgesamt gibt es mittlerweile zwölf Fundplätze vor Hohe Düne. Allein seit 2010 haben wir acht davon bei unseren Tauchgängen entdeckt“, so Siegel. „Und wir haben Hinweise, dass wir noch weitere Strukturen unter Wasser finden, die einst von Menschen geschaffen wurden.“

So dokumentieren und vermessen Taucher die historischen Funde vor der Rostocker Küste.

In diesem Jahr entdeckten die Taucher eine neue Fundstelle, die bisher nicht bekannt war: „Wir haben unter Wasser Pfähle gefunden“, erzählt Siegel. Jedes einzelne Relikt wird unter Wasser nummeriert, fotografiert, dokumentiert. „Mit speziellen Bojen bestimmen wir die exakte Lage via Satellitennavigation.“ Mit moderner Technik werden 3D-Modelle der Fundstellen erzeugt. „Denn nicht jede Fundstelle kann auf Dauer erhalten werden. Wir sichern sie daher digital.“

Ein altes Schiffswrack, das bereits 2013 entdeckt wurde, liefert nun weitere Indizien dafür, was vor Hunderten Jahren passierte – und wie die Küste damals ausgesehen haben könnte: „Das Schiff liegt heute rund 200 Meter vom Ufer entfernt. Wir haben es in diesem Jahr mit interessierten Tauchern aus ganz Deutschland untersucht“, so Forschungstaucher Siegel. Proben wurden entnommen und ausgewertet. „Das Wrack stammt aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Auffällig ist, dass das Schiff mit schweren, großen Steinen beladen war – und das es direkt vor einem Bollwerk aus Pfählen lag, das auch noch mit Torf und Sträuchern verfüllt worden war.“ Die Theorie der Unterwasser-Archäologen: Wo heute das Wrack unter Wasser liegt, muss vor knapp 600 Jahren die alte Küstenlinie verlaufen sein. Genau an dieser Stelle hatte sich die Weihnachtssturmflut 1459 durch das Land gefressen. „Doch das war für die damaligen Schiffer ein Problem. Solche Durchbrüche hatten zur Folge, dass die Strömungsgeschwindigkeit im Hauptfahrwasser der Warnow abnahm – und die Zufahrt zur Hansestadt in Warnemünde zu versanden drohte“, erklärt Siegel.

Küstenschutz schon vor 500 Jahren

Weil Rostocks Unabhängigkeit und Wohlstand vom freien Handel über das Meer abhingen, mussten die Durchbrüche also schnell wieder geschlossen werden. Akten aus dem Jahr 1412 belegen, dass bereits damals mit einer Art Pflug der Grund des Alten Stroms gelockert wurde, damit der Fluss die Sedimente ins Meer spülen konnte. „Wir vermuten, dass das Schiff notdürftig geflickt und dann absichtlich im Durchbruch bei Hohe Düne versenkt wurde. Anschließend wurde das Bollwerk errichtet.“ Siegel weiter: „Das Schiff ist auf die Seite gekippt, der Rumpf unter der Last der Steine zerbrochen.“ Analysen der Rostocker Spezialfirma Innomar haben unter dem Wrack eindeutige Hinweise auf eine Art Rinne geliefert. Mehr als 20 Jahre – so geht es aus historischen Akten hervor – hätten die Rostocker gebraucht, um an diesem einen der vielen erhaltenen Küstenschutz-Bauwerke zu arbeiten. „Die Rostocker haben also schon vor fast 600 Jahren massive Anstrengungen unternommen, um ihre Küste zu schützen.“

In den kommenden Jahren will die GfS weiter forschen. „Wir suchen noch Helfer an Land. Menschen, die für uns alte Schriften übersetzen – damit wir die Funde unter Wasser mit historischen Dokumenten abgleichen können“, sagt Siegel. Denn er ist überzeugt: „Am Grund der Ostsee werden wir noch viel mehr Funde machen, um Rostocks Hafen- und Küstenentwicklung weiter erforschen zu können.“ Denn genau das sei das Schöne an der Unterwasser-Archäologie: „Das Meer macht uns immer wieder Geschenke, hält einmalige Schätze der Geschichte für uns bereit. Wir müssen sie nur finden.“

Andreas Meyer