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Rostock „Wir brauchen echten Bürokratieabbau“
Mecklenburg Rostock „Wir brauchen echten Bürokratieabbau“
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15:53 16.07.2018
Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Herr Madsen, die Industrie- und Handelskammer zu Rostock ist auch 2018 wieder Stifter des Nachfolgepreises. Ziel ist, gut vorbereitete und gelungene Firmenübernahmen in MV zu würdigen. Ist die Suche nach einem Nachfolger ein Problem in Mecklenburg-Vorpommern?

Claus Ruhe Madsen: Aber ja! Rund 12000 Unternehmen in ganz Mecklenburg-Vorpommern stehen in den nächsten Jahren zur Nachfolge an.

Warum sollte ich eine Firma übernehmen?

Also wenn ich mir zum ersten Mal ein Auto kaufe, dann nehme ich ja auch keinen nagelneuen Ferrari – sondern gucke erst mal bei den Gebrauchtwagen. Im besten Fall läuft die bestehende Firma prima, hat hochmotivierte Mitarbeiter, viele solvente Kunden. . .

Nicht bis zum letzte Tag warten

Und dennoch gibt es nicht genügend Übernahmekandidaten für Firmen...

Na ja – wenn ich mein Auto verkaufen will, dann darf ich auch nicht bis zum letzten Tag mit dem kaputten Blinker und der hakligen Schaltung weiterfahren, und ich sollte auch nicht Sitze und Radio ausbauen. Will ich meine Firma verkaufen, muss ich sie zuvor auf den besten Stand bringen – sie attraktiv für den Übernehmer machen. Aber das klappt nicht immer...

Ab wann sollte man als Firmeninhaber und Chef an das Thema Nachfolge denken?

Das ist abhängig vom Geschäftsmodell: Habe ich ein Hightech-Unternehmen wie Centogene (eines der weltweit führenden Unternehmen in der Diagnostik angeborener Erkrankungen, Sitz in Rostock, d. Red.) oder einen Kiosk? Wichtig ist eine vernünftige Übergabe mit einem klaren Fahrplan, bis wann alles geklärt ist.

Und danach?

Danach sollte sich der ehemalige Chef und Inhaber nicht mehr einmischen. Die neuen Besitzer brauchen Freiraum, die Firma muss auf Veränderungen reagieren können. Oder – um beim Beispiel Gebrauchtwagen zu bleiben: Vielleicht bekommt der Wagen eine neue Farbe, aber deshalb sollte ich nicht weinen. Wenn die Firma mein Baby war, darf ich die Entwicklungen nicht einschränken.

Die Suche nach dem richtigen Nachfolger

Wie kann ich denn einen geeigneten Nachfolger für mein Unternehmen finden?

Zuerst könnte ich in der eigenen Familie suchen. Bleibt das ohne Erfolg, dann unter den Mitarbeitern, bei Freunden und Bekannten, aber eventuell auch bei Mitbewerbern. Hilfreich können auch Unternehmensbörsen und Anzeigen in Fachzeitschriften sein – und wenn sich am Ende keine Lösung aufzeichnet, muss man vielleicht auch über Liquidation nachdenken . . .

Wer könnte bei der Suche helfen?

Wir natürlich – die Kammern, aber auch Banken und Sparkassen. Da ist viel Know-how – und das Bestreben, alteingesessene kleine und mittelständische Firmen vor dem Aussterben zu schützen.

Wie genau kann die IHK zu Rostock helfen?

Zum Beispiel bieten wir monatlich Beratungstage zum Thema Unternehmensnachfolge an – die sind immer sehr gut nachgefragt. Und zwar von potenziellen Übergebern und Übernehmern gleichermaßen. Und wir betreuen für unseren Kammerbezirk als Regionalpartner die bundesweite Nachfolgebörse (www.nexxt-change.org, d. Red.).

Wünsche an die Politik

Anderes Thema: Was wünschen Sie sich von der Politik?

Es sollte sich lohnen, Unternehmer zu sein. Dazu nötig wäre echter Bürokratieabbau. Mein Gestaltungsspielraum als Unternehmer wird immer kleiner, der Papierkram dagegen wächst immer weiter. Ich muss mich um Datenschutz-, Feuerschutz- und Arbeitsschutzbeauftragte kümmern. Förderlich wäre eine Entlastung bei der Unternehmenssteuer: Belohnt werden sollten vor allem die Unternehmen, die ihre Gewinne nicht ausschütten, sondern Rücklagen bilden und investieren. Bei Innovation und Forschung sollten 120 Prozent der Kosten auf die Steuer anrechenbar sein, dies wäre besser als blinde Förderung. Die führt zu Ungerechtigkeiten, zu unfairem Wettbewerb.

Wie sollte kluge Förderpolitik statt dessen sein?

Unternehmensübergreifend. Man kann zum Beispiel Gewerbegebiete fördern, Unterwasser-Forschung, einen Gemeinschaftsstand auf der Cebit, an dem sich Firmen beteiligen können.

Luczak Thomas