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Rostock Zwack, da war die Zunge ab
Mecklenburg Rostock Zwack, da war die Zunge ab
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21:45 12.01.2014
Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Kommissar Bukow (Charly Hübner) sind in „Liebeswahn“ schockiert über den Sachverhalt und die Aussage des Taxifahrers (Tim Grobe).
Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Kommissar Bukow (Charly Hübner) sind in „Liebeswahn“ schockiert über den Sachverhalt und die Aussage des Taxifahrers (Tim Grobe). Quelle: Christine Schröder/NDR
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Rostock

Ach, guck! Die Ärztin? Na, das ist jetzt wirklich mal eine überraschende Täterin! Aber was war das jetzt gerade, fragt man sich nach 90 Minuten Nervenreiben. Psychothriller? Liebesdrama? Horrorfilm? Ein packender, düsterer und ungewohnt blutiger Streifen ist er jedenfalls, dieser neunte Rostocker „Polizeiruf 110“. Wäre er doch nur nicht so überfrachtet!

Schon nach den ersten Minuten denkt man: Uhhh, da sind Drehbuchautor und Regisseur Thomas Stiller ein paar Gäule zu viel durchgegangen. Allein die sexuellen Praktiken, die Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau; erstmals mit dunklen Haaren! Gewöhnungsbedürftig!) da bei einer Dienstbesprechung herunter rattert: „Swinger-Clubs, BDSM, Bondage, Dominant, Sadism, Masochism“. Und Opfer Jürgen, ein Lehrer, der in der Sado-Maso-Szene verkehrt, verblutet, weil ihm - zwack - die Zunge mit einer Gartenschere abgetrennt wurde. Die Zunge! Junge, Junge…

Und es geht so weiter! Da wird Profilerin König beim Joggen angestochen. Da hockt ein gefesselter Kommissar Bukow (wieder genial: Charly Hübner) im Folterkeller. Da stöhnt Bukows Frau Vivian (überzeugend: Fanny Staffa) in den Armen seines Kripo-Kollegen Volker (ganz gut: Josef Heynert) einen Orgasmus heraus, während - etwas bemüht gegengeschnitten - ihr Sohn fast erstickt bei einem Asthma-Anfall. Und am Ende erschießt Kommissarin König auch noch voll dramatisch die liebeskranke Ärztin Clara Fischer (genial gespielt von Alma Leiberg).

Meine Herren! Da fehlen nur noch Drogen und die Russenmafia - dann wären die menschlichen Abgründe in „Liebeswahn“ so gut wie abgearbeitet. Wobei: Die Russenmafia wird zumindest erwähnt. Und was Drogen anbelangt: Deutet sich bei Kommissarin König etwa ein Alkoholproblem an? Kaum wird’s Feierabend, hebt sie einen! Nanu! Feuchte Bewältigung der Vergangenheit, die, wie sie sagt, „’n’ zäher Hund ist“?

Ihre Sprüche bleiben jedenfalls herrlich furztrocken. „Hat ’n bisschen Stock im Arsch, die Gute, oder?“, koddert sie etwa nach einer Vernehmung. Und der eh oft knurrige Bukow steht ihr in nichts nach. Schon die beiden Hauptdarsteller machen diesen intensiven, mitreißenden Sonntagskrimi sehenswert. Da verzeiht man auch gern die kleinen Ungereimtheiten. So spielt die Geschichte um den 17. März 2013, wie der Bildschirm anzeigt, an dem Katrin König E-Mails empfängt („Dein langhaariger Kollege fickt Bukows Frau.“). Zu der Zeit - wir erinnern uns gut - lag noch Schnee in Rostock! Die Leute im „Polizeiruf“ laufen aber leicht bekleidet wie im Frühling herum. Und einen Dominikweg/Ecke Ossietzkystraße, wo die Kommissarin fast verblutet, gibt es zwar in Hamburg - dem zweiten Drehort dieser Folge - aber nicht in Rostock.

Überhaupt: Rostock! Schade, dass die Stadt kaum zu sehen ist. Kurz mal die Borwinschule, flüchtig der Stadthafen, unscharf der Uni-Platz: Das war in vergangenen Folgen schon mal anders, lieber NDR! Andererseits: Das viele Schmuddelzeugs in diesem „Polizeiruf“ passt auch gar nicht recht zur schönen und stolzen Hansestadt.

Thomas Pult