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Rostock Zwischen Stasi-Macht und Whistleblowern
Mecklenburg Rostock Zwischen Stasi-Macht und Whistleblowern
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06:04 02.09.2015
US-Bestseller-Autor Jonathan Franzen erzählt in seinem neuen Roman „Unschuld“ von Varianten der Manipulation und totalen Kontrolle.
US-Bestseller-Autor Jonathan Franzen erzählt in seinem neuen Roman „Unschuld“ von Varianten der Manipulation und totalen Kontrolle. Quelle: Tamas Kovacs / Dpa
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Rostock

Fünf Jahre nach seinem Roman „Freiheit“ widmet sich Jonathan Franzen (56) nun ihrer Kehrseite, der Manipulation. In seinem am Freitag unter dem deutschen Titel „Unschuld“ erscheinenden Roman (Original „Purity“) verfolgt er in einem 50 Jahre umspannenden komplexen Handlungsnetz die steile These, das Internet sei die DDR von heute. In seinem erzählerischen Geflecht wechselseitiger Spiegelungen der Totalitarismus-Varianten begegnen sich DDR-Geschichte und die moderne Multimediawelt.

Zentrale Gestalt ist Andreas Wolf, 1960 in Ost-Berlin geboren, Neffe des ehemaligen DDR-Spionagechefs Markus Wolf. Er ist sexbesessen, will aber auch Gutmensch sein und betreibt daher im Urwald Boliviens die Enthüllungsplattform „Sunlight Project“.

Andreas blickt auf eine turbulente Jugend zurück, als Dichter von Gedichten, die sich für den Sohn eines DDR-Staatsökonomen nicht gehörten, und als Dissident geriet er in eine schwierige Lage. Da seine Partnerin von ihrem Stasi-Stiefvater missbraucht worden war, töteten ihn die beiden. Als im November 1990 die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße gestürmt wird, ist er dabei – er will seine Akte. Darin ist erfasst, dass er diesen Mord beging. Er lässt sie verschwinden, die Tat wird er nie wieder los.

Für Andreas bestehen Parallelen zwischen dem Sozialismus und dem Internet. „Wie die alten Politbüros“, erklärt er, „stellte sich auch das Neue als Feind der Elite und Freund der Massen dar, darauf aus, den Konsumenten zu geben, was sie haben wollten.“ Es bleibt das gleiche Muster moderner Manipulationskultur: Menschen anlocken, besetzen, vergiften, ausnehmen. Immer geht es darum, sie in Aufruhr zu versetzen, in Angst - und sie damit benutzbar zu machen.

Info:

Jonathan Franzen: „Unschuld“, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld, Rowohlt, Reinbek, 830 S., 26,95 Euro.



OZ