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Mecklenburg „Wir werden Google überflügeln“
Mecklenburg „Wir werden Google überflügeln“
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17:39 05.04.2019
Prof. Dr. Dirk Roos.
Prof. Dr. Dirk Roos. Quelle: privat
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Bad Doberan/Krefeld

Im März vor drei Jahrzehnten meldete die OZ aus Altenhagen, dass junge Leute des Dorfes Lindenbäume zur Ortsverschönerung gepflanzt hätten. Laut Ortschronik gehörte auch Dirk Gerdel, der Sohn des langjährigen Bürgermeisters, Willy Gerdel, zu dieser Gruppe. Was weiß der heute 49-Jährige noch von dieser Aktion, die Altenhagen immerhin zahlreiche kräftige Straßenbäume bescherte – und was ist aus dem jungen Mann von einst geworden?

„Also ich kann mich dunkel daran erinnern, dass wir da tatsächlich unterwegs waren. Wir haben im Dorf ja viel gemacht. Ich denke, dass ich in der Breitscheid-Allee Bäume gepflanzt habe“, sagt dazu Prof. Dr. Dirk Roos – wie er heute heißt – und meint, dass so ein Ereignis nicht nur seinem Vater, dem Organisator, Spaß gemacht hätte, sondern auch den jungen Teilnehmern: „Sie fühlten sich dadurch wichtig vor den Erwachsenen und achteten dann auch darauf, dass den Bäumen nichts passiert.“ Ihm sei aber erst später bewusst geworden, wie schön grün das Dorf dadurch geworden ist und dass sich sein Vater schon Gedanken darüber gemacht hätte, wie das Dorf in zehn, fünfzehn Jahren aussehen könnte. „Wenn man das sieht, wie sich das Dorf verändert und eben nicht nur zerfällt oder so bleibt wie es ist, ist das schon ein besonderes Gefühl“, schätzt Dr. Roos ein.

Verdeckte Arbeitslosigkeit und fehlende Anreize

Nachdem seine Eltern 2017 verstorben sind, sieht er Altenhagen einmal im Jahr zum traditionellen Familienfest im Frühjahr. Das Dorf verlassen hatte er aber eigentlich schon mit 17 Jahren. Denn er musste nach Schwerin an die Betriebsberufsschule (BBS) des dortigen VEB Bau- und Montagekombinats, weil er das Abitur machen wollte und es an der Erweiterten Oberschule in Bad Doberan nicht durfte: „Allein wenn man auf die Wahrheit hingewiesen hat, war man hier ja schon verdächtig.“ So hatte Dirk Gerdel früh von verdeckter Arbeitslosigkeit in der DDR und oft fehlender leistungsgerechter Entlohnung erfahren: „Mein Vater ist zum Beispiel vormittags rumgelaufen und hat bestimmte Leute wecken wollen, doch die waren noch betrunken. Dann hat er es nachmittags erneut versucht – andere mussten für solche mitarbeiten.“ Wer offene Augen und Ohren hatte, habe vieles mitbekommen, was nicht funktionierte: „Die Frage war nur, ob man auch darüber gesprochen hat.

Eine Auswahlkommission – auch mit SED-Bildungsfunktionären des Kreises – war Mitte der 1980er Jahre dem damaligen Staatsbürgerkundelehrer gefolgt, der für Dirk Gerdel schließlich kein grünes Licht gegeben haben soll, sondern wohl nur rote Ampeln aufleuchten ließ. Aber der Vater legte Beschwerde ein und drohte mit seinem Parteiaustritt, weil er nicht in einem Land politisch aktiv sein wolle, wo jemand, der zu den Leistungsstärksten der Schule gehöre, nur deswegen kein Abitur machen dürfe, weil er offen seine Meinung sage.

Die Stasi hielt sich dann zurück

Auch während der drei BBS-Jahre in der Baufacharbeiter-Abiturklasse bis September 1989 hielt Dirk Gerdel mit seiner Meinung nicht hinterm Berg und hatte deshalb sogar Vorladungen bei der Staatssicherheit, wie er erzählt. Die Stasi-Leute hätten ihm angedroht, dass er die Abiturklasse – „Ich war da der Zweitbeste – verlassen müsse. „Doch da drohte mein Deutschlehrer wiederum damit, dass er dann auch die Schule verließe. Irgendwann hat die Staatssicherheit dann ihre Strategie geändert und versucht, mich anzuwerben.“ Sie wussten offensichtlich, dass Gerdel schon lange auch in kirchlichen Kreisen unterwegs war – bereits in Bad Doberan und Umgebung sollen mehrere Pfarrersöhne zu seinem Freundeskreis gehört haben. Dirk Gerdel will der Stasi dann neben seiner strikten Ablehnung der Zusammenarbeit ( „Ich wollte doch nicht Freunde verraten“) angeboten haben, dass die Mitarbeiter doch an Veranstaltungen teilnehmen sollten. „Ich sagte: Hören Sie es sich an, diskutieren Sie mit, dann erfahren Sie doch alles aus erster Hand. Sie ließen mich in Ruhe – da merkte ich, dass im Land irgendetwas anders geworden war. Dann kamen die Montagsdemonstrationen.“

„Wenn etwas erzählt wird, von dem jeder weiß, dass es unwahr ist, schalten die Leute ab und man hilft nicht der Entwicklung einer Gesellschaft“, geht Dr. Roos mit der Propaganda von einst ins Gericht. Er räumt aber auch ein, dass er der damaligen Gesellschaft noch eine Chance gegeben habe: Aber nur, wenn sie wirklich die Wahrheit erzählt und den Menschen die Wahl gelassen hätte.

Auf einer Baustelle beinahe ums Leben gekommen

Als gelernter Maurer, Baufacharbeiter mit Abitur und Student des Bauingenieurwesens erlebte Dirk Gerdel den Mauerfall. In seiner ersten Vorlesung an der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen – es ging um Mechanik, um angewandte Mathematik – habe ihn der Dozent „so fasziniert und inspiriert“, dass er von da an wusste, dass er Professor für Mathematik und Mechanik werden wollte. Nach seinem fünfjährigen Studium plante er zunächst für ein Jahr als Statiker in einem Ingenieurbüro zu arbeiten und sich die reale Welt auf einer Baustelle anzuschauen. Das sei einerseits sehr langweilig und andererseits sehr gefährlich gewesen: „Ich habe einige Bauunfälle gesehen und wie schlampig gebaut wird, nicht nach der Norm.“ Nachdem er in einen, nur mit einer dünnen Platte abgedeckten, Schornstein gerutscht war und ihn zwei portugiesische Bauarbeiter vor Schlimmerem bewahrt hatten, ging er wieder schnurstracks in die Wissenschaft und bekam Lust auf den Maschinenbau: „Weil dort die Mathematik interessanter ist.“ So war der mittlerweile verheiratete Familienvater Dr. Dirk Roos – drei Kinder hießen schon vor der Hochzeit Roos – nach seiner Promotion (2002) in einem Maschinenbauunternehmen tätig und baute später in Weimar die Softwareentwicklungsfirma Dynardo GmbH mit auf. 2011 wurde er dann an der Hochschule Niederrhein in Krefeld Professor für Computersimulation und Optimierung.

Wir werden Google überflügeln

Fünf Jahre später übernahm er das Institut für Modellbildung und Hochleistungsrechnen, wo technische Systeme mittels Mathematik optimiert werden: „Wir ersetzen menschliche Intelligenz durch künstliche Intelligenz und Datenanalyse. Wir forschen an Flugzeugen, Gaskraftwerken, Elektromotoren, an neuen Batteriematerialien... .“ In Deutschland werde da sehr gründlich gearbeitet, „aber dann klappt es auch. Das ist ein Unterschied zu den USA oder asiatischen Konkurrenten“. Für Prof. Dr. Roos ist es „ganz klar, dass wir selbst Unternehmen wie Google beim autonomen Fahren irgendwann überflügeln, weil wir einfach die bessere Technik und die besseren Algorithmen haben als Google – da bin ich mir ganz sicher“. Nur die deutsche Politik sei momentan nicht betriebsfähig, auch wenn ein paar Staatssekretäre wüssten, wo es lang gehen könne: „Es existiert keine Leitlinie, was konkret gefördert werden soll und was die künftige Strategie ist.“ Und deshalb wolle die Industrie nicht eventuell in eine falsche Richtung investieren. Für die Menschen hat Dr. Roos noch einen Tipp: „Das was sich gesamtgesellschaftlich entwickelt, sollten wir als Angebote betrachten. Dabei sind bislang sowohl diejenigen, die diese Angebote angenommen haben, als auch die Verweigerer erfolgreich gewesen. Technikbegeisterte trieben Entwicklungen voran und die Skeptiker schauten mehr in die Vergangenheit. Es sind beide wichtig.“

Es wird ein Einkommen für jeden Bürger kommen

Doch der Wissenschaftler schaut in die Zukunft und meint, dass Arbeit nicht immer Lohnbeschäftigung sein werde. Man könne sich auch ohne Lohn beschäftigen – „im Ehrenamt zum Beispiel. Da wird man gebraucht mit seinen Fähigkeiten und ist gesellschaftlich genauso wichtig, wie in der bisherigen Arbeitsgesellschaft.“ Er glaube ohnehin, dass die Lohnarbeit langfristig wenig Zukunft habe: „Es wird immer so sein, dass Maschinen schneller und effektiver arbeiten. Die Arbeit für Lohn wird immer spezifizierter, immer komplizierter – nur noch sehr wenige werden sich mit solchen komplizierten Dingen beschäftigen wollen.“ Die sollten es tun und die anderen sollten sich gesellschaftlich betätigen, nach ihren Fähigkeiten. „Es wird eines Tages ein Einkommen für jeden Menschen geben – zumindest in Deutschland – mit dem man leben und sich frei entscheiden kann, ob man Lohnarbeit macht oder ob man sich einfach gesellschaftlich irgendwie einbringt. Beides ist wichtig und wertvoll.“

Jenen, die sich abgehängt fühlen, könne man sagen, sie sollten dann in die Richtung schauen, wo sie mit ihren Eigenschaften gebraucht werden. Wenn sie dafür hoffentlich eines Tages ein gesellschaftlich höher bewertetes Grundeinkommen bekämen – statt Hartz IV – wären sie auch wieder besser eingebunden und fühlen sich gebraucht. „Ich hoffe, das ist nur eine Frage der Zeit. Wenn wir dieses Problem nicht lösen, dann zerfällt dieses Land in zwei Teile – wir müssen es also lösen!“

Thomas Hoppe