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Wismar 1100 Wismarer stellen sich 250 Neonazis entgegen
Mecklenburg Wismar 1100 Wismarer stellen sich 250 Neonazis entgegen
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20:24 01.05.2019
Vom Bahnhof bis zum Marktplatz wuchs die Menschenmenge immer weiter an. Letzte Schätzungen gingen von 1100 Demonstranten für ein friedliches Miteinander aus. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

Mit solch einer Resonanz haben die Organisatoren der Demo „Wismar für alle“ nicht gerechnet. 1100 Menschen – so die letzte Schätzung der Polizei – haben am 1. Mai ein klares Signal gegen die zeitgleich stattfindende landesweite Demonstration der NPD in Wismar und die damit verbundene Ideologie gesetzt.

Politisches Friedensgebet in Heilig Geist

Eine Stunde vor dem NPD-Aufmarsch kommen gut 300 Menschen die Einladung zum politischen Friedensgebet in der Heilig-Geist-Kirche. Pastoren, Politiker, Gläubige, Atheisten, Christen, Muslime, Alte und Junge sagen gemeinsam „Friede uns allen, weil wir ihn brauchen“.

„Unsere Vielfalt ist stärker als deren Hass“ oder „Bunt ist viel bunter als Braun“, kommentiert Pastorin Anna Hala. Bürgermeister Thomas Beyer (SPD) macht Mut, auch im Alltag gegen diesen Alltagsrassismus Stellung zu beziehen. Denn in solch einer Demo unter Gleichgesinnten sich zu bewegen, sei vergleichsweise leicht. „Viel schwerer ist es, an der Bushaltestelle zu stehen mit Frauen, die Kopftücher tragen und deswegen angepöbelt werden, dazu die eigene Haltung deutlich zu machen und sich mit den Angepöbelten zu solidarisieren“, so der Bürgermeister.

Etwa 250 Neonazis gehen am 1. Mai in der mecklenburgischen Hansestadt Wismar auf die Straße gehen und demonstrieren. Etliche demokratische Initiativen haben Gegenproteste organisiert.

Bibel, Koran, Grundgesetz

Ein schönes Zeichen: aus der Bibel und aus dem Koran wird zitiert, dazu aus dem Grundgesetz zwischen Menschenwürde, Meinungs- und Religionsfreiheit und dem Recht auf Asyl. „Ob wir wollen oder nicht, wir sind alle Brüder! Egal welche Hautfarbe wir haben oder welche Religion. Wir müssen uns vertragen“, sagt Mohamed Almoalmi von der muslimischen Gemeinde in Wismar. Er begrüßt die Menschen mit den Worten „des Islam aller Zeiten“: „Salam aleikum“. „Friede sei mit euch!“ Die Friedensgebete sprachen Christen, Moslems und Atheisten zusammen.

Richtung Bahnhofsvorplatz

Mit bunten „Winkelementen“ und Transparenten ziehen die Menschen aus der Kirche Richtung Bahnhofsvorplatz. In der Zeit wächst die Zahl der „Wismar für alle“-Demonstranten auf gut 550 an.

Um 12 Uhr haben sich um die 80 NPD-Anhänger auf dem Wismarer Bahnhof versammelt, eine Stunde später sind es etwa 250. Über Lautsprecher gibt es die Anweisung, mit wie vielen Frauen und Männern sie sich in einer Reihe aufstellen und marschieren sollen. Die Polizei, die mit 670 Beamten in der Stadt ist, gibt letzte Anweisungen: kein Alkohol, keine Glasbehälter, keine Pyrotechnik und keine Vermummung. Die Gesichter müssen zu erkennen sein. Dann geht es los - zunächst zum Hafen, dann am Zeughaus entlang und in die Lübsche Straße hinein. In Höhe Einbiegung Holzdamm stößt die Polizei auf eine Sitzblockade. Einige Leute wollen den Neonazis den Weg versperren. Doch die Polizei räumt sie – unter Protestschreien – in wenigen Sekunden von ihrem Platz.

Rede am Spaßbad

Der Tross kann seinen Weg fortsetzen - und der ist laut Polizei etwa acht Kilometer lang. Immer wieder müssen Straßen und Kreuzungen gesperrt werden. Die Demonstranten passieren die Werft und machen Halt am Spaßbad. Dort hält Udo Pastörs vom NPD-Landesverband nach langer Abstinenz eine Rede. Die dauert etwa 20 Minuten. Er hetzt gegen Ausländer und die Bundesregierung. Viele Zuhörer – außer seinen Anhängern – hat er dabei nicht. Auf der einen Seite ist das Spaßbad, auf der anderen eine Sporthalle.

In der Schweriner Straße wird der NPD-Zug wieder gestört. Kleine Gruppe zeigen Transparente und die Stinkefinger. Die Neonazis rufen zurück und erreichen gegen 15.45 Uhr den Marktplatz. Dort gibt es die nächste Rede, die allerdings auch nicht wirklich gut zu hören ist. Denn Gegendemonstranten haben Pfeifen im Mund und trällern unentwegt. Viele Gegendemonstranten sind auf dem Weg nicht zu sehen. Doch das ist so gewollt. Um Ausschreitungen zu vermeiden sollen sich die Gruppen nicht begegnen.

Reden auf dem Marktplatz

Die Gegendemonstranten gehen am Lindengarten vorbei – trommelnd zum Polizeigebäude und dann die Altwismarstraße hoch Richtung Marktplatz. Bürgermeister Thomas Beyer knüpft an seine Gedanken aus der Heilig-Geist-Kirche an. Die Menschen sollen Haltung zeigen, damit Wismar auch morgen und übermorgen bunt sei. „Wismar soll auch morgen und übermorgen eine Stadt für alle sein. Wismar wird auch morgen und übermorgen neugierig, tolerant und weltoffen sein.“

Probst Marcus Antonioli erinnert an die Geschichte Deutschlands – am 2. Mai 1945 war auch in Wismar der Krieg zu Ende – und wie vor Kriegsende aus „Vorurteilen böse Taten und mörderische Strukturen wurden.“ „Gott hat uns Herz und Verstand gegeben, um aus der Geschichte zu lernen!“, so der Probst weiter.

Bunte Plakate und Wikinger

Johannes Ewert (34) und seine Jungs und Mädels ziehen die Blicke auf sich. Die Wismarer verkleiden sich in ihrer Freizeit gerne als Wikinger, um so kämpfend manch einen Mittelaltermarkt zu bereichern. „WikingerInnen gegen den Missbrauch von Runen“ steht auf ihrem großen Transparent. Darüber das „Sonnenrad“, das als Symbol bis auf die Bronzezeit zurückgeht und von den Nationalsozialisten als Hakenkreuz missbraucht wurde. „Unsere Kultur der Wikinger hat nichts mit Nationalsozialismus zu tun“, stellt Johannes Ewert seine Haltung dar.

„Menschenrechte statt rechte Menschen“, „Kein Plätzchen für Hetze“ oder „Wismar ist friedlich“ steht auf den Plakaten der Gegendemonstranten. „Meine Toleranz hört dort auf, wo Menschenhass beginnt“, hat Johannes Ruckick (16) aus Lübow auf sein Transparent geschrieben.

Abschluss am Hafen

Die Menschenmasse zieht weiter Richtung Hafen. Dort klappert die Kult- und Satirefigur Storch Heinar kräftig mit dem Schnabel. Ministerin Birgit Hesse (SPD) nutzt die Möglichkeit, an die am Sonntag verstorbene Landtagspräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Sylvia Bretschneider, und ihr Engagement gegen Rechts zu erinnern.

Die NPD-Demo wird gegen 16.30 Uhr am Bahnhofsvorplatz – dort wo die Gegendemonstranten ihre begonnen haben – beendet. Die Leute werden zu ihren Zügen und Bussen geschickt. Kurz darauf laufen auch viele Polisten dorthin. Doch Krawalle gibt es nicht, die Beamten sichern nur die Straßen ab. Das Fazit der Polizei: Die Veranstaltungen sind bis auf kleinere Sitzblockaden störungsfrei verlaufen. Insgesamt sind sieben Strafanzeigen wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz aufgenommen worden. Aber nicht wegen der Sitzblockaden, sondern die Leute hatten sich trotz Verbotes vermummt.

Mehr Infos:

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