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Wismar „Ein bisschen mehr als ein halbes Leben“
Mecklenburg Wismar „Ein bisschen mehr als ein halbes Leben“
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06:00 24.01.2019
Willi Kuß wünscht mit nem Köhm allen "een glückhaft godet nieget Johr", er feiert sein 60-jähriges Bühnenjubiläum. Das Foto entstand beim Adventskaffee 2014. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

 In diesen Tagen kann Willi Kuß sein 60-jähriges Bühnenjubiläum feiern. „Ein bisschen mehr als ein halbes Leben“, lacht der 84-Jährige. Und erzählt, wie er als schüchterner, Wismarer Jung auf die Bühne kam.

Er erlebte seine Lisa auf der Bühne. „Ich hab sie nach der Vorstellung angesprochen und wollte sie auf ein Likörchen einladen“, erzählt Willi Kuß. Und Lisa, so charmant und gerade heraus, wie sie immer noch ist: „Ich trink keinen Likör, ich trink Klaren! Ich bin Mecklenburger!“

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Willi Kuß kann in diesem Jahr sein 60-jähriges Bühnenjubiläum feiern. Er stand über 2200 Mal auf der Bühne und gehört zu denen, die „achter de Kulissen“ viel wuppen.

Die beiden sind ein Paar geworden, zum Glück für die daraus entstandene Familie und die Wismarer Theaterlandschaft. Das Herz von Lisa Kuß schlug aber genauso fürs Theaterspiel. „Ich hör doch nicht wegen eines Mannes auf“, sagte sie damals. Also fing Willi an.

Schüchterner junger Mann

„Vom ersten Mal auf der Bühne habe ich nichts mitbekommen, da hatte ich mehr mit mir selbst zu tun“, erzählt er vom Stück „Fuul Eier“ im Hotel „Sonne“. Er hat den Egon gespielt. „Wir waren das jugendliche Paar, ich in kurzen Hosen“, zeigt er das Foto von damals. Platt konnte er. „Wir haben zu Hause fast nur Platt gesprochen.“ Nur Bühnenerfahrung hatte er keine. Er lacht: „Ich war sehr verklemmt, so ein Interview wie jetzt hätte ich damals nie gemacht!“

Nun vertellt er mit leuchtenden Augen von den Stücken, den Rollen und den vergangenen sechs Jahrzehnten. 60 Jahre Niederdeutsche Bühne, 60 Jahre Theater. Mehr als 2200-mal stand Willi Kuß bei Vorstellungen auf der Bühne, dazu geschätzt 5000 Proben. Und das „Drumherum“ – Lesungen, Schwedenfest, CIOFF-Festival und vieles mehr.

Viel Ehrenamt auf und hinter der Bühne

Dazu kommen die Arbeiten, die der Zuschauer nicht sieht. Bühne bauen, Bühne abbauen, zu den Veranstaltungsorten außerhalb Wismars fahren, Bühne aufbauen. Organisieren, die Mannschaft zusammen halten. Texte überarbeiten und ins Mecklenburger Platt übersetzen. „Wir haben immer alles selbst gemacht“, erzählt Willi Kuß.

Seine Frau ist sich sicher, genau das hat das Team zusammen geschweißt und hält es immer noch zusammen. Denn gerade zu DDR-Zeiten wurde die Niederdeutsche Bühne als damals schon selbstständiger Verein ohne Trägerbetrieb nicht gefördert, eher argwöhnisch beobachtet. „Selbst bei den Arbeiterfestspielen wurden wir erst abgelehnt. Die haben dann aber eine Probe von uns besucht, wir wurden nominiert und bekamen die Goldmedaille.“

Wieso er der Niederdeutschen Bühne treu geblieben ist? „Ich bin ein typischer Mecklenburger, der rennt nicht von hier nach da und macht mal hier und mal da, der ist bodenständig.“ Und es macht Spaß! „Ich freu mich, wenn die Leute bei uns Spaß haben. Wir proben, proben und proben und glauben zuletzt selbst nicht mehr, dass das funktioniert. Aber wenn die Leute dann nach Hause gehen und sich über den schönen Abend freuen, das ist toll.“

Kritischer mit Texten

Für ihn selbst hat sich in den und mit den sechs Bühnenjahrzehnten viel verändert. „Ich bin kritischer geworden mit den Texten. Das war früher sicherlich nicht so, da habe ich die Texte genommen, wie sie dort standen.“ Auch sein Schauspiel hat sich – logisch – verändert. Er guckt sich die Rollen und Charaktere genau an, um sie ausfüllen zu können.

Schwanger Hans Draehmpaehl hat in den letzten Jahrzehnten den Maaten viele Stücke und Rollen auf den Leib geschrieben. „Jeder konnte sich so selber spielen“, schmunzelt Willi Kuß. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht, denn die Anzahl der spielbaren Stücke war gering ohne Importe aus dem Westen. Gefragt nach einer noch möglichen Traumrolle weiß er sofort eine Antwort. „Den eingebildeten Kranken auf platt! Auf hochdeutsch habe ich den schon gespielt.“

Das Theaterspiel hält offensichtlich jung. „Auf alle Fälle geistig, denn man ist gefordert beim Texte lernen!“ Willi Kuß schmunzelt und ist mecklenburgisch direkt: „Mich hat neulichst jemand gefragt, wie lange ich das noch mache. Ich bin mir sicher, wenn ich jetzt sage, ich hör auf und setz mich zu Hause hin, dann kann ich gleich mein Grab schaufeln!“

Also bitte weiter spielen!

Nicole Hollatz