Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Wismar Alle unter einem Dach: So lebt es sich im neuen Mehrgenerationenhaus in Bobitz
Mecklenburg Wismar

Bobitz: So lebt es sich im neuen Mehrgenerationenhaus

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:26 07.09.2021
Alt trifft Jung. Leben glücklich unter einem Dach: Christin Strehlau (34) mit Zeynep (1) und Vincent (8, r.), Christel und Wilfried Polzin (beide 67), Henry (2) sowie Hiltraut und Hartmut Hilgendorf (beide 69, l.). Ralf Gaul (3.v.l.) freut sich, dass sein Konzept bisher gut funktioniert.
Alt trifft Jung. Leben glücklich unter einem Dach: Christin Strehlau (34) mit Zeynep (1) und Vincent (8, r.), Christel und Wilfried Polzin (beide 67), Henry (2) sowie Hiltraut und Hartmut Hilgendorf (beide 69, l.). Ralf Gaul (3.v.l.) freut sich, dass sein Konzept bisher gut funktioniert. Quelle: Jana Franke
Anzeige
Bobitz

Den ehemaligen Kindergarten in Bobitz kannte Christel Polzin wie ihre eigene Westentasche. Die 67-Jährige war für die Reinigung zuständig. Hätte ihr damals jemand erzählt, dass sie einst in ihrer Arbeitsstätte wohnen wird, hätte sie denjenigen womöglich für verrückt gehalten. Aber jetzt, acht Jahre nach dem Aus- und Umzug der Kita, schläft sie im ehemaligen Schlafraum der Krippenkinder, erzählt sie lachend. Das 1981 errichtete Gebäude ist zu einem altersgerechten und barrierearmen Mehrgenerationenwohnhaus umgebaut und nun offiziell an die Mieter übergeben worden.

Erinnerungen an die Kita-Zeit: So sah das Mehrgenerationenhaus in Bobitz vor dem Umbau aus. Quelle: VGM Baustoffverwertungsgesellschaft mbH

Die Köpfe hinter dem Projekt sind Ralf Gaul und sein Schwiegersohn Maik Gaul von der VGM-Bauverwertungsgesellschaft mbH. Die Idee dahinter: Familien mit kleinen Kindern, Alleinstehende, Senioren und Menschen mit Behinderungen leben unter einem Dach. Entstanden sind 18 Wohnungen. Die kleinste ist 39 Quadratmeter groß und kostet 253,50 Euro Kaltmiete, die größte misst 94 Quadratmeter und ist für 611,50 Euro zu haben. „In der heutigen Zeit sind Lebensräume, in denen sich Menschen bewusst, respektvoll und hilfsbereit begegnen, nicht selbstverständlich“, erklärt Ralf Gaul. Gerade für ältere Menschen, die ihren Alltag nicht mehr allein bewältigen können, bleibe das Wohnen auf dem Land keine Option mehr.

„Wir hatten sehr viele Anfragen“

Ähnlich erging es Christel Polzin und ihrem Mann Wilfried Polzin. Sie hatten ein eigenes Haus in Bobitz. Die 170 Quadratmeter große Wohnfläche und das 2000 Quadratmeter große Grundstück waren für das Rentnerehepaar aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu bewältigen. „Ich wollte aber in Bobitz bleiben“, erklärt Christel Polzin. Dann erfuhren sie, dass aus der ehemaligen Kita, dem bis dato grauen Betonklotz, ein Haus voller Farben, Freude und Leben mit Bewohnern unterschiedlichen Alters werden soll, die sich unterstützen, füreinander da sind und sich somit eine hohe Lebensqualität bis ins hohe Alter sichern. „Das Konzept hat uns sofort überzeugt“, sagt Wilfried Polzin. Am 1. April bezogen sie ihre 87 Quadratmeter große Wohnung und waren somit die ersten Mieter des Hauses. „Wir sind überglücklich und haben es nicht bereut“, freut sich Christel Polzin.

Das Mehrgenerationenhaus ist nun offiziell eingeweiht. Hier leben Familien mit kleinen Kindern, Alleinstehende und Senioren unter einem Dach. Quelle: Jana Franke

Mit dem Bekanntwerden des Umbaus stand das Telefon von Ralf Gaul nicht mehr still. „Wir hatten sehr viele Nachfragen“, sagt er. Kein Wunder: In der fast 2500 Einwohner zählenden Gemeinde Bobitz gibt es etwa 945 Einwohner, die älter als 55 Jahre sind. Dem standen nur 16 altersgerechte Wohnungen gegenüber. Ralf Gaul hatte den Luxus, sich seine Mieter auszusuchen. „Wir haben die Leute so zusammengestellt, dass es passt.“ Für sie gelten allerdings bestimmte Grundregeln: So verpflichten sie sich unter anderem, einander zu helfen und eine Stunde in der Woche je nach körperlicher Verfassung soziale Dienste zu leisten. Das kann Gartenarbeit auf dem 6000 Quadratmeter großen Grundstück sein, genauso aber auch das Hüten von Nachbarskindern. Derzeit wohnen acht Mädchen und Jungen mit ihren Eltern im Haus.

Jeder hilft jedem

Und so passt die ehemalige Tagesmutter Hiltraut Hilgendorf auf die jüngste „Mieterin“ auf. Zeynep (1) wohnt seit Juli mit ihrer Pflegemama Christin Strehlau (34), deren Sohn Vincent (8) und Hund Pepe in einer Vierzimmerwohnung. Vincent ist von dem Wohnkonzept begeistert. „Es gefällt mir sehr gut hier“, sagt der Grundschüler. Wenn Mama Christin ihn morgens nach Zurow zum Unterricht bringt, passt Hiltraut Hilgendorf derweil auf Zeynep auf. „Wir sind eine schöne Truppe und fast alle im Haus schon per Du“, schwärmt Hiltraut Hilgendorf. Sie hat mit ihrem Mann eine Zweizimmerwohnung mit Balkon bezogen. „Die liegt im ehemaligen Krippenbereich“, weiß die 68-Jährige. Auch sie war vor ihrer Tätigkeit als Tagesmutter in der Kita als Erzieherin beschäftigt.

Christin Strehlau ist aus Hamburg-Altona ins schöne Nordwestmecklenburg gezogen. „Wir haben deutlich mehr Platz, es ist ruhig, wir haben eine schöne Aussicht, die Miete ist deutlich günstiger und die Parkplatzsuche hat endlich ein Ende“, zählt sie einige Vorteile auf. Vor allem die Gemeinschaft gefalle ihr. „Herr Gaul hat ein gutes Händchen bei der persönlichen Auswahl der Mieter bewiesen.“ Alles sei harmonisch und wenn sie mal für sich allein sein möchte, dreht sie eine Runde mit dem Hund. „Wir wollen uns noch Minischweine kaufen und Hühner halten“, blickt sie voraus.

Noch drei freie Wohnungen

Bewohnt sind das Mittel- und Obergeschoss des Hauses. Zudem gibt es dort eine Gästewohnung. Besucher der Mieter können sich dort in Absprache mit Ralf und Maik Gaul für die Zeit ihres Aufenthalts einmieten. Alle Etagen sind über einen Fahrstuhl zu erreichen. Im Keller befinden sich Gemeinschaftsräume, darunter eine Küche, sowie eine Außenterrasse. In der oberen Etage sind noch drei Wohnungen frei. „Die halten wir speziell für Menschen vor, die auf den Fahrstuhl angewiesen sind“, erklärt Ralf Gaul. Gerade Rollstuhlfahrer hätten es ohnehin schwer, Wohnungen zu finden. Anfragen sind ab sofort möglich (Telefon: 038 42 / 422 69 27 oder vgm@mail.de). In etwa sechs Wochen sind die Wohnungen bezugsfertig.

Nicht nur die Miete ist mit 6,50 Euro pro Quadratmeter erschwinglich, auch die Nebenkosten halten sich durch eine eigene Stromanlage auf dem Dach in Grenzen. Ralf Gaul geht von etwa zwei Euro pro Quadratmeter aus. Für die Mieter stehen auch ein Kleinfahrzeug und ein Bus zur Verfügung, um Einkäufe oder Arztbesuche zu erledigen. „Die können kostengünstig gemietet werden“, so Gaul.

Eineinhalb Millionen Euro investierten Ralf und Maik Gaul in das Mehrgenerationenhaus. Gefördert worden ist das Projekt mit fast 200 000 Euro vom Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern. Auch die Politik ist begeistert. „Es ist ein gelungenes Objekt“, erklärt SPD-Landtagsabgeordnete Martina Tegtmeier. Sie bezeichnet das Mehrgenerationenhaus als Vorzeigeprojekt der alternativen Wohnform. „Herr Gaul leistet einen hohen sozialen Beitrag. Das Haus ist für Menschen, die auf Gemeinschaft setzen. Er fördert vorbildlich Integration und Inklusion“, ergänzt Staatssekretär Nikolaus Voss.

Von Jana Franke