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Wismar Die spannende Geschichte des Wismarer Urlauberschiffs „Fritz Heckert“
Mecklenburg Wismar Die spannende Geschichte des Wismarer Urlauberschiffs „Fritz Heckert“
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19:00 27.11.2019
Das Schiffsmodell stammt aus der gleichen Zeit und ist fahrtauglich. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

Mit der lautstarken Schiffsglocke eröffnete Bürgermeister Thomas Beyer (SPD) zünftig die Sonderausstellung im Phantechnikum. Die Glocke ist eines der wenigen Originalstücke von der „Fritz Heckert“, die das Abwracken überstanden haben und nun in der Sonderausstellung bis zum 3. Mai 2020 im Wismarer Phantechnikum zu sehen sind.

Ein Urlaubsschiff als Wohlstandsbeweis

Er nahm die Gäste der Ausstellungseröffnung mit auf den Weg in das Jahr 1958. „Die letzten Lebensmittelkarten waren gerade abgeschafft worden.“ Die Spuren des Zweiten Weltkrieges sind auch in Städten wie Wismar noch überall zu sehen und zu fühlen. Und Walter Ulbricht sagt: „Wir müssen beweisen, dass unser Wohlstand wächst.“

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Die GT/MS „Fritz Heckert“ – die Abkürzungen stehen für Gasturbinen- und Motorschiff – sollte der Beweis werden. „Der Parteisekretär der Wismarer Mathias-Thesen Werft, Werner Bülow, machte den Vorschlag, bis 1961 zusätzlich zum Produktionsplan ein Urlauberschiff für den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) zu bauen“, lesen die Besucher auf einer der Ausstellungstafeln. Und die Werktätigen sollten mitbauen!

Bis Mai 2020 ist die Sonderausstellung im Phantechnikum zu sehen und zeigt viele Fotos und Dokumente der „Fritz Heckert“, dem einzigen Neubau eines Urlauberschiffes zu DDR-Zeiten, gebaut in Wismar.

Unbezahlte Überstunden fürs Urlauberschiff

Am 28. November 1959 wurde das Schiff auf Kiel gelegt. „Wir haben alle freiwillig und unentgeltlich an der ‚Fritz Heckert‘ gearbeitet“, erzählt Hans Boitin (80). 1953 hat er angefangen, auf der MTW zu lernen. War als Stahlschiffsbauer in der Vorbereitung.

„Nicht auf der Helling. In der Anzeichnerei haben wir auf dem Schiffsblech die Konturen aufgezeichnet und mit dem Schweißbrenner ausgebrannt“, erzählt er.

33 Millionen Mark sollte der Bau laut Kalkulation kosten. Finanziert wurde er durch freiwillige Arbeitsleistungen, Sonderbeiträge der Gewerkschaftsmitglieder sowie Geldspenden der Menschen und Betriebe. Eine Urlauberschiff-Lotterie – Hauptgewinn war ein Trabbi, erbrachte 10,2 Millionen Mark. „Nach Übergabe der ‚Fritz Heckert‘ im Mai 1961 wurde das Schiff mit einem Festpreis von 35 453 000 Mark bei der zuständigen Reederei eingebucht“, lesen die Ausstellungsgäste.

Modelle, Fotos, Zeitzeugen

In der Ausstellung wird auf acht Schautafeln die Geschichte des Urlauberschiffs erzählt. Filmausschnitte der „Wismarer Wochenschau“ werden gezeigt, Zeitzeugen kommen zu Wort, Fotos und Erinnerungsstücke zeigen, was nach der Verschrottung des Schiffes noch übrig geblieben ist von der spannenden Geschichte des „schwimmenden Palastes“ mit seinen massiven technischen und auch ideologischen Problemen.

„Im Mai 1960 tritt die ‚Fritz Heckert‘ ihre erste Reise an – ihr stehen 59 Häfen in 24 Ländern der Welt offen“, erzählte Bürgermeister Thomas Beyer. Das änderte sich schnell. Immer wieder wurde die Traumreise zur Flucht ins „kapitalistische Ausland“, selbst Mannschaftsmitglieder „stiegen“ so ab.

Mauerbau und Mangelwirtschaft

„Ein großes Problem der ‚Fritz Heckert‘ war der Mauerbau 1961. Die Reisepläne mussten angepasst werden, man konnte ja nicht mehr ins westliche Ausland fahren“, erklärt Andrej Quade, der Museumsdirektor im Phantechnikum.

„Kuba kam als Ziel ohne Zwischenstopp nicht in Frage, weil nicht genug Proviant, Trinkwasser und Treibstoff gebunkert werden konnten“, erklärt er. Neue Ziele waren die polnischen und sowjetischen Ostseehäfen, die wetterbedingt nicht ganzjährig angelaufen werden konnten.

Unterhalt zu teuer

Charterer aus dem Westen interessierten sich nicht sonderlich für das Schiff, das wegen seines starken Rollens manch einem Gast lange in Erinnerung geblieben ist. „Kunden des Reisebüros der DDR zahlten damals einen Reisepreis von 71 Mark pro Tag und Person“, erklärt Andrej Quade. 1963 wurden die Preise angepasst, eine Schwarzmeerreise kostete dann zwischen 1065 und 1500 Mark. „Was das Mehrfache eines durchschnittlichen Monatsverdienstes war.“

Der Kosten-Nutzen-Faktor stimmte nicht. „Dazu gab es große technische Probleme mit dem Schiff“, so Quade weiter. Mangelwirtschaft in Zeiten so schon kontingentierten Materials und enormer zeitlicher Druck hatten Folgen.

Beyer: „Nach nur neun Jahren stellte die DDR das Schiff außer Dienst. Der Schiffsrumpf zu weich, Risse in den Fenstern des Mittelschiffs, Reparaturarbeiten, die das Budget sprengten.“ Nach seiner Indienststellung lag das Schiff 547 Tage in der Werft, erfahren die Ausstellungsbesucher.

Abgewrackt in Indien

Das ehemalige Kreuzfahrtschiff wurde 1971 zum schwimmenden Wohnheim, erst in Wismar, dann in Stralsund und Greifswald.

Thomas Beyer: „Die Illusion von der Freiheit der Meere lag fest vertäut am Kai.“ 1991 ließ ein Hamburger Unternehmen die Heckert zum Hotelschiff umbauen, bevor es 1999 zur Verschrottung nach Indien gebracht wurde.

Mehr Infos:

Reserveanker der „Fritz Heckert“ am Baumhaus

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Von Nicole Hollatz

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