Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Wismar Unterwegs mit den Seenotrettern auf Poel: „Angst darf man nicht haben“
Mecklenburg Wismar Unterwegs mit den Seenotrettern auf Poel: „Angst darf man nicht haben“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:58 10.03.2019
Retten ehrenamtlich Menschen aus Gefahrensituationen: Andrea Lembcke, Andreas Lembcke, Andreas Treu und Christian Schubert Quelle: Katharina Ahlers
Anzeige
Timmendorf/Poel

„Mann über Bord auf Steuerbord“, ruft Christian Schubert. Er sitzt am Steuer des Seenotrettungsbootes „Wolfgang Wiese“. „Zwei Längen voraus, Kurs auf Steuerbord!“ Ein Teil der Crew der DGzRS-Station in Timmendorf auf der Insel Poel ist unterwegs auf Ausbildungsfahrt, um die Abläufe an Bord zu trainieren. „Fahr’ anders ran“, rät Seenotretter Andreas Lembcke. „Noch ein Stück nach vorn und dann drehst du rum. Sehr gut.“

Neben Kontrollfahrten gehören hauptsächlich Weiterbildungen und Besprechungen, aber auch technische Hilfeleistungen sowie Rettung aus Gefahrensituationen zu der zeitaufwendigen Tätigkeit der 22 Freiwilligen um Vormann Thomas Lietz. Sie engagieren sich neben ihren Hauptberufen ehrenamtlich für die DGzRS.„Durch die Familie meiner Frau habe ich die Seenotrettung kennengelernt und schnell Blut geleckt“, sagt Schubert, der seit drei Jahren dabei ist und als Maler arbeitet. „Das lässt sich gut miteinander vereinen“, sagt der 37-Jährige. „Wenn es einen Einsatz gibt und ich in der Nähe bin, kann ich schnell zur Station kommen.“

„Manchen fehlt das Verständnis für unsere Arbeit“

Über ihre Mobiltelefone werden die Berufstätigen verständigt und erhalten in einer weiteren Nachricht Angaben zum Einsatz und der verfügbaren Retter. Mindestens drei Kollegen sollten dabei sein. Meist gehe es um technische Hilfeleistungen, etwa das Abschleppen eines Bootes, bei dem das Benzin ausgegangen ist.

22 Freiwillige engagieren sich neben ihrem Hauptberuf für die Arbeit der DGzRS auf Poel. Sie sichern das Seegebiet zwischen dem Klützer Winkel und der Halbinsel Wustrow.

„Manchen fehlt da auch das Verständnis für unsere Arbeit. Wir sind Seenotretter und nicht der ADAC der Ostsee“, sagt Andreas Lembcke. „Wenn wir Einsätze fahren, die vermeidbar gewesen wären, ist das ärgerlich, da wir dann bei richtigen Notfällen fehlen würden.“ Der 47-Jährige hat seinen Traumjob gefunden. Auch hauptberuflich engagiert er sich für die Rettung anderer – als festangestellter Seenotretter in Hooksiel an der Nordsee. 14 Tage am Stück ist er dort rund um die Uhr in Bereitschaft. Seine Freizeit verbringt er in seiner Heimat auf Poel – und engagiert sich dort zusammen mit seiner Frau Andrea, die bei der Wismarer Stadtverwaltung arbeitet, für die Freiwilligenstation. „Das Ehrenamt ist eine super Sache“, sagt er.

Selbstüberschätzung führt oft zu Notfällen

Ähnlich sieht das sein Kollege Martin Thegler, der seit 17 Jahren ehrenamtlich in Timmendorf im Einsatz ist. Sein Geld verdient der Seemann als Festangestellter bei der DGzRS Darßer Ort. „Es ist ein gutes Gefühl, jemandem zu helfen und in der Not da zu sein.“ Mehrheitlich seien die Verunglückten dankbar für die Hilfe – aber auch auf hoher See sind die Retter immer wieder Konfrontationen ausgesetzt. „Wir hatten einen Fall, da hatten die Leute ein Boot gechartert, aber nicht sehr viel Erfahrung. Sie hatten die Schleppleine nicht richtig belegt. Als bei ihnen an Bord dann etwas kaputt gegangen ist, sind sie deswegen tatsächlich vor Gericht gegangen“, erzählt Thegler.

Neben der mangelnden Erfahrung sei oft auch Selbstüberschätzung der Betroffenen verantwortlich für eine Notlage. Im Frühjahr vergangenen Jahres war Thegler an der Suche und Rettung eines Kayakfahrers beteiligt. „Die Männer waren zu viert unterwegs und sind gekentert. Drei haben es an Land geschafft, einer wurde vermisst. Als wir ihn an aus dem Wasser geholt haben, war er extrem unterkühlt, total verkrampft und hat vor sich hingebrabbelt.“ Nach der medizinischen Erstversorgung an Bord konnte das Opfer in Rerik einem Rettungswagen übergeben werden. „Dass er das überlebt hat, ist ein Wunder“, sagt Vormann Thomas Lietz. Thegler nickt. „All zu viel Zeit hätte nicht mehr vergehen dürfen. Das Wasser hatte maximal sechs Grad Celsius.“

„Angst sollte man nicht haben“

Dass er sich durch Einsätze bei schwerem Seegang selbst in Gefahr bringen könnte, blendet der leidenschaftliche Retter aus. „Man funktioniert in so einem Moment einfach nur. Angst sollte man nicht haben – das beeinflusst nur das Handeln.“

Auch schwere Schicksale der Verunglückten versuchen die Seenotretter so gut es geht nicht an sich heranlassen. „Gerade bei Einsätze, in die Kinder involviert sind, geht einem das aber nahe“, sagt der vierfache Familienvater Schubert.

17 Anlaufpunkte in MV

55 Stationen der Seenotretter gibt es an Ost- und Nordsee. In Mecklenburg-Vorpommern sind die Retter in Timmendorf/Poel, Kühlungsborn, Warnemünde, Wustrow, Darßer Ort, Prerow/Wieck, Zingst, Stralsund, Vitte/Hiddensee, Breege, Glowe, Sassnitz, Lauterbach, Greifswalder Oie, Zinnowitz, Freest und Ueckermünde stationiert.

Die Geschichte der Station in Warnemünde geht auf das Jahr 1866 zurück. Die Station in Timmendorf wurde 1869 errichtet. Zum 150. Geburtstag soll eine Tafel am Stationsgebäude über die Geschichte der Poeler informieren. Dafür wird ein Sponsor gesucht.

Zu 2 156 Einsätzen ist die DGzRS 2018 ausgerückt. Die Besatzungen haben dabei rund 360 Menschen aus Seenot gerettet oder Gefahr befreit. Die Koordination der Einsätze erfolgt über die Seenotleitung in Bremen. Seit der Gründung vor 154 Jahren zählt die Statistik rund 85 000 Gerettete.

Die Rettung aus Lebensgefahr ist kostenlos. Für eine technische Hilfeleistung, in der keine unmittelbare Gefahr besteht, erwarten die Seenotretter eine anteilige Übernahme von Betriebskosten (maximal 400 Euro).

Die Handy-App „SafeTrx“ zeichnet die Route des Wassersportlers auf und ermöglicht der Seenotleitung Bremen im Notfall den direkten Zugriff auf den aktuellen Standort.

180 Festangestellte und 800 Freiwillige engagieren sich für die DGzRS. Die Gesellschaft finanziert sich ausschließlich über Spenden. (Sparkasse Bremen, IBAN: DE36 2905 0101 0001 0720 16, BIC: SBREDE22)

Mehr zum Thema:

Selbstversuch bei vier Grad kaltem Wasser: So funktioniert die Seenotrettung

Katharina Ahlers

Sie sind rund um die Uhr in Bereitschaft: Die Seenotretter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). OZ-Redakteurin Katharina Ahlers hat die Besatzung der „Arkona“ besucht und sich retten lassen.

07.03.2019

Für einen Radschnellweg von Wismar nach Schwerin wird eine Machbarkeitsstudie erarbeitet. Am 23. März beginnt eine Bürgerbeteiligung. Das Vorhaben ist Teil der Metropolregion Hamburg.

06.03.2019
Wismar Polizei stoppt 31-Jährigen auf A 20 bei Wismar - Ohne Fahrerlaubnis mit Schwerlaster unterwegs

Den 31-jährigen Fahrer eines Schwerlasters hat die Polizei auf der A 20 bei Wismar gestoppt. Der Mann hatte keinen Führerschein, der Schwerlaster wurde auch nicht von einem Sicherungsfahrzeug begleitet.

06.03.2019