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Wismar Viel Arbeit und viel Alkohol
Mecklenburg Wismar Viel Arbeit und viel Alkohol
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18:36 29.04.2019
Der Getreideumschlag zu DDR-Zeiten im Wismarer Hafen. Quelle: Hanjo Volster, Wismar
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Wismar

Uwe Lorenz ist Jahrgang 1956. Schon als 14-Jähriger arbeitete er nebenbei in der Wismarer Getreidewirtschaft. 1974 fing er trotz einige Querelen im Getreideumschlag des Wismarer Hafens an.

Einen Schrank für „Verbotenes“

„Ich wurde angelernt als so genannter Saugturmfahrer. An der Kaikante standen ja zwei riesige Saugtürme. In denen waren zwei Turbinen, die Luft angesaugt haben und damit auch das Getreide-Luft-Gemisch. Das wurde dann per Trogkettenförderer in die Silos transportiert“, erzählt Uwe Lorenz. Nebenbei hat er auf den Schiffen gearbeitet, wie andere Kollegen auch.

Der Tausch dort –Ost- gegen Westgeld –lockte. Der junge Mann bekam Seife und Zigaretten, auch mal Zeitschriften. „Das war ja eigentlich absolut tabu hier.“ Der Wismarer erzählt lachend: „Wir hatten drei Schränke jeder. Einen für die guten Sachen, Einen für die Arbeitssachen. Und einen für die Dinge, die wir vom Schiff mitgebracht haben.“

Auf Zack sein

Als Saugturmfahrer musste er die Anlage überwachen. „Dann fiel ein Silomaschinist aus, ich wurde eingearbeitet als Maschinenführer im Silo I“. Der Job war extrem stressig. „300 Tonnen kamen in einer Stunde vom Schiff ins Silo, die musste der Maschinenführer natürlich irgendwo unterbringen. Wenn man nicht aufgepasst hat, lagen auf einmal irgendwo 100 Tonnen Getreide!“

Das, was heutzutage Maschinen, Computer und Regler machten, war damals Handarbeit. Lorenz erklärt: „An den Trogkettenförderern waren Schieber zum Umklappen, um die jeweilige Zelle befüllen zu können. Man musste einfach auf Zack sein und die Schieber rechtzeitig umlegen.“

Nebenbei lief die Trocknung des Getreides. „Draußen stand der Getreidetrockner. Für den musste man auch die Ware bereitstellen mit einem Förderweg zum Getreide hin und wieder zurück in die Zelle. Das passierte alles per Hand mit der großen Schalttafel. Ich stand als Anlehrling davor und dachte, das begreife ich doch nie!“

3000 Tonnen Getreide in acht Stunden

Zur Erntezeit von Mitte Juli bis in den Oktober rein ging es rund, die Kollegen arbeiteten zusätzlich an den Wochenenden. „In Hoch-Zeiten haben wir 3000 Tonnen innerhalb von acht Stunden gelöscht und verladen. Was habe ich an Kilometern abgewetzt in dem Silo, aber ich habe auch recht gut verdient. Normalerweise hatten wir fünf Früh-, fünf Spät- und fünf Nachtschichten im Wechsel.“

Aber so normal war es selten. „Es gab für Sonderschichten Tonnengeld, einen Obolus pro zusätzlich verladener Tonne. Das waren 40, 50 Mark extra pro Schicht, auch die Überstunden gab es bezahlt. Es kam immer was oben drauf!“

In der Erntezeit ist er oft mittags aus der Frühschicht gekommen und abends zur Nachtschicht gegangen und hat viele Schichten im Laufschritt erledigt. „Wir waren zeitweise drei Maschinisten dort. Wenn einer freihaben wollte, haben die anderen seine Stunden mitgemacht. Ohne Diskussion, weil man selbst wollte ja auch mal freihaben.“

Viel Alkohol

Uwe Lorenz: „Das Klima im Silo war sehr familiär. Es gab auch ab und zu recht viel Alkohol, aber wenn was passiert ist, waren alle nüchtern!“ Zu Weihnachten gab es Extrageld und Enten für den Festtagsbraten. „Wenn andere aus der Zeit sagten, es gab keine Bananen und keine Pfirsiche – für uns galt das so nicht. Wir wurden betrieblich versorgt mit solchen Lebensmitteln.“

Schiff leer, Flasche voll! Von der Tradition, dass es nach dem Leeren des Schiffes eine Flasche Schnaps für die Männer gab, erzählen viele Hafenarbeiter. Uwe Lorenz: „Der Brigadier ist dann zum Kapitän und hat sie abgeholt. Die Flasche wurde oft während der Schicht geleert.“

Aber die Schiffe wurden kleiner. „Das war für uns nicht mehr zu schaffen mit den Flaschen. Also haben wir dann Buch geführt, es ging immer reihum, wer die Flasche bekommt für zu Hause!“

Alle Quellen genutzt

Mitunter wurden nicht nur Getreideschiffe an den Silos gelöscht. Auch Schiffe mit Rohwein kamen an den Kai, wenn sonst dort nichts zu tun war. „Die Schiffe aus der Schweiz kamen mit Wein und Rohbrandwein. Der Alkohol wurde in Waggons geladen, deren Schieber waren eigentlich verplombt. Aber die Plomben waren so groß, dass man den Schieber einen Spalt auf bekam. Es dauerte eine Minute, bis ein Zehn-Liter-Eimer voll war. Das Zeug war zum Nachtrinken wunderbar, aber am nächsten Tag hatte man kräftige Kopfschmerzen! Wir haben aber alle Quellen ausgenutzt.“

Maritime Geschichten

Damit das Wissen und die Erinnerungen über die maritimen Berufe vor 40, 50, 60 Jahren nicht verloren gehen, hat der Wismarer Archivverein 2019 ein ehrgeiziges Buchprojekt geplant. Zeitzeugenberichte ehemaliger Mitarbeiter in der Werft und Seehafen werden aufgeschrieben, alte Fischer können von ihrem Berufsalltag erzählen, vielleicht Bootsbauer, Segelmacher, Schiffsmakler. Mit historischen Fotos aus dem Stadtarchiv, von Hanjo Volster und manch einem privaten Sammler wird das Buch Geschichte(n) erzählen.

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