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Wismar „Im Alter muss man leidensfähig sein“
Mecklenburg Wismar „Im Alter muss man leidensfähig sein“
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07:00 25.07.2018
Winfried Glatzeder in Wismar: Die DDR-Schauspiellegende zeigt sich beeindruckt von der Wismarer Altstadt. Auch die Holzkonstruktion, die die Fassaden der beiden abgebrannten Häuser am Markt hält, fasziniert den 73-Jährigen.
Winfried Glatzeder in Wismar: Die DDR-Schauspiellegende zeigt sich beeindruckt von der Wismarer Altstadt. Auch die Holzkonstruktion, die die Fassaden der beiden abgebrannten Häuser am Markt hält, fasziniert den 73-Jährigen. Quelle: Michaela Krohn
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Wismar

Winfried Glatzeder – DDR-Schauspiellegende, Dschungelcamper und bald Netflix-Star – besucht Wismar in jedem Jahr während der Klassikertage. Warum der 73-Jährige das Altern nicht so toll findet, er seinen Sohn für einen besseren Schauspieler hält und warum er die Wismarer Altstadt so faszinierend findet, verrät er im Gespräch mit der OSTSEE-ZEITUNG. Sein Sohn Robert Glatzeder spielt unterdessen in „Der Drache“ und „Jedermann“, den der Vater auch schon mehrfach dargestellt und selbst inszeniert hat.

Sie sind inzwischen 73 Jahre alt. Wie fühlen Sie sich?Winfried Glatzeder: Ich misstraue mir immer mehr, weil ich die verrücktesten Sachen mache. Das Gehirn ist nicht mehr automatisch vernetzt. Wenn ich mir zum Beispiel ein Bier aus der Küche holen will. Gehe ich durch die Küchentür, habe ich es schon vergessen. Das ist Alter. Alter ist auch, dass man glaubt, noch alles zu können – doch dann merkt man nach aktionsreichen Drehtagen, dass man von Muskelkrämpfen zusammengekrümmt im Bett liegt. Dann renne ich in der Nacht zum Nachbarn und bitte ihn um etwas Magnesium.

Sie haben dennoch unglaublich viel zu tun und sind viel unterwegs.Ja, das schon. Es ist einfach ein glücklicher Umstand, dass ich noch existiere. Viele meine Kollegen wie Manfred Krug oder Götz George sind gestorben. Übrigens: Der tolle Herbert Köfer lebt noch. Er ist 97 und arbeitet noch. Ich werde mit ihm im September wieder in „Pension Schöller“ in Hamburg spielen. Ich hatte eigentlich vor, 93 zu werden, aber nur, um die Rentenversicherung richtig zu ärgern.

Warum wollen Sie 93 werden?Weil einige meiner Kollegen, wie Herbert Köfer, mit 93 noch gut drauf sind. Da ist das Verhältnis zwischen alt und an der Gesellschaft teilnehmen können noch in Ordnung. Ich will nicht mit 116 in einem Altenheim jeden Morgen ein rohes Ei schlürfen, im Ohrensessel sitzen und aus dem Fenster gucken. Dann lasse ich mich lieber in Zürich von Exit einschläfern. Es ist ja schon merkwürdig, dass man nicht gefragt wird, ob man geboren werden will. Da darf man doch wenigstens noch entscheiden, wann man sterben möchte. Ich möchte das entscheiden können.

Sie haben sich mit Ihrer Frau extra aus Berlin auf den Weg nach Wismar gemacht und sehen Ihren Sohn auf der Bühne. Ist das aufregend für Sie oder eher ein gemütlicher Familienausflug?Es ist ein abenteuerlicher Ausflug und ein tolles Erlebnis, weil Robert alle Phasen, die auch ich in 50 Jahren als Schauspieler durchlebt habe, durchmacht. Er ist jemand, der für Theater brennt. Wir haben in Dresden auch schon mal im Stück „Toutou“ zusammengespielt. Ich schaue ihm gerne zu und bin jedesmal überrascht, dass ich mich in ihm spiegele und sehe, wie ich vor 50 Jahren war. Dieser Wiedererkennungseffekt macht mir Spaß, obwohl er ganz anders ist als ich.

Inwiefern?Er bekommt viele Dinge handwerklich besser hin. Er ist musikalischer und begabter als ich. Zum Beispiel in Wismars „Jedermann“ – da spielt er gleich zwei Rollen, den Teufel und den Gesellen. Das sind zwei so unterschiedliche Figuren. Das würde ich nicht machen wollen – vielleicht aus Gründen der Faulheit.

Haben Sie Ihrem Sohn jemals davon abgeraten, Schauspieler zu werden?Ja, gleich am Anfang. Aber das war hoffnungslos. Der Erfolg in diesem Beruf ist vor allem vom jeweiligen Zeitgefühl und vielen nicht beeinflussbaren Umständen abhängig.

Sie haben den Jedermann ja auch schon gespielt...Ja, dreimal im Berliner Dom. Es ist überhaupt meine Rolle. Ich habe das Stück auch selbst in Meiningen inszeniert und den Jedermann gespielt.

Würden Sie es nochmal machen?Na klar.

Was fasziniert Sie an dem Stück?Der Jedermann ist mir ähnlich. Er ist ein geldgeiler, geiziger, mit wenig Empathie ausgestatteter, notgeiler Typ. Alles, was ich auch an schlechten Eigenschaften habe. So ist er mir sehr nah. Und deshalb fällt es mir auch nicht schwer, die Figur nicht moralisch zu bewerten. Da ist dann außerdem die Buhlschaft, der Mammon, die Werte (lacht), die christlichen Werte, die laufend in Frage gestellt werden. Da ist der Teufel, der sagt, perfekt, das ist mein Typ. Der muss in die Hölle kommen. Im Stück ist alles, was ich an mir selber kritisiere, auch da.

Stark, dass Sie sich selbst so sehen können...Ja, ich übe diesen Humor, über mich selbst lachen zu können. Ich lasse das auch zu. Es darf nur nicht zu respektlos werden. Das ist eine Fähigkeit, mit der ich hoffe, das Alter besser ertragen zu können. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Und die ganze?Die ganze ist, dass man leidensfähig werden muss. Man hat 30 Jahre Kindheit und Jugend, 30 Jahre inmitten der Gesellschaft und 30 Jahre mit dem Tod unter dem Arm. Und von den letzten 30 Jahren sind bei mir schon 13 weg.

Haben Sie Angst vor dem Tod?Nee, vor dem Tod nicht, aber vor dem Sterben. Den Tod an sich stelle ich mir als einen ganz wunderschönen, ruhigen Ort vor, ohne Hektik. Als wenn der Anästhesist mir eine Narkose gibt. Was danach kommt, ist für mich ein Nichts. Für gläubige Menschen ist es ein Hochkommen in den Himmel und Rechenschaft ablegen. Oder Runterkommen in die Hölle und gebraten werden.

In Wismar brät zurzeit nur die Sonne. Wie gefällt Ihnen die Stadt?Herrlich. Auch die beiden Häuser am Markt mit dem Holzkorsett – eine tolle handwerkliche Arbeit übrigens. Es erinnert mich daran, wie vergänglich alles ist und wie so eine wunderschöne Fassade gehalten werden muss.

Und abgesehen von den abgebrannten Häusern?Die Rekonstruktion der Altstadt von ist toll gelungen. Vor allem auch die Georgenkirche, in der Robert spielt. Der Markt ist ganz schön, obwohl es früher wohl mehr Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch gab. Als der „Jedermann“ vor fünf Jahren zum ersten Mal hier aufgeführt wurde, war ich auch schon da. Nur gedreht habe ich hier komischerweise noch nicht. Aber ich bin jedes Jahr zu den Klassikertagen hier. Es ist grandios, dass es hier einen Förderverein gibt, der sich darum kümmert.

Sie haben nun eine Rolle in der Netflix-Serie „Dark“ übernommen. Wie kam es dazu?Ich war zum Casting eingeladen, dann haben wir Probeaufnahmen gemacht. Regisseur, Produzent und die Leute bei Netflix in Amerika mussten ihr Okay geben. Erst dann kam nach sechs Wochen die Zusage. Jetzt wird bis November im Studio in Babelsberg gedreht. Das ist auch kurios. Da schließt sich der Kreis für mich wieder. Denn dort habe ich vor 50 Jahren schon „Die Legende von Paul und Paula“ gedreht.

Interview von Michaela Krohn