Des einen Freude, des anderen Leid: Der Mindestlohn und seine Auswirkungen - Kunde muss tiefer in die Tasche greifen – OZ - Ostsee-Zeitung
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Wismar Kunde muss tiefer in die Tasche greifen
Mecklenburg Wismar Kunde muss tiefer in die Tasche greifen
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00:00 31.01.2015
Mehr Lohn bedeutet für Gabriele Lücke auch, dass sie weniger Hilfe zum Lebensunterhalt beim Amt beantragen muss.Darüber ist sie froh.
Mehr Lohn bedeutet für Gabriele Lücke auch, dass sie weniger Hilfe zum Lebensunterhalt beim Amt beantragen muss.Darüber ist sie froh.
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Grevesmühlen

Gabriele Lücke freut sich über die Einführung des Mindestlohnes. Sie arbeitet seit sieben Jahren als Verkäuferin für die Bäckerei Benn in der Rehnaer Straße in Grevesmühlen. „Jeder Euro mehr Gehalt ist schön. Ich habe aber schon im letzten Jahr eine Lohnerhöhung vom Bäckermeister erhalten.“ Das hätte ihr auch gezeigt, sagt sie, dass ihre Arbeit vom Chef gewertschätzt wird.

Bäckermeister Arnold Benn steht dem Mindestlohn, wie er sagt, positiv gegenüber: „Gute Arbeit muss anständig bezahlt werden.“ Auch wenn ihn ärgert, dass die Bundesregierung den Mindestlohn gesetzlich geregelt hat. Eigentlich, so findet Benn, ist die Verhandlung über Löhne und Gehälter eine Sache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Und nicht jeder Mitarbeiter sei gleich tüchtig oder gleich qualifiziert. Doch das Gesetz, das ihn seit dem 1. Januar verpflichtet, insgesamt acht Mitarbeitern mindestens 8,50 Euro pro Stunde zu zahlen, sei nicht die einzige Herausforderung, die eine kleine Bäckerei in einer kleinen Stadt wie Grevesmühlen zu meistern habe, erklärt der Bäckermeister. „Es sind nicht nur die gestiegenen Lohnkosten. Laufend verändern sich Rohstoffpreise, steigen Gas-, Strom- und Wasser—Preise“, zählt Arnold Benn auf. „Es sind keine einfachen Zeiten für Handwerksbetriebe und kleine Unternehmen.“ Ähnlich sieht das Mathias Weber. Er betreibt den Eisladen „Janny‘s“ in der August-Bebel- Straße und hat in diesem Winter nur vier Wochen Pause gemacht. „Im letzten Jahr habe ich erst wieder im Februar eröffnet.“ Doch Mathias Weber braucht zusätzliche Einnahmen.

Besonders ihn als Kleinunternehmen mit nur einem Geschäft trifft die Mindestlohn-Regelung hart. „Auch bei mir schlagen diesbezüglich zwei Herzen in einer Brust“, gesteht er. „Einerseits denke ich, ja, das muss sein. Meine Frau ist selbst Verkäuferin in einer Bäckerei, und es kommt unserer Familie zugute, wenn sie besser verdient.“ Andererseits sei es so, dass er als Unternehmer erst einmal schauen müsse, wie er mit den zu zahlenden 8,50 Euro pro Mitarbeiterstunde klarkommt. „Zunächst einmal müssen die Miete für den Laden, Nebenkosten und auch die Gebühr an den Franchisegeber ,Janny's‘

erwirtschaftet werden.“

Mathias Weber beschäftigte im vergangenen Jahr drei Mitarbeiterinnen stundenweise. „Laura und Reica studieren, die eine in Rostock, die andere in Wismar. Beide haben Anspruch auf den Mindestlohn.“

Seine dritte Mitarbeiterin, Maxie, ist Schülerin, noch nicht achtzehn Jahre alt. Für sie gilt der Anspruch nicht. Der Eismann wird im Laufe des Jahres herausfinden, wie viel Stunden Mitarbeit in seinem Laden noch bezahlbar sind. In dieser Saison zumindest will er die Preise nicht erhöhen. „Da bleibt erst einmal alles wie es war. Eine Kugel Eis 90 Cent, Früchte-Eisbecher 4,90 Euro, andere Eisbecher 4,70 Euro und der Kinder-Eisbecher 3,50 Euro.“ Am Ende der Saison wird entschieden, wie das mit den Preisen weitergeht.

Auch Bäckermeister Benn hat aufgrund der Mindestlohnzahlungen seine Preise bisher noch nicht erhöht. „Doch ab Februar“, kündigt er an, „müssen wir die Preise für Brötchen und Brot anpassen.“ Um die fünf bis zehn Prozent, schätzt Arnold Benn. Die Frage, ob er seine Filiale im Penny-Markt in Grevesmühlen zum Ende vergangenen Jahres vor allen Dingen wegen des zu erwartenden Mindestlohnes geschlossen hat, verneint der Bäcker. Schwierig sei vor allen Dingen das Verhältnis von langen Öffnungszeiten zum erzielten Umsatz in der Penny-Filiale gewesen. Die zwei übrigen Filialen in Grevesmühlen bleiben offen. Trotz gestiegener Kosten und zu zahlendem Mindestlohn.

Bis zu 500 000 Euro Strafe
Für alle Arbeitnehmer, die in Deutschland angestellt sind, gilt seit dem
1. Januar 2015 ein Mindestlohn von 8,50 Euro. Für einige Branchen gibt es in einer Übergangszeit bis Dezember 2016 Ausnahmen. Ausgenommen vom Mindestlohn sind Jugendliche unter 18 Jahren und Auszubildende.


Bei Verstößen gegen die Mindestlohnzahlung sind für die Arbeitgeber Strafen von 2500 bis zu 500 000 Euro zu erwarten. Firmen können zudem auch zeitweise von der Teilnahme am Wettbewerb um öffentliche Liefer-, Bau- oder Dienstleistungsaufträge ausgeschlossen werden. Die Kontrollen werden vom Zoll durchgeführt.



Annett Meinke