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Wismar „Man wollte nicht wissen, was sie getan haben“
Mecklenburg Wismar „Man wollte nicht wissen, was sie getan haben“
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15:17 16.06.2019
Dr. Stephan Linck führte in die Ausstellung ein. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

Ungläubiges Kopfschütteln bei den jüngeren Gästen zur Ausstellungseröffnung, zaghaftes Nicken bei den älteren. „Neue Anfänge nach 1945 – Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ ist die Ausstellung in der Wismarer Sankt-Nikolai-Kirche überschrieben. Eine Wanderausstellung, die mit neuen Informationen zum Thema aus unserem Bundesland nun auch in Wismar Station macht.

Die Augen verschließen

Dr. Stephan Linck, Historiker und Studienleiter der Evangelischen Akademie der Nordkirche, führte in die Ausstellung ein. „Kriegsverbrecher wurden unterstützt, weil man nicht wissen wollte, was sie getan hatten“, fasst er den kritischen Tenor der Ausstellung zusammen.

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Er hat sich als Historiker spezialisiert auf die zwölf Jahre der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945, auf den „Gauland’schen Fliegenschiss“, so der Fachmann. 1998 fing er an, sich mit der Rolle der evangelischen Kirche in dieser Zeit auseinanderzusetzen.

Unchristliche NS-Zeit

Die einfache Frage, wie die Kirche mit Christen jüdischer Herkunft zur NS-Zeit umgegangen ist, konnte damals nicht beantwortet werden. „Man hat sich geschämt und wollte an das Thema nicht ran“, mutmaßt der Historiker über die ersten Jahre und Jahrzehnte nach dem Kriegsende.

Inzwischen kann er die Frage beantworten. „Christen jüdischer Herkunft wurden vor ihrer Deportation von der Kirche ausgeschlossen. Ein klarer Verstoß gegen das Sakrament der Taufe.“ Und nur ein Beispiel für die Rolle der Kirche und ihrer Mitglieder während der NS-Diktatur.

Kein Neuanfang

Die Frage nach dem kirchlichen Neuanfang in Ost- und Westdeutschland nach 1945 ist Kernpunkt der Exposition. Die Beispiele aus der Ausstellung machen sprachlos, sind aber im Umgang Westdeutschlands mit dem Nazierbe keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Linck berichtete vom Fall Hans Joachim Beyer – damals Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS und „Volksforscher“. Er sollte die „Germanisierung“ von Teilen der tschechischen Bevölkerung vorbereiten.

1947 wurde er zum Leiter der Landeskirchlichen Pressestelle, blieb aber als ein von den Alliierten gesuchter Kriegsverbrecher im Hintergrund. Aufarbeitung sieht anders aus – 1948 wurde Beyer sogar entnazifiziert.

Dr. Stephan Linck berichtete von bischöflichen Gnadengesuchen für deutsche Kriegsgefangene und verurteilte Kriegsverbrecher ohne Blick auf ihre Taten, für die sie verurteilt worden waren. Auch dass ranghohe ehemalige Wehrmachts- und SS-Generäle weiterhin hohe Posten bekleideten, war die Regel und nicht die Ausnahme – nicht nur in kirchlichen Kreisen.

Wenige Ausnahmen

Dennoch gab es Ausnahmen während und nach der NS-Diktatur. „Die Lübecker Kirche war stark nazifiziert“, berichtete Dr. Linck. Nach 1945 wurde den Lübecker Pastoren angeboten, sich öffentlich vor ihre Gemeinde zu stellen und über ihren damaligen „Irrglauben“ von vor 1945 zu sprechen. Dann hätten sie im Dienst bleiben dürfen. Nur zwei Pastoren haben das gemacht. Der Großteil der Kirchenmänner ließ sich lieber entlassen, als den eigenen Fehler zuzugeben.

Aufarbeitung in Mecklenburg-Vorpommern

Die Ausstellung beschäftigt sich in erster Linie mit dem Blick auf das damalige Westdeutschland. Für die Ausstellungsreise durch Mecklenburg-Vorpommern wurde das Material um erste Erkenntnisse aus MV ergänzt. Bisher, so der Historiker, fand dort noch keine tiefergehende Aufarbeitung des Themas statt.

Kataloge und begleitende Bücher können gegen Schutzgebühren in der Kirche erworben werden. Auf den Gesangbuchablagen des historischen Kirchengestühls liegen Biografien von Menschen, die sich gegen die Nazis vor und nach 1945 gestellt haben. Im Internet unter www.nordkirche-nach45.de gibt es weitere Informationen, auch für eine pädagogische Aufarbeitung des Themas. Bis zum 10. Juli ist die Ausstellung in Wismar zu sehen.

Nicole Hollatz

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