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Wismar „Wir sind Käseleute“: Ostsee-Molkerei investiert Millionen in Wismar
Mecklenburg Wismar „Wir sind Käseleute“: Ostsee-Molkerei investiert Millionen in Wismar
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14:08 25.05.2019
Klaus Rücker, Inhaber und Geschäftsführer der Ostsee-Molkerei Wismar, schaut im Reifezentrum nach den brotförmigen Käse-Laiben. Sie lagern dort mehrere Wochen traditionell auf Holzbrettern – wie zu Urgroßvaters Zeiten. Quelle: Adele Marschner/Ostsee-Molkerei
Wismar

Die Wismarer Ostsee-Molkerei wächst: Für sieben Millionen Euro erhält die Firma in Nordwestmecklenburg eine eigene Käseaufschnittanlage samt Verpackungslinie. Bekannt ist die Ostsee-Molkerei für ihren naturgereiften Käse. „In Norddeutschland sind wir Marktführer in diesem Bereich“, sagt Inhaber und Geschäftsführer Klaus Rücker.

Der Tilsiter aus dem Norden reift nicht in Plastefolien wie bei vielen Konkurrenten, sondern auf Holzbrettern sechs bis zwölf Wochen bei hoher Luftfeuchte im Reifezentrum. „Damit die Rotschmierebakterien optimal leben können“, erläutert der studierte Milchwirtschaftler, der das Familienunternehmen in vierter Generation führt. Die brotförmigen Käselaibe werden mehrmals pro Woche mit den für die Reifung nötigen Kulturen eingerieben. „Wie zu Urgroßvaters Zeiten“, betont Rücker.

15 neue Jobs entstehen

Abgepackt wird der Käse von der Ostsee bisher jedoch bei einem darauf spezialisierten Dienstleister in Bayern, zuvor auch mehrere Jahre in Niedersachsen. Denn es bedarf einer speziellen Technologie, Käse wie den „Alt-Mecklenburger“ in dünne Scheiben zu schneiden und verbraucherfreundlich zu verpacken.

Baubeginn für die neue Anlage war im Januar, Ende 2019 soll sie fertig sein. 15 neue Arbeitsplätze entstehen dadurch in der Hansestadt. Fachkräfte, aber auch Lehrlinge würden gesucht, betont der Unternehmer, der auch die Rücker-Molkerei am Stammsitz Aurich (Niedersachsen) leitet. „Interessenten können sich jetzt schon bewerben.“ Bisher beschäftigt die Firma in Wismar rund 150 Mitarbeiter.

Die langen Transportwege ins Aufschnittwerk stören den Firmenchef schon lange. „Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun“, weiß Rücker. Mit dem neuen Projekt macht sich das Unternehmen „ein Geschenk zum Jubiläum“. Denn die westdeutsche Privatmolkerei übernahm den Traditionsbetrieb am Wismarer Stadtrand vor genau 25 Jahren.

Nicht ohne Grund: In Wismar wird seit 1979 „Alt-Mecklenburger“-Tilsiter hergestellt. „Eine Marke mit stabilen Absätzen, das hat uns interessiert. Wir sind Käseleute“, sagt der 53-Jährige – und lacht.

In seiner Kindheit produzierte sein Vater, Paul Rücker, „rote Edamer-Brote in der damals üblichen Wachsschicht“, erinnert sich der gebürtige Holsteiner. Nachdem sich der 2012 verstorbene Senior aus dem Geschäft zurückzog, führt Klaus Rücker das Familienunternehmen. „Uns war klar: Wenn wir Wismar kaufen, dann braucht das unsere ganze Kraft“, erinnert sich der heutige Firmenchef. Zwei kleinere Firmen-Standorte in Schleswig-Holstein wurden deshalb geschlossen.

„Wir wollen die bundesweite Listung“

In Wismar ging es nach der Übernahme bergauf: Die verarbeitete Milchmenge hat sich seit 1994 mehr als verzehnfacht. Die Joghurtanlage des Vorgängers, der den Betrieb nach 1990 gekauft, aber in die Insolvenz geführt hatte, wurde ausrangiert. Rücker: „In Wismar konzentrieren wir uns vollständig auf Käse.“

Das Schwesterunternehmen im friesischen Aurich produziert neben Hirtenkäse und Mozzarella auch Butter und Milchpulver. In Wismar wurde der Tilsiter mit weiteren Marken „in die Zeit geholt“: Schon Mitte der 1990er Jahre gesellte sich der „Alte Schwede“ zum „Alt-Mecklenburger“, seit 2016 kamen der „Küsten-Urtyp“ und der „Nordberger“ hinzu.

Bisher finden Kunden die Spezialitäten vor allem in norddeutschen Supermärkten. Ambitioniertes Ziel des Firmenchefs: „Wir wollen die bundesweite Listung.“ Mit insgesamt 500 Mitarbeitern und 800 Millionen Kilo verarbeiteter Milch gehört die Rücker-Gruppe schon jetzt zu den größten Privatmolkereien Deutschlands.

Große Party im nächsten Jahr

Klaus Rücker weiß zu schätzen, „dass viele Mitarbeiter der Molkerei so lange die Treue halten“. Und hebt hervor: „Wir hatten das Glück, hervorragende, selbstständig agierende Werkleiter zu haben.“ Denn der Vater von drei Kindern lebt mit seiner Familien in Oldenburg, als Geschäftsführer pendelt er zwischen den Standorten Aurich und Wismar.

Mit Blick auf die Firmengeschichte erinnert der Geschäftsmann auch an Manfred Remus, „der die Molkerei nach 1990 durch die Anfangszeit“ führte. „Dass es den Standort Wismar noch gibt, ist sein Verdienst“, würdigt Rücker den Manager, der später zur heutigen Arla-Molkerei nach Upahl wechselte. Für die Zukunft ist Klaus Rücker optimistisch: „Wir arbeiten junge Leute ein, die in der Lage sind, in diese großen Fußstapfen zu treten.“

Nächstes Jahr soll es eine richtig große Party geben, für das gesamte Unternehmen. „Dann wird Rücker 130 Jahre.“ Denn 1890 hatte Urgroßvater Eduard Rücker mit der Pacht der kleinen Meierei auf der Insel Fehmarn den Grundstein für das Familienunternehmen gelegt. In Wismar wird auch 2019 schon ein wenig gefeiert. „Mit den Mitarbeitern, mit denen wir vor 25 Jahren hier angefangen haben.“

25 Jahre Rücker in Wismar

1892 gründeten Bauern und Großgrundbesitzer in Wismar eine Molkereigenossenschaft, die Butter produzierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg startete die Molkerei zunächst wieder als Genossenschaft. 1961 wurde daraus ein Volkseigener Betrieb (VEB), der Milch, Butter und seit 1979 den naturgereiften „Alt-Mecklenburger“-Käse herstellte.

1994 kaufte die Privatmolkerei Rücker aus Schleswig-Holstein die Ostsee-Molkerei, nachdem die erste Privatisierung nach der Wende gescheitert war. Seit dem Start vor 25 Jahren hat sich in Wismar die verarbeitete Milchmenge mehr als verzehnfacht. Aktuell werden pro Jahr aus rund 430 Millionen Liter Milch rund 45 000 Tonnen Käse. Nach dem Neubau von Logistikzentrum (1999), Käserei (2004) und Reifezentrum (2017) entsteht derzeit eine Aufschnitt- und Verpackungslinie.

Die Ostsee-Molkerei spielt damit in der ersten Liga der Milchverarbeiter in Mecklenburg-Vorpommern. Größte Einzelmolkerei in Mecklenburg-Vorpommern ist aber Arla Foods Upahl (Nordwestmecklenburg) mit 520 Mitarbeitern, die nach jüngsten Angaben pro Jahr rund 440 Millionen Liter Rohmilch verarbeiten, davon rund 102 Millionen Liter Bio-Milch. Produziert werden in Upahl vor allem Frischeprodukte, u.a. Hansano-Milch für den regionalen Handel und Arla-Skir für den europäischen Markt.

Deutschlands größter Molkereikonzern, das Deutsche Milchkontor (DMK), verarbeitet in MV in drei Großmolkereien in Altentreptow, Waren (Müritz) und Dargun nach eigener Aussage insgesamt rund 900 Millionen Liter Milch, die meiste in Altentreptow (400 Millionen Liter). Das DMK stellt vor allem Käse her, etwa den „Milram Müritzer“. Die Käserei in Bergen auf Rügen, die mehr als 60 Jahre den Camembert „Rügener Badejunge“ herstellte, wird allerdings in wenigen Wochen geschlossen.

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Elke Ehlers

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