Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Wismar Mittendrin und unter uns: Bunkeranlagen in Mecklenburg
Mecklenburg Wismar Mittendrin und unter uns: Bunkeranlagen in Mecklenburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:33 13.10.2019
Der Hochbunker in Rostock am Thomas-Müntzer-Platz steht unter Denkmalschutz und dient als Fledermausquartier. Er wurde ab 1941 gebaut. Quelle: Michaela Krohn
Anzeige
Rostock/Wismar

Sie sind entweder große, klobige, graue Klötze im Stadtbild oder unterirdisch versteckt unter Gebäuden, Straßen oder im Wald: Bunker in Mecklenburg. Wie viele es genau gibt, ist schwer zu sagen. Die Stadtverwaltung in Wismar kennt vier Bunkeranlagen – alle unterirdisch. Im Wismarer Umland gibt es einen gut erhaltenen Bunker in einem Waldstück bei Zurow, der als Kunstraum genutzt wird. In Rostock stehen sogar gleich mehrere monströse Hochbunker.

Zwei erhaltene Hochbunker aus Kriegszeiten in Rostock

„In Rostock gibt es noch zwei Hochbunker aus der Kriegszeit“, sagt Rostocks Stadtkonservator, Peter Writschan, vom Amt für Kultur, Denkmalpflege und Museen.

Alte Bunkeranlagen von Wismar bis Rostock

Neptunallee 9 a – das ist die Adresse von einem der wohl bekanntesten Bunker in ganz Mecklenburg. Auf dem ehemaligen Gelände der Rostocker Neptunwerft steht der gewaltige Betonklotz, der heute vor allem Treffpunkt für junge Menschen ist. Betrieben wird der Bunker vom Verein „Kulturkombinat Bunker in Rostock“. Zweck des Vereins ist die Förderung regionaler, länderübergreifender und internationaler künstlerischer und kultureller Bestrebungen. So finden im Bunker regelmäßig Konzerte statt, es gibt Quizabende und außen eine Kletterwand.

Das Äußere dieses Bunkers steht auch in krassem Gegensatz zu den noch neuen Mehrfamilienhäusern, die am Rostocker Stadthafen entstanden sind. Wer dort seinen Balkon nicht zur Wasser-, sondern zur anderen Seite hat, schaut geradewegs auf die grauen teils mit Ruß, teils mit Graffiti bedeckten Bunkerwände. Einige Passanten machen aber zurzeit aus ganz anderen Gründen gern Fotos von dem Gebäude. „Das Herbstlaub ist gerade so schön rot und rankt die Wände hoch. Das sieht doch toll aus“, sagt ein Spaziergänger, der seine Kamera herausholt und knipst.

„Achtung! Abfallende Gebäudeteile“

Ein weiterer riesiger Bunker in Rostock steht mitten im Wohngebiet am Thomas-Müntzer-Platz. „Er wird als Fledermausquartier genutzt und steht unter Denkmalschutz“, erklärt Stadtkonservator Peter Writschan. Wie der Bunker auf dem Neptunwerftgelände steht auch dieser als monströser grauer Klotz gleich neben Wohnhäusern. Ein Schild mit der Aufschrift „Achtung! Abfallende Gebäudeteile“ macht ein eher mulmiges Gefühl beim Vorbeilaufen.

In einem Eintrag auf dem Portal zur Regional- und Landesgeschichte berichtet Hans-Heinrich Schimler zum Hochbunker am Thomas-Müntzer-Platz, dass dieser ab August 1941 zum Schutz gegen Luftangriffe gebaut wurde. Der Rohbau war etwa ein Jahr später fertig. Das Bauprogramm in der Stadt Rostock habe damals sieben Hochbunker vorgesehen, von denen nur fünf vollendet wurden. 557 Plätz hätten im Bunker am Thomas-Müntzer-Platz zur Verfügung gestanden.

Nicht alle Bunker wurden fertiggebaut

Hans-Heinrich Schimler schreibt weiter: „In der Wollenweberstraße stand der am 7. September 1941 als erster fertig gestellte Altstadtbunker. Der Blücherbunker der Innenstadt stand neben der Jakobikirche. Seine spätere Sprengung hatte weitere Schäden an der Ruine der später abgerissenen Kirche zur Folge. In Warnemünde wurde der Brinckmanbunker errichtet und Am Röper stand der Körnerbunker. Einer der größten Bunker war der Reichsbahnbunker an der Herwegstraße. Von ihm wurde nur der erste Bauabschnitt vollendet. Und schließlich gab es noch den Reuterbunker an der heutigen Goerdelerstraße in Reutershagen. Er war bis zum Bau der Reuterpassage noch in Teilen erhalten.“

„Im Stadtteil Evershagen gibt es in der Alexis-Kiwi-Straße einen halb in die Erde eingelassen Bunker von 1977, der vom benachbarten Pflegeheim als Lager genutzt wird“, ergänzt Peter Writschan.

Bunker in Kühlungsborn als Fledermausquartier

Auch im Rostocker Umland und im Landkreis gibt es noch zahlreiche alte Bunkeranlagen. So zum Beispiel auf dem alten NVA-Gelände in Kägsdorf. Die Anlage wurde sogar noch genutzt: Dort waren bis vor Kurzem die Fahrzeuge vom Technischen Hilfswerk untergebracht. Inzwischen sind sie aber nach Bad Doberan umgezogen.

Ebenfalls als Fledermausquartier dient der Bunker eines ehemaligen Grenzbataillons am westlichen Ortsausgang von Kühlungsborn. Direkt daran vorbei führt der Europäische Fernwanderweg E 9. Die alten Anlagen werden also häufig von Wanderern und Radwanderern bestaunt.

Wismarer Steuerberater nutzen Bunker als Archiv

Gut erhalten ist hingegen ein früherer Zivilschutzbunker in der Podeusstraße 8 in Wismar. Hier befindet sich das Bürogebäude Ecovis, in dem Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwälte arbeiten. Die verstorbene Bauherrin Undine Moltmann ließ den Neubau 2005 zum Teil auf den Mauern des Bunkers errichten. Er dient heute als Archiv und Lagerfläche. Ein Lichtschacht erlaubt den Blick vom Erdgeschoss etwa zehn Meter tief auf die Treppe zum Bunker. Hinter einer modernen Brandschutztür befinden sich auf rund 150 Quadratmetern sieben Archivräume. Hier stehen zig Regale mit unzähligen Aktenordnern. Die Steuerberater müssen wichtige Unterlagen zehn Jahre aufbewahren. Zudem gibt es drei kleine Abstellkammern. „Manche Kunden und Geschäftsleute interessieren sich schon dafür, mal einen Blick in den ehemaligen Bunker zu werfen“, erzählt Steuerberaterin Silke Schulz.

Blick in den als Archiv und Lager genutzten Bunker unter dem Wismarer Bürogebäude. Vorn eine abschließbare Papiertonne. Quelle: Haike Werfel

Zwei Anlagen unter Straße und Gehweg

Eine andere alte Bunkeranlage aus NS-Zeiten in Wismar wurde hingegen unlängst abgerissen. Sie befand sich in der Claus-Jesup-Straße etwa zwischen den Hausnummern 12 bis 28. Die Hansestadt lässt die Straße derzeit sanieren.

Außerdem wissen alteingesessene Wismarer von einem unterirdischen Bunker hinter der Friedrich-Techen-Straße mitten im Park der Solidarität. „Er befindet sich unter dem Gehweg, ist also nicht zuerkennen“, berichtet Karsten Witting. „Anfang der Achtzigerjahre wurde der Gehweg neu gebaut. Dabei trat der Bunker zum Vorschein.“ Der OZ-Leser hat ihn selbst gesehen, sagt er.

Verschütteter Bunker für Vermessung freigelegt

Außerdem verweist er auf einen Bunker an den ehemaligen Baracken der Staatlichen Versicherung der DDR hinter dem Garagenkomplex in der Friedrich-Techen-Straße. Der Eingang war bislang zugeschüttet, wurde aber unlängst freigelegt und geöffnet. Der Bunker soll entkernt und vermessen werden, sagt Gunnar Schröder, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Union. Sie habe Interesse an den Flächen, die der Stadt gehören. „In Zusammenarbeit mit der Stadt haben wir Voruntersuchungen veranlasst, ob eine Bebauung möglich wäre. Ist dies der Fall, dann würden wir den Bunker abreißen.“ Nach Ansicht von Gunnar Schröder handle es sich bei dem Bauwerk um einen Zivilschutzbunker, der entweder zu DDR-Zeiten gebaut oder ertüchtigt wurde. Im Ernstfall wären hier nicht nur die Mitarbeiter und Unterlagen der Versicherung in Sicherheit gebracht worden, sondern vermutlich auch die kleinen Patienten der benachbarten Kinderklinik. Sie befand sich zu DDR-Zeiten in der Philipp-Müller-Straße Ecke Am Köppernitztal.

Der Eingang zum Bunker der Staatlichen Versicherung der DDR in Wismar wurde jetzt freigelegt. Quelle: Haike Werfel

Der Bunker in Zurow ist ein Kunstraum

Gut erhalten ist der frühere DDR-Bunker im Wald bei Zurow. Das 140 Quadratmeter große Bauwerk befindet sich auf einer Lichtung am Ravensruher Weg. Es ist 1964 bis 1966 zu Hochzeiten des Kalten Krieges erbaut worden und war bis zur Wende 1989 in Betrieb. „Der Bunker hat zur Kreiseinsatzleitung Wismar gehört und sollte deren Mitarbeiter im Ernstfall schützen“, erzählt Yves Müller. Der gebürtige Potsdamer, der seit 30 Jahren in Mecklenburg lebt, hat den Bunker 2004 von der Treuhand-Nachfolgerin Bodenverwertungs- und -Verwaltungsgesellschaft mbH bei einer Versteigerung erworben.Die Gemeinde ließ ihn nach der Wende zuschütten.

Mit einer Berliner Studentengruppe hat er das Bauwerk 2008 geöffnet und freigelegt. „Der Bunker besteht aus drei großen Räumen mit Stahlbetonwänden und einigen kleineren Wirtschaftsräumen. Er war mit modernster Technik ausgestattet, um die Verwaltung und Kommunikation aufrechterhalten zu können. Getarnt war er als wasserwirtschaftliche Anlage“, sagt Müller.

Der 52-Jährige ist als Freiberufler in der Baubranche tätig. „Mein ursprünglicher Gedanke war, aus dem Bauwerk was Positives zu machen“, sagt er. Seit 2009 gewährt er zur Pfingstaktion „Kunst offen“ Interessierten Zutritt. Zuletzt präsentierte Dieter Luchs (79) hier seine Sammlung mit Plastiktüten aus 30 Jahren DDR. Daraus ist eine Dauerausstellung geworden. Yves Müllers Wunsch nach einer sinnvollen Nutzung des Bunkers ging damit in Erfüllung. Ihm gefällt der Gedanke, dass der Bunker, der zum Schutz von Menschen erbaut wurde, jetzt die Plastiktüten schützt. Denn die sind nicht UV-beständig. An der Sonne würden sie sich nach einiger Zeit zersetzen.

Zudem steht das Angebot für Schüler ab Klasse 9, im Bunker authentischen Geschichtsunterricht zu erleben – über die Zeit des Kalten Krieges zwischen den Westmächten und den damaligen Ostblockstaaten sowie über die ehemalige DDR.

Kontakt zu Yves Müller: Tel. 0174/9828972

Mehr lesen: 

Bunker unterm Hammer – wer bietet mit?

Mann stürzt beim Klettern am Rostocker Bunker ab – schwer verletzt

Bunker aus der Nazizeit wird abgerissen

120 Plastiktüten zeigen DDR-Geschichte im Bunker

Von Michaela Krohn und Haike Werfel

Journalist Christoph Ruf kommt in die Hansestadt. Er stellt im „Treff im Lindengarten“ sein Buch „Fieberwahn“ vor.

12.10.2019

Die mehrfache Weltmeisterin Anna-Lena Hell (18) startet in drei Disziplinen. Mit drei jungen Rostockern vertritt sie nicht nur Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch Deutschland bei der WM in Österreich.

12.10.2019

Jetzt gibt’s Wild: Der Kreisjagd- und der Kreisbauernverband laden zum Auftakt der klassischen Jagdzeit am 19. und 20. Oktober zum Bauernmarkt ins Kreisagrarmuseum Dorf Mecklenburg ein.

12.10.2019