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Wismar Öko-Landwirte aus Nordwestmecklenburg demonstrieren für Agrarwende
Mecklenburg Wismar

Öko-Landwirte aus Nordwestmecklenburg demonstrieren für Agrarwende 

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11:00 14.01.2020
Sie demonstrieren gegen die Agrarindustrie, für gute Landwirtschaft und gesundes Essen (v. l.): Henry Feddersen, Kerstin Wolff, Clivia von Saalfeld, Hans Höcker, Joachim Bienstein und Barbara Graf-Degenhardt. Quelle: Haike Werfel
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Kahlenberg

„Wir haben es satt!“ Unter diesem Motto findet am 18. Januar in Berlin bereits zum zehnten Mal eine Demonstration für die Agrar- und Ernährungswende statt. Seit 2011 gehen jedes Jahr zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche, der größten Landwirtschafts- und Ernährungsmesse, konventionelle und Bio-Landwirte, Tierhalter und Ackerbauern aus kleinen Betrieben auf die Straße. Sie werden unterstützt von Bäckern, Imkern, Natur- und Tierschützern, Klima-Aktivisten sowie Verbrauchern, Erwachsenen wie Kindern. Gemeinsam treten sie für eine gute Landwirtschaft und gesunde Lebensmittel ein. Bis zu 30 000 Menschen protestieren gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung.

Auch Clivia von Saalfeld und Henry Feddersen, Betreiber des Gärtnerhofs „Himmel und Erde“ in Kahlenberg, werden wie immer mit ihren Kindern um 12 Uhr vor dem Brandenburger Tor stehen. Mit dabei sind auch Barbara Graf-Degenhardt aus Olgashof und Gärtner Hans Höcker aus Bandow. Alle vier sind aktiv in der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi), der „Gemüsegruppe“ Kahlenberg. Kerstin Wolff und Landwirt Joachim Bienstein aus Martensdorf, Mitglied der AG Bäuerliche Landwirtschaft, fahren ebenfalls nach Berlin.

„Wir haben Agrarindustrie satt“

„Wir haben es satt“, sagen sie, „alle reden vom Klimawandel, aber nach wie vor wird die Agrarindustrie subventioniert.“ Der flächendeckende Pestizideinsatz in der industriellen Landwirtschaft tötet die Insekten, zu viel Gülle verschmutzt das Wasser und für das Gensoja-Futter in deutschen Tierfabriken werden Regenwälder niedergebrannt, kritisieren die Akteure der regionalen Landwirtschaft. „Wir fordern genau die Agrarwende, von der sich jene Bauern überrollt fühlen, die jahrzehntelang von der verfehlten europäischen Landwirtschaftspolitik auf Kosten der Umwelt profitiert haben“, meint Hans Höcker. Die konventionellen Bauern sehen sich als Opfer und stellen grüne Kreuze an ihre Felder.

Bund soll mit Milliarden Agrarwende fördern

„Mit den Milliarden-Subventionen sollte die Bundesregierung die Agrarwende finanzieren und große Landwirtschaftsbetriebe beim Umbau in kleinere unterstützen“, erklärt Joachim Bienstein. In der bäuerlichen Landwirtschaft betreiben Arbeitskräfte Bodenpflege, 2,2 sind pro Hektar im Ökobereich eingesetzt, aber nur eine Arbeitskraft in der konventionellen Landwirtschaft. „Zudem bringen wir durch die Vielseitigkeit der Fruchtfolge Sauerstoff in den Boden“, sagt Henry Feddersen. Auch auf Klimaextreme wie die Trockenheit in den letzten drei Jahren könnten Kleinbetriebe besser reagieren als große mit riesigen Flächen, „indem wir wässern und die Fruchtfolge ändern. Wir Kleinen leiden auch darunter. Man muss schon sehr kreativ denken und handeln können“, sagt Clivia von Saalfeld.

Nur wenige Landwirte bereit umzudenken

In den letzten zehn Jahren hätten so viele Betriebe wie noch nie aufgegeben. „Dass es nicht wie bisher weitergehen kann, haben zum Beispiel die Landwirte Jönk in Neperstorf und Tacke in Dorf Mecklenburg erkannt und ihre Milchviehbetriebe rechtzeitig umgestellt“, berichtet Clivia von Saalfeld. Eine Ausnahme. „Wir erleben eher selten die Bereitschaft, umzudenken und Verantwortung für einen zukunftsfähigen und umweltverträglichen Wandel der Landwirtschaft zu übernehmen“, sagt Barbara Graf-Degenhardt.

„Konventionelle Landwirte halten uns vor, was ihr Ökos macht, reicht nicht aus, um die Bevölkerung zu ernähren. Dabei nutzen Großbetriebe nur dreißig Prozent ihrer Ackerfläche für Lebensmittel und siebzig für Maisanbau, um Biogas zu produzieren, und für Futtermittel“, rechnet Feddersen vor. „Die Deutschen essen viel weniger Schweinefleisch als noch vor Jahren, produziert wird in Großbetrieben aber noch genauso viel. Es wird exportiert, unter anderem nach China. „Maisflächen sind ,grüne Wüsten’, zu 95 Prozent frei von Fauna und Flora“, ergänzt seine Frau.

Die Akteure prangern zudem die Wettbewerbsverzerrung an: Große Betriebe bekommen viel Subvention, kleine wenig. „Die Regierung sollte Betriebe für ihre Umweltleistung honorieren, also jene fördern, die Tiere artgerecht halten und etwas für den Naturschutz tun“, sagt Bienstein. Er und seine Mitstreiter wollen eine grundsätzlich andere Landwirtschaft, als sie jetzt gefördert wird.

Auch Verbraucher unterstützen Demo

Das kommunizieren sie auch mit Verbrauchern. Etwa 80 Familien aus Wismar und dem Landkreis sind aktiv in der „Gemüsegruppe“ Kahlenberg. Sie unterstützen das Anliegen der Demonstranten. „Wir freuen uns, wenn sich darüber hinaus viele Menschen aus der Region der Demo anschließen“, sagt Kerstin Wolff. „Es ist eine kinderfreundliche Demo, sehr bunt und kreativ.“

Vielleicht kommen auch einige konventionelle Landwirte, hoffen die Akteure. „Wir möchten ihnen Mut machen, dass auch ein anderer Weg möglich ist“, sagt Barbara Graf-Degenhardt. „Unsere Vision ist, dass wir gemeinsam unsere Region gestalten und langfristig ein Umdenken initiieren.“

Infos zur Demo

Treffpunkt für die Demo ist um 12 Uhr am Brandenburger Tor. 30 Minuten später läuft der Zug der Demonstranten los. Er wird von einem Treckerkonvoi begleitet.

Abschluss der Demo ist ab 14.30 Uhr ebenfalls am Brandenburger Tor mit Reden, einem Konzert, Essen und heißen Getränken.

Nach der Demoist von 15.30 bis 19.30 Uhr ein Soup & Talk in der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8 (nahe Hauptbahnhof) geplant.

Mehr zum Thema im Internet: www.gemuesegruppe.de und https://wir-haben-es-satt.de

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Von Haike Werfel

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