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Wismar Ohne diese Frau gibt es keinen Wetterbericht
Mecklenburg Wismar Ohne diese Frau gibt es keinen Wetterbericht
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18:56 25.08.2019
Die Poeler Wetterbeobachterin Erika Koal vor dem automatischen Temperaturmessgerät in ihrem Garten. Die Daten werden halbstündlich abgerufen und an die Zentrale des Wetterdienstes in Offenbach übermittelt. Quelle: Heiko Hoffmann
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Kirchdorf

„Über das Wetter reden die Leute ja immer“, weiß Erika Koal. Sie kann das auch. Seit 54 Jahren beobachtet die Poelerin das Wetter. Wie wird der Sommer, wie wird der Winter? Erika Koal wird das oft gefragt. Doch Vorhersagen sind nicht ihr Metier. Das überlässt sie den Experten. Sie selbst vertraut abends den ZDF-Nachrichten. „Das trifft zu 95 Prozent zu.“

Doch ob das aktuelle Wetter, Klimaveränderungen, Vorhersagen oder Rekordwerte – ohne die ehrenamtlichen Wetterbeobachter kommen auch die professionellen Dienste nicht aus. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) zählt bundesweit 1742 ehrenamtlich betreute Stationen. Eine davon ist die von Erika Koal.

Pastor machte den Anfang

Die Wetteraufzeichnungen gehen auf die Gründung des Königlichen Preußischen Meteorologischen Instituts in Berlin im Jahre 1847 durch Alexander von Humboldt zurück. Auch im Großherzogtum Mecklenburg wurden meteorologische Beobachtungen systematisch durchgeführt. Erster Wetterbeobachter auf der Insel Poel war Pastor Hempel im Jahr 1852.

Die Poeler Wetterbeobachter

Am 1. September 1852 begann im Pfarrhaus von Kirchdorf auf der Insel Poel die regelmäßige Wetterbeobachtung. Bis heute gab es zehn Wetterbeobachter auf der mecklenburgischen Insel.

Pastor Hempel (1.9.1852 bis 1.10.1880)

Dessen Tochter Fräulein Hempel (1.10.1880 bis 1.7.1881)

Lehrer Handmann (1.7.1881 bis 1.8.1881)

Pastor Witte (1.8.1881 bis 1.10.1902)

Organist O. Büsch 1.10.1902 bis 1.10.1912)

Postagent Johannes Schröder (1.10.1912 bis 1.11.1928)

Dessen Schwester Postagentin Elisabeth Schröder (1.11.1928 bis 30.4.1945 und 1.10.1946 bis 15.8.1952)

Erna Kofahl (15.8.1952 bis 1.8.1955)

Lehrer i. R. Hans Schildt (1.8.1955 bis 1.10.1965)

Dessen Enkelin Erika Koal (seit 1.10.1965).

Erika Koal ist die zehnte Beobachterin auf der Insel. Sie trat im Oktober 1965 die Nachfolge ihres Großvaters an. Bei einem Treffen der ehrenamtlichen Wetterbeobachter im letzten Jahr in Potsdam war Erika Koal die mit Abstand dienstälteste. Der DWD schätzt „ihre Zuverlässigkeit und ihr Durchhaltevermögen“.

Einige Wetterrekorde von Stationen in Boltenhagen, Kirchdorf und Warnemünde, die der Deutsche Wetterdienst führt. Quelle: Grafik: Arno Zill

Mit 37,1 Grad hat die Poeler Frohnatur am 31. Juli 2018 den heißesten Tag und 2002 das regenreichste Jahr in Kirchdorf erlebt. Viele Rekorde fallen in ihre ehrenamtliche Zeit.

Vom Poeler Garten nach Offenbach

Wer mit ihr in den Garten geht, trifft auf moderne Technik für das Messen der Temperatur in der Luft und am Boden sowie den Niederschlag. Fast alles wird heute automatisch gemessen und in die hessische Zentrale des DWD nach Offenbach übermittelt. Nur die Schneehöhe misst Erika Koal noch manuell. Und neben dem automatischen Niederschlagsmesser steht noch ein analoger. „Der ist auf meinen Wunsch geblieben. Zur Kontrolle“, lacht die rüstige Frau, die noch zu Hause Klavier spielt, am 4. August beim Gottesdienst in der Kirche für Orgelmusik gesorgt hat und in der Klöppelgruppe aktiv ist.

Erika Koal mit dem Vorgängermodell des automatischen Niederschlagsmessers. Die Poeler Wetterbeobachterin wollte, dass das Gerät neben dem modernen bleibt. Quelle: Heiko Hoffmann

„Anfangs“, sagt Erika Koal freimütig, „habe ich mich gegen die neue Technik gesträubt. Der ganze neumodische Kram, aber es nützt ja nichts.“ Inzwischen wisse sie auch die Vorzüge zu schätzen.

Früher gab es ein Wettertagebuch

Früher sei die Arbeit aufwendiger gewesen. Erika Koal: „Morgens, nachmittags und abends mussten zu festgesetzten Zeiten mehrere Werte abgelesen werden. Regen und Schnee mussten in einem Niederschlagsmesser aufgefangen und in einem Messglas gemessen werden.“ Außerdem waren Windstärke, Wolkendichte, Sichtverhältnisse , Nebel, Tau, Reif, Gewitter, erster und letzter Donnerschlag zu registrieren. Erika Koal: „Alles wurde in einem Wettertagebuch eingetragen. Zweimal im Monat wurde eine Wettertabelle angefertigt und dem Wetteramt Rostock/Warnemünde zugeschickt, das dann diese Tabellen zu wissenschaftlichen Auswertungen an die Hauptwetterdienststelle in Potsdam weiterleitete.“

Anekdoten in all den Jahren

Amüsante Geschichten kann Erika Koal einige erzählen. Zum Beispiel über so manche Silvesternacht, wenn in geselliger Runde kräftig gefeiert wurde und am Morgen die Werte abgelesen, die Statistik vervollständigt und schnell abgeschickt werden musste. Oder: „Mein Enkel und sein Freund wollten sich eines Tages mal sehr nützlich machen und spritzten die Wetterhütte mit den Messgeräten von außen mit Wasser ab. Der Hydrograph hatte prompt eine 100-prozentige Luftfeuchtigkeit angezeigt und das bei schönstem Sommerwetter.“

Die Wetterstation auf Poel: automatischer und noch herkömmlicher Niederschlagsmesser, Bodenthermometer und die Messtechnik für die Lufttemperatur. Quelle: Heiko Hoffmann

Im Winter sei es beschwerlich gewesen, wenn der Weg zur Wetterhütte erst vom Schnee befreit werden musste. Bei Erika Koal, die bei Wind und Wetter auch mit der Taschenlampe ins Freie gegangen ist, um die Temperatur abzulesen, ist die ehrenamtliche Tätigkeit „in Fleisch und Blut übergegangen“. Eines Tages wird ihr Sohn Fritjof die Tradition des Wetterbeobachters auf Poel fortsetzen.

Von kaum einer Mücke gestochen

Viel mehr Sorge bereitet ihr der Klimawandel. Die Vielfalt der Vögel gehe auch auf Poel zurück, in der Landwirtschaft sieht sie den Einsatz von Glyphosat kritisch, Wald werde zum Flächengewinn für anderes abgeholzt, Insekten werden immer weniger. „Ich wurde kaum von einer Mücke in diesem Sommer gestochen. Wenn sich die Welt nicht zusammenschließt, werden wir dem Verderben entgegengehen. Ja, das denke ich.“

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Über den Autor

Von Heiko Hoffmann

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