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Wismar Proseken und Wismar gedenken der friedlichen Revolution 1989
Mecklenburg Wismar Proseken und Wismar gedenken der friedlichen Revolution 1989
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18:41 07.10.2019
50 000 Menschen demonstrierten am 7. November auf dem Wismarer Marktplatz. Quelle: Stadtarchiv Wismar
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Wismar/Proseken

Der 16-jährige Anakin ist nach einer Hauptfigur aus „Star Wars“ benannt. Die amerikanische Science-Fiction-Reihe hat Filmgeschichte geschrieben. Nun ist der Schüler aus Proseken in die richtige Geschichte eingetaucht, um selber einen Film zu machen: Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden hat Anakin einige der 2000 Zeitzeugen befragt, die am 18. Oktober 1989 in dem kleinen Ort vor den Toren Wismars dabei gewesen sind – als sich in der Kirche das Neue Forum vorgestellt hat.

Sie wirken an der Gedenkveranstaltung mit (v. l.): Kreistagspräsident Klaus Becker (CDU), die Prosekener Schüler Julian Skripskausky, Anakin Porath, der ehemalige Pastor Manfred Harloff, FDP-Politiker Hans Kreher und Wismars Bürgermeister Thomas Beyer (SPD). Quelle: Kerstin Schröder

Der Hausmeister der Prosekener Schule ist mit dem Moped dorthin gefahren. „Er hat uns erzählt, dass er nicht mehr in die Kirche hineingekommen ist, weil sie so voll war“, berichtet Anakin Porath. An der Gägelower Kreuzung hätten Polizisten die Auto- und Motorradkennzeichen der Teilnehmer notiert. Doch es seien immer mehr Fahrzeuge gekommen – bis sie es irgendwann nicht mehr geschafft hätten und nur noch den Verkehr geregelt haben.

Wismars Bürgermeister Thomas Beyer (SPD), der Mitglied des Neuen Forums gewesen ist, liegt dazu ein Bericht an den ehemaligen Rat des Kreises Wismar vor. In den Akten heißt es: „Fahrzeuge mit den Kennzeichen A, B, Y, H, I, und M. Pkw ca. 200. Bürger kommen mit Fahrrädern aus Wismar und Umgebung.“

Prosekener Schüler haben Zeitzeugen befragt

Warum die Menschen damals, vor 30 Jahren, dabei gewesen sind oder warum sie die Veranstaltung organisiert haben, das haben die Zeitzeugen den Zehntklässlern aus Proseken erzählt. Die haben daraus mit dem Filmbüro Mecklenburg-Vorpommern und einigen historischen Aufnahmen ein 15 Minuten langes Video gemacht.

Zu sehen ist das am 18. Oktober bei einer Gedenkveranstaltung in der Prosekener Kirche. Anakin kennt den fertigen Film noch nicht und ist gespannt – genau wie sein Klassenkamerad Julian Skripskausky. Der 15-Jährige nimmt durch das Geschichtsprojekt die Ereignisse von damals jetzt ganz anders wahr. „Ich wusste vorher nicht viel über das Thema“, räumt er ein. Aber die Geschehnisse aufzuarbeiten, sei interessant gewesen und habe Spaß gemacht, sagt Julian Skripskausky.

Das Programm

Unter dem Titel „Vergangenheit begreifen – Zukunft gestalten“ gibt es am 18. Oktober eine Veranstaltung, die an die erste Veranstaltung des Neuen Forums 1989 in der Kirche erinnert – ab 16.30 Uhr. Nach einem Orgelspiel von Tilmann Richter an der Orgel und der Begrüßung durch Pastorin Anne Hala eröffnet der ehemalige Pastor das Programm von Manfred Harloff. Nach ihm tritt gegen 16.45 Uhr Liedermacher Stephan Krawczyk aus Berlin auf. Seinen zweiten Auftritt hat er um 17.50 Uhr, den dritten um 18.20 Uhr. Der Gastredner Kai Langer von der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt/Magdeburg spricht ab 17 Uhr und 18 Uhr zum Thema „Die Friedliche Revolution im Norden – 30 Jahre danach“. Gegen 17.20 Uhr präsentieren Zehntklässler der Regionalen Schule Proseken ein Film- und Geschichtsprojekt zum Thema. Im Anschluss an die Veranstaltung wird eine Gedenk-Stele vor dem Weitendorfer Tor aufgestellt.

Die Jugend in die Gedenkveranstaltung miteinzubeziehen, ist das Anliegen der Organisatoren gewesen. Sie haben sich vor anderthalb Jahren das erste Mal getroffen, um den 18. Oktober 2019 mit Unterstützung des Landkreises vorzubereiten. „Die Vergangenheit muss aufgearbeitet werden, damit man die Zukunft gestalten kann. Deshalb wollen wir das, was uns damals bewegt hat, der jüngeren Generation weitergeben“, betont Manfred Harloff. Er ist 1989 Pastor in Proseken gewesen. Das Anliegen vor 30 Jahren sei gewesen, demokratische Strukturen zu schaffen – Pressefreiheit, Gewaltenteilung, Reisefreiheit.

Protokolle vom Tag für den Rat des Kreises

Am 19. September 1989 ist das Neue Forum in elf der 15 DDR-Bezirke angemeldet worden. Zwei Tage später wurde die Bürgerbewegung über die staatliche Nachrichtenagentur ADN als verfassungs- und staatsfeindlich beschrieben. „Wir wussten, dass die Veranstaltung ein enormes Risiko war“, erinnert sich Manfred Harloff. Alle hätten Angst gehabt, auch verprügelt zu werden, wie kurz zuvor Demonstranten in Berlin und Dresden. Dennoch sei in Voßkuhl beim späteren Bürgermeister Fritz Kalf entschieden worden, die Veranstaltung in der Kirche durchzuführen.

Bildergalerie: Bilder von der Groß-Demo am 7. November 1989

Bilder von der Groß-Demo am 7. November 1989 in Wismar

Die Resonanz sei enorm gewesen. Der Platz hat nicht ausgereicht. Deshalb bekommen die Menschen vor der Kirche mit Lautsprechern zu hören, was drinnen besprochen wird. In den Protokollen für den Rat des Kreises steht dazu: „Bezeichnend war, dass Kalfs defamierende, in hysterischer Form vorgetragene Äußerungen mit lautem und lang anhaltendem Beifall belohnt wurden.“ Außerdem habe Kalf die Anwesenden darüber informiert, dass ein Antrag auf die Zulassung des Neuen Forums gestellt worden sei und die Abteilung Inneres des Rates des Bezirkes diesen Antrag ablehnte mit den Bemerkungen: „... es liegt kein gesellschaftliches Bedürfnis vor“. Daraufhin habe es Buh-Rufe gegeben.

Keine Fotos aus Angst, verdächtig zu werden

Die Veranstaltung beginnt 1989 mit einem Gottesdienst. Anschließend stellen Mitglieder des Neuen Forums ein politisches Programm zur demokratischen Umgestaltung Ostdeutschlands vor. Der Aufruf „Aufbruch 89 – Neues Forum“ wird vorgelesen und verteilt. „Wir wollten ohne Gewalt zu guten Ergebnissen kommen – das war unser Ziel“, beschreibt Hans Kreher, damals ebenfalls Mitglied im Neuen Forum, das Anliegen der Versammlung. Er hat das Motiv für die Plakate und Einladungskarten zur Gedenkveranstaltung 2019 gestaltet: Er zeigt Menschen, die friedlich demonstrieren. Sie tragen Kerzen in der Hand und können so keine Waffen ergreifen.

Die Dorfkirche in Proseken kann auf eine über 800-Jährige Geschichte zurück blicken. Quelle: Nicole Hollatz

Fotos vom legendären 19. Oktober 1989 in der Prosekener Kirche gibt es nicht. „Wir hatten Angst, verdächtig zu werden, dass wir die Menschen ausspionieren wollen“, erklären die Organisatoren. In den darauffolgenden Wochen seien dann weitere Veranstaltungen durchgeführt worden – unter anderem am 31. Oktober 1989 in der überfüllten Wismarer Nikolaikirche mit Hauptredner Thomas Beyer.

Neue Stele soll an den Jahrestag erinnern

Am 7. November 1989 kommt es zu einer Groß-Demonstration auf dem Wismarer Marktplatz mit 50 000 Menschen. Es sei eine der größten Demonstrationen in Norddeutschland gewesen, erinnert sich Beyer. Am 7. November 2019 wird daran ab 18 Uhr im Wismarer Rathaus gedacht. Auch Zeitzeugen werden dabei sein. Interessierte Besucher sind herzlich willkommen – auch am 18. Oktober in Proseken. Mit 2000 Gästen – wie 1989 – rechnen die Veranstalter nicht. So viele seien auch nicht zum 20. und 25. Jahrestag gekommen. „500 wären schön“, hoffen sie.

Im Anschluss soll vor dem Weitendorfer Tor eine Stele aufgestellt werden. Eine Gedenktafel gibt es bereits. Der Film, den die Schüler gedreht haben, soll später kostenlos im Internet für jedermann zu sehen sein.

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