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Wismar Schock für Eltern in Wismar: 21 Schulbegleitern ist gekündigt worden
Mecklenburg Wismar Schock für Eltern in Wismar: 21 Schulbegleitern ist gekündigt worden
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16:12 06.06.2019
Ein Schüler meldet sich. Schüler mit Beeinträchtigungen können mit Schulbegleitern oft normal beschult werden (Symbolbild). Quelle: dpa
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Wismar

Schock für 21 Integrationshelfer und Schulbegleiter in Wismar und Nordwestmecklenburg. Sie haben von ihrem Arbeitgeber, der „Felicitas gemeinnützige GmbH“ die Kündigung bekommen. Schüler und Lehrer sind entsetzt – auch die betroffenen Eltern. Sie haben sich nun mit einem offenen Brief an die Entscheidungsträger gewandt. Grund der Kündigungen sind die Kosten. Die Verhandlungen mit dem Schulträger, dem Landkreis, sind zurzeit ausgesetzt.

Aggressives Verhalten

Schulbegleiter (auch Integrationshelfer oder Schulassistenten) unterstützen Kinder mit Körperbehinderung, geistiger Behinderung oder psychischer Störung im schulischen Alltag und begleiten sie in der Schule – wie Nico. „Mein Sohn stand kurz vor der Suspendierung. Nur durch den Integrationshelfer wurde der Schulbesuch weiterhin vom Direktor erlaubt“, erzählt seine Mutter Christine Riedel.

Nico hat eine sozial-emotionale Wahrnehmungsstörung. Er ist durch aggressives Verhalten in der Klasse aufgefallen, hat Mitschüler wie Lehrer tyrannisiert. Ein Jahr lang hat seine Mutter für einen Integrationshelfer gekämpft. „Es ist besser geworden“, dankt sie. Nun hat sie Angst um die Zukunft ihres Kindes.

Offener Brief

Im offenen Brief schildern auch andere Eltern die Situation ihrer Kinder: „Sie sind Autisten oder haben andere Besonderheiten, die sie wie jedes Kind einzigartig machen. Und um auch in Zukunft Teil unserer Gesellschaft zu sein, benötigen sie diese Hilfe. So werden Schulabschlüsse erreicht, Schulverweiger/-innen gehen wieder zur Schule und soziale Kontakte entstehen. Sie haben Teil an Gemeinschaft. Sie dabei zu unterstützen, ist nicht nur eine kommunale Aufgabe, sondern auch ein Grundrecht.“

Defizitäre Situation?

Die Felicitas GmbH ist freier Träger der Jugendhilfe. Geschäftsführerin Wibeke Mantei begründet die Kündigungen so: „Im April wollten wir turnusgemäß neue Entgelte verhandeln mit dem Landkreis, die Verhandlungen wurden vom Landkreis abgebrochen. Ich musste betriebswirtschaftlich reagieren und den Mitarbeitern kündigen.“

Vom Landkreis bekommt das Unternehmen jede Stunde, die der Mitarbeiter in der Schule ist, vergütet. Ferien oder auch die Zeiten, in denen der Schüler krank ist, werden nicht vergütet. „Wir haben so pro Stelle eineinhalb bis zwei Monate ohne Refinanzierung“, behauptet Wibeke Mantei.

Schon allein die Ferienzeit ist länger als der Urlaubsanspruch des Integrationshelfers. Und weiter sagt sie: „Wir sind ein kleiner Betrieb, wenn ich entsprechend Lohn zahlen muss, aber das Geld nicht hereinbekomme, kann ich das ein Jahr machen, aber kein zweites Jahr.“

Wer ist schuld?

Aus dem Landkreis als Schulträger heißt es dazu: „Die Verhandlungen zur Anpassung dieser Leistungsbeschreibung sind zurzeit ausgesetzt, da der Träger den Wunsch geäußert hat, seine Leistungsbeschreibung zu überprüfen. Die zurzeit gültige Vereinbarung besteht seit Mai 2018 und gilt uneingeschränkt fort. Hier erfolgen nach wie vor regelmäßige Zahlungen.“

Die Meinungen gehen auseinander. Der Landkreis argumentiert, dass die Zahlungen natürlich entsprechend höher seien, um Ferienzeiten aufzufangen. Felicitas hält dagegen. Integrationshelfer erzählen, dass sie einen Vertrag mit weit weniger Stunden als die Schulzeit des jeweiligen Kindes haben. Die Überstunden sind eigentlich für die Ferien und reichen theoretisch für Monate zum „Abbummeln“.

„Da wird etwas auf dem Rücken der Kinder geregelt“, meint Jeannette Butz. „Wir haben drei Jahre gebraucht, um einen Schulbegleiter für meinen Sohn zu bekommen“, erzählt die Mutter weiter.

Auch Stefanie Kirsch vom Schulelternrat Nordwestmecklenburg äußert sich entsetzt: „Das ist total schlimm und schäbig. Warum wird der Kreiselternrat bei solchen Prozessen nicht mit an den Tisch geholt?“

Kinder als Spielball?

Im offenen Brief der Eltern: „Deshalb fordern wir die Sicherstellung dieser Maßnahme der Jugendhilfe durch den Landkreis. Unsere Kinder und die Integrationshelfer dürfen nicht zum Spielball in Verhandlungen zwischen dem Trägerverein Felicitas GgmbH und dem Landkreis Fachdienst Soziales werden! Ihre Arbeit muss konstant sichergestellt sein und der langjährige, persönliche Beziehungsaufbau darf nicht aus wirtschaftlichen oder anderen Interessen zerstört werden.“

Am 12. Juni um 15 Uhr rufen die betroffenen Eltern zur Demo unter dem Motto „Inklusion statt Kalkulation!“ auf dem Wismarer Marktplatz auf. Danach hat der Jugendhilfeausschuss des Landkreises das Thema auf seiner Tagesordnung in einer Sondersitzung.

Langes Warten auf einen Schulbegleiter

Rund 30 Schulbegleiter sind im Landkreis aktiv. Neben der Felicitas gGmbH sind weitere Träger der freien Jugendhilfe für den Landkreis tätig.

Drei Jahre dauert es mitunter, bis Eltern mit ihrem Kindergarten- oder Schulkind ein Integrationshelfer bewilligt wird.

Aus dem Landkreis heißt es dazu: „Wird der Antrag auf einen Integrationshelfer gestellt, haben in diesem Verfahren verschiedene Prüfungen zu erfolgen. Dabei ist das Jugendamt auf Gutachten und Stellungnahmen weiterer Beteiligter angewiesen, die hier nicht immer direkt und zeitnah zur Verfügung gestellt werden können. Das verzögert die dann sorgfältig zu treffende Einzelfallentscheidung.“

Nicole Hollatz

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