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Wismar So war der Tag des offenen Denkmals in Wismar
Mecklenburg Wismar So war der Tag des offenen Denkmals in Wismar
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20:35 08.09.2019
Ein typisch expressionistisches Haus mitten im Gotischen Viertel. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

„Das ist mir so noch nie aufgefallen!“ Der Satz fiel am Sonntagvormittag regelmäßig bei der Führung zur „Expressionistischen Ziegelarchitektur der 1920er Jahre in der Altstadt“. Thorsten Günter von der Abteilung Sanierung und Denkmalschutz im Wismarer Bauamt war der „Aufmerksammacher“ und „Blickelenker“.

Expressionismus nach dem Weltkrieg

Denn die Fassaden, auf die er seine Gäste zum Tag des offenen Denkmals hinwies, sind auf den ersten Blick schmucklos im Vergleich zu den älteren, bunten und reich verzierten Giebeln der Stadt. „Der Erste Weltkrieg war gerade zu Ende“, erzählt er von der Lage in Wismar zwischen Inflation und Reparation.

Expressionistische Führung oder Einblicke in Privathäuser mit der Frage, wie dort mit dem modernen Wohnen im alten Bestand umgegangen wird – die Angebote zum Tag des offenen Denkmals waren vielfältig.

Die Backsteinbauten mit ihren runden und zackigen oder eckigen Formen sind typische Vertreter des Expressionismus. „Die Giebelgestaltung finden Sie so ähnlich beim Grabmal von Sella Hasse auf dem Wismarer Friedhof wieder“, machte Thorsten Günter auf das Mauerwerk in der Lübschen Straße 62 aufmerksam. Die Lisenen, die flach hervortretenden Mauerstreifen zur Gliederung der Fassade, finden sich an vielen Häusern der Zeit wieder.

Kaffeefiguren und moderne Schwünge

In der Hegede 3 erzählen die Figuren im Obergeschoss der Fassade von der ehemaligen Nutzung. Ein Hamburger Kaffeehändler hatte die Umgestaltung der Fassade in Auftrag gegeben. „Und was in Hamburg modern war, wollte man nach Wismar bringen“, so Thorsten Günter. Johannes Busch, der Architekt hat auch das Karstadt-Gebäude und das heutige Gerhart-Hauptmann-Gymnasium gestaltet, holte den Expressionismus nach Wismar.

Der expressionistische Bau in der Sargmacherstraße geht angesichts der Fassade des Archidiakonats gleich gegenüber unter. Dank Thorsten Günter fällt die geschwungene Ziegelbekrönung im Dach auf, darunter das Dreiecksfenster und die drei Fenster mit den Rundbögen – alle Formen des Expressionismus vereint.

Wismars Fernmeldeamt

Die nächste Fassade ist weiter weg. Der massive Bau in der Schatterau 25a entstand 1926/27 als Fernmeldeamt. Die damals moderne Technik des Telefons sollte einen genauso modernen Bau bekommen. Natürlich preiswert, sprich reduzierte Form und wenig Schmuck, immerhin war es ein städtischer Bau.

Das Eingangsportal mit den flachen Ziegelplatten fällt als Erstes auf. Faszinierend, wie die dezent zurückgesetzten Steine der Fassade Struktur verleihen. „Die Technik war im Keller“, erinnert sich Ilona Bittihn bei der Führung. Sie hat ihre Kindheit in der Schatterau verbracht. „Wir sind hier ständig vorbeigegangen, aber das mit den Ziegeln habe ich so nicht erkannt!“

Thorsten Günter wusste, was mit der Technik aus dem Keller passiert ist: „Die wurde geborgen und ist nun im Deutschen Museum in München.“

Feuerwehr und Pferdekopf

Die Hofbebauung in der Schweinsbrücke 5 hält Überraschungen bereit. An der Fassade begrüßt ein steinerner Pferdekopf die Besucher. „Das Haus hat der Fuhrunternehmer Klüßendorf in Auftrag gegeben“, erzählt Günter über den ersten expressionistischen Bau in Wismar. Im noch unsanierten Haus sollen Wohnungen entstehen.

1928 entstand der wohl eindrucksvollste expressionistische Bau in Wismar, das Feuerwehrgebäude von Stadtbaurat Arthur Eulert an der Frischen Grube 13. Die Fassadengestaltung ist pfiffig, für die Details dort sollte man sich Zeit nehmen.

Kunst im Speicher

Das Speicher- und Dielenhaus am Spiegelberg 48a lockte die Besucher. Vor zwei Jahren konnten Interessierte zum Tag des offenen Denkmals noch die Baustelle besuchen, nun präsentierte der Eigentümer Michael Lange das fast fertige Gebäude als Ort für Kunst.

Zur historischen Bausubstanz sind mit viel Gefühl Stahl und Glasflächen dazugekommen. Trennwände gibt es kaum. „Das Gebäude ist über 18 Meter tief, sonst hätten wir in der Mitte kein Licht gehabt“, sagt Michael Lange. Acht Meter ist die Diele hoch und zeigt die frühere Nutzung des Hauses. Das Obergeschoss ist nichts für Hochgewachsene.

Private Einblicke

Das kleine Häuschen in der Böttcherstraße 25 war genauso ein Sorgenkind und ist das jüngste Denkmal in Wismar. Frisch saniert standen die Gäste dort gerne an, um einen Blick hineinwerfen zu dürfen.

Die barocke Bude, sprich ein Handwerkerhaus, sollte als halbe Ruine Spekulantengewinne bringen und konnte mit neuen Eignern zum Glück vor dem weiteren Verfall oder gar Abriss gerettet werden. Die Eigner und ihr Architekt Arndt Uhlig führten durch das Schätzchen und zeigten, wie gut modernes Leben in alte Gemäuer einziehen kann.

Martina Klopp aus der Nähe von Rehna war begeistert: „Der Tag des offenen Denkmals bietet oft die Gelegenheit, in solche Häuser zu gucken. Ich wünschte, es gäbe mehr solcher Bauherren, die mit viel Mut und Engagement so ein altes Haus erhalten. Die machen ja das Flair von Wismar aus!

Mehr Infos:

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Von Nicole Hollatz

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