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Wismar Streik legt Busverkehr in Nordwestmecklenburg lahm
Mecklenburg Wismar

Streik legt Busverkehr in Nordwestmecklenburg lahm

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12:51 30.01.2020
„Heute Warnstreik“ – mit diesem Schild werden Fahrgäste am Zentralen Omnibusbahnhof in Wismar auf den ganztägigen Streik hingewiesen. Quelle: Heiko Hoffmann
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Wismar/Grevesmühlen

Knapp 100 Busse sind täglich auf den Straßen Nordwestmecklenburgs und Wismars unterwegs, um 14 000 Fahrgäste, davon 7000 Schüler, zu transportieren. Normalerweise. Doch am Donnerstag streiken die Busfahrer erneut. Der Grund: Die Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft und dem Kommunalen Arbeitgeberverband kommen nicht voran.

Die Busfahrer von Nahbus streiken erneut, es ist der dritte Streik innerhalb von zwei Wochen. Quelle: Michael Prochnow

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„Das Angebot, das uns die Gegenseite vorgelegt hat, ist nicht ansatzweise das, was wir uns vorstellen“, sagt Karl Heinz Pliete von Verdi, der am Donnerstagmorgen zusammen mit den Busfahrern vor dem Tor von Nahbus in Grevesmühlen steht. Die Busfahrer fordern eine Angleichung der Löhne und Gehälter an das Niveau in Schleswig-Holstein. Das bedeutet zwei Euro mehr Stundenlohn und 100 Euro. Doch davon sind die Verhandlungen, die am 17. Februar fortgesetzt werden, weit entfernt.

Eltern sind sauer über die späte Information beim Schülerverkehr

Bei den Fahrgästen, die die ersten beiden Aktionen der Busfahrer noch gelassen hinnahmen, nimmt das Verständnis offenbar ab. Ein Mutter, die mit ihren Kindern in Klütz an der Bushaltestelle steht, macht aus ihrem Unmut jedenfalls keinen Hehl. „Bei allem Verständnis für die Busfahrer, aber die Kinder müssen zum Gymnasium nach Grevesmühlen. Wenn wir erst am Morgen erfahren, dass die Busse nicht fahren, dann haben wir ein Problem.“

Zahlreiche Schüler warten am Donnerstag vergeblich auf die Schulbusse. Denn auch die privaten Subunternehmer, die mit dem Tarifstreit nichts zu tun haben, dürfen nicht fahren. Auch sie haben erst am späten Mittwochabend von dem Streik erfahren und alle Hände voll zu tun, ihre Mitarbeiter rechtzeitig zu informieren. Bei vielen Eltern der Fahrschüler kommt diese Info allerdings erst am Donnerstagmorgen an. Dementsprechend ist die Stimmung an den Haltestellen. „Wir müssen jetzt zusehen, wie die Kinder nach Grevesmühlen kommen“, so die aufgebrachte Mutter.

„Sollen sich einigen“

„Heute Warnstreik!“ – so die Information auf einem Schild am Busbahnhof in Wismar. Melanie Neichel (32) will mit dem Kinderwagen zum Friedenshof. „Das ist jetzt das zweite Mal, dass ich beim Streik nicht von A nach B komme. Es wird Zeit, dass die sich einigen.“ Mehr Verständnis hat Inge Beschorner. Die 82-Jährige will zum Arzt. Sie hat sich noch am Vortag informiert. „Da war von Streik noch nicht die Rede. Aber ich kann die Busfahrer verstehen“, sagt die Wismarerin, die vom OZ-Reporter vom Köppenitztal zum Arzt gefahren wird.

In der Goethe-Gesamtschule am Friedenshof fehlen zehn von 480 Schülern. Eltern und Schüler haben sich gut auf die Situation eingestellt. „Der Streik ist bei uns kein großes Thema“, sagt Schulleiterin Dr. Anka-Sybille Obermeier. Der Werftshuttle zwischen Bürgerpark und Werft wird von zwei leitenden Angestellten bedient, die sich hinters Steuer setzen.

Richtig Dampf lässt Fabian Witt ab. Der junge Mann aus Ludwigslust ist bei Regenwetter am ZOB gestrandet. Er will nach Gägelow. „Und nun? Sollen die doch endlich die Kohle rausrücken, damit das hier ein Ende hat. Kein Wunder, dass immer weniger Leute Bus fahren wollen.“

Verhandlungsführer Karl Heinz Pliete von Verdi vor dem Nahbus-Gelände in Grevesmühlen. Quelle: Michael Prochnow

Karl Heinz Pliete kann durchaus nachvollziehen, dass der Streik nicht überall auf Begeisterung stößt. „Aber das sind leider die Folgen des Arbeitskampfes, das ist nun einmal so.“ Ob es noch weitere Aktionen in den nächsten Wochen geben wird, dazu gibt er am Donnerstag keine Auskunft. Die Verhandlungen werden erst am 17. Februar fortgesetzt. „Dazu können wir öffentlich natürlich nichts sagen“, erklärt der Verdi-Vertreter.

Busfahrer fordern gerechte Entlohnung

Busfahrer Steffen Bühring Quelle: Dirk Hoffmann

Die Busfahrer in Grevesmühlen wissen sehr gut um die Folgen des Streiks. Denn sie haben tagtäglich mit den Fahrgästen zu tun und erleben mit, wenn es Probleme gibt. „Die Verantwortung, die wir tragen, sollte man nicht unterschätzen“, sagt Steffen Bühring, seit sieben Jahren Busfahrer bei Nahbus. „Vor allem der Schülerverkehr ist für die Fahrer mit sehr viel Stress verbunden. Die Schüler sitzen eben nicht alle ruhig und artig auf ihren Plätzen. Dazu kommen die Autofahrer, auf die wir achten müssen. Die aber umgekehrt nicht immer auf die Busse achten.“

Sie wollen für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden, erklärt Bühring. 30 Jahre nach der Wende würden die Fahrer in Mecklenburg-Vorpommern immer noch weniger verdienen als ihre Kollegen im Nachbarland Schleswig-Holstein. „Da stimmt doch irgendetwas nicht.“ Auch wenn unabhängig vom Lohn und Gehalt schon einiges passiert in Nordwestmecklenburg sei, räumt der 37-Jährige ein, der gleichzeitig stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Nahbus ist. „Es gibt schon ein paar Fortschritte und auch Sachen, die bei uns besser laufen als bei den Kollegen in Lübeck. Aber viele vergessen eben auch, dass wir im Schichtbetrieb arbeiten, bis zu zwölf Stunden im Einsatz sind. Ab vier Uhr morgens rollen die Busse durch den Landkreis, das sehen viele Fahrgäste natürlich nicht.“

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Von Michael Prochnow und Heiko Hoffmann