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Wismar Urlaub für kleine Helden
Mecklenburg Wismar Urlaub für kleine Helden
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00:00 30.05.2018
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Berlin/Wismar

Vor dem Start gibt der Pilot noch Anweisungen. „Na Männer, dann wollen wir mal“, sagt Christian Schneidt. Der Hubschrauberpilot aus Trebbin in Brandenburg hat zwei nicht alltägliche Fluggäste an Bord: Kadircan und Efekan, zehnjährige Zwillinge aus Wismar. Die Jungen leiden an einer Muskelerkrankung. Seit Jahren sind sie auf den Rollstuhl angewiesen und verlieren an Kraft. Ihr Gewicht beträgt zurzeit weniger als 15 Kilogramm.

Eine Gruppe behinderter Kinder aus MV erholt sich zurzeit in Berlin. Mit dabei sind Samantha und die Zwillinge Efekan und Kadircan aus Wismar – auch dank Spenden der OZ-Leser.

Der Rundflug über Berlin gehört zu einer achttägigen Reise, an der die Zwillinge teilnehmen – mit fünf weiteren, beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen aus Wismar und Ribnitz-Damgarten. Für alle ist es etwas Besonderes: Die meisten waren noch nie verreist, weil sich ihre Eltern das nicht leisten können. Organisiert wurde die Fahrt vom gemeinnützigen Verein Deutsche Kinderhilfsstiftung aus Anklam. Der organisiert Urlaubsfahrten für behinderte und kranke Kinder aus einkommensschwachen Familien. Viele Kinder profitierten schon davon: Etwa das gehbehinderte Rostocker Flüchtlingsmädchen Reem, das mit ihren Tränen Angela Merkel rührte. „Und zwar bevor sie berühmt wurde“, betont der Vereinsvorsitzende Michael Seuchter (63). Demnächst will Reem wieder mitfahren – als Betreuerin. Bei einer anderen Aktion ermöglicht Seuchter den Opfern des aufgelösten Schweriner Freizeitclubs „Power For Kids“ einen Urlaub – die Kinder wurden durch Missbrauch traumatisiert.

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Die Berlin-Reise wurde möglich dank der Leser-Spenden bei der OZ-Weihnachtsaktion 2017. Seucherts Verein arbeitet mit „Licht am Horizont“ aus Wismar zusammen. Den haben die OZ-Leser im vergangenen Dezember mit 46687 Euro unterstützt.

Die Finanzierung ist schwierig, sagt Michael Seuchert. Stiftungen von Prominenten wie Peter Maffay, Katharina Witt und Til Schweiger geben Geld. Vier bis fünf Reisen jährlich kommen zustande. Das Land gibt einen Zuschuss von gerade einmal 2,50 Euro pro Tag und Kind. „Das ist so wenig, das ist schon zynisch“, sagt Seuchert. Die entsprechende Verordnung wurde seit 1994 nicht geändert. Seit Jahren kämpft der Vereinschef um eine Erhöhung. Bislang vergeblich.

Ohne ehrenamtliche Helfer würde gar nichts gehen. Regina Hümmelink, pensionierte Ärztin aus Prebberede bei Teterow, kümmert sich neben anderen Betreuern ehrenamtlich um die medizinische Versorgung während der Fahrt. Sebastian Kuba, Rettungssanitäter bei der Berliner Feuerwehr fliegt als Notfallbetreuer im Hubschrauber mit. Später fährt er den Kleinbus und wuchtet die Rollstühle aus dem Wagen.

Abends, als der Tag vorbei ist, fängt seiner an: mit einer Zwölfstundenschicht bei der Feuerwehr.

„Es tut gut, mal raus aus dem Alltag zu kommen“, sagt Filiz Onanmis, die alleinerziehende Mutter der Zwillinge. Jeder schöne, gemeinsame Tag sei ein kostbares Geschenk. „Schon morgen kann es vorbei sein“, sagt die 30-Jährige in Anspielung auf den Gesundheitszustand ihrer Söhne. „So eine Reise ist sehr wichtig, um mit anderen Kindern und Jugendlichen gemeinsame Erlebnisse zu haben“, erklärt Birgit Kamke vom Mecklenburgischen Förderzentrum in Schwerin, der Schule der Zwillinge.

Eigentlich sollte auch Samantha mit im Hubschrauber sitzen und über Berlin kreisen. Die 13-Jährige aus Wismar leidet wie Kadircan und Efekan an Spinaler Muskelatrophie. Die Krankheit, bei der sich das Rückenmark zurückbildet und die Muskeln verschwinden, ist unheilbar. „Leider ging es mir heute nicht so gut und ich musste mich ausruhen“, erklärt Samantha. Trotz des verpassten Flugs erfülle die Reise einen großen Traum von ihr. Ein Besuch im Zoo, im Bundestag und weitere Ausflüge stehen noch an.

Vom Flugplatz bricht die Gruppe mit zwei Kleinbussen in die Berliner Innenstadt auf, zu einer Bootsfahrt auf der Spree. Während eine Stimme aus dem Lautsprecher die Sehenswürdigkeiten erklärt, stehen die Brüder Denis (17) und Max (14) in der Mittagshitze auf dem Oberdeck. Lachend winken sie jedem Schiff zu, das vorbeifährt. Viele winken zurück. Die Brüder sind geistig beeinträchtigt – was sie nicht daran hindert, Spaß zu haben. Am Abend sitzen alle zusammen im Garten ihrer Unterkunft – eine Villa der Spastikerhilfe in Charlottenburg. Kadircan erzählt vom Schachspielen – er wurde bei Vereinsmeisterschaften Zweitbester in seiner Altersklasse. Andere Jungs, machen Quatsch, kabbeln sich. „Meine Jungs sind zwar krank, aber nicht anders“, sagt Filiz Onanmis. Und jetzt machen sie erst einmal Urlaub.

Gerald Kleine Wördemann

30.05.2018
30.05.2018
30.05.2018