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Wismar Vom Hundertjährigen, der die Wismarer begeisterte
Mecklenburg Wismar Vom Hundertjährigen, der die Wismarer begeisterte
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00:05 23.02.2015
Im Stück „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg. . .“, schmieden Klaus Peeck, Franz-Joseph Dieken, Georg Münzel und Kathrin Steinweg (v.l.) vom Altonaer Theater Pläne.
Im Stück „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg. . .“, schmieden Klaus Peeck, Franz-Joseph Dieken, Georg Münzel und Kathrin Steinweg (v.l.) vom Altonaer Theater Pläne. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

Zweieinhalb Stunden Schauspiel vergingen für die 280 Gäste vor und die neun Schauspieler vom Altonaer Theater auf der Bühne im Wismarer Theater fast unbemerkt. Das lag an der Stoffdichte, dem Bühnenbild und dem Können der Schauspieler.

Kein einfaches Unterfangen, einen Bestseller wie das Buch „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson auf die Bühne zu bringen angesichts der vielen abstrusen Dinge, die im Buch erzählt und miteinander verknüpft werden. Schon allein die vielen Orts- und Zeitwechsel alle paar Seiten sind eine Herausforderung. Und das als Theaterstück? Live? Mit den begrenzten Umsetzungsmöglichkeiten einer Bühne?

Das klappt, bewiesen die Schauspieler vom Altonaer Theater aus Hamburg beim Gastspiel in Wismar am Freitagabend. Das lag auch am Bühnenbild von Stephan Bruckmeier. Er unterteilte den recht leeren Bühnenraum in verschieden tiefe Ebenen und schaffte dadurch unterschiedliche Spielorte und -zeiten für die Rückblenden aus gut 100 Jahren Lebens- und Menschengeschichte.

Dazwischen rollende Pappautos als Scherenschnitte, ein alter Garderobenständer, der durch die entsprechenden Beschriftungen zum leeren oder gar kalten Kühlhaus wird. Wunderbar abstrus, wie eben auch der Originalstoff im Buch. Eine beschilderte Kiste wird zum „Esstisch“ — steht ja auch „Esstisch“ drauf. Eine andere zum „schwedischen Tisch des schwedischen Präsidenten im schwedischen Palast im Spätherbst '47 in Schweden“. Und als die Hauptfigur dort raus fliegt, wird die Kiste umgedreht zur „Schwedischen Lehne einer schwedischen Parkbank im schwedischen Park neben dem schwedischen Palast“.

Auf der saß Allan Karlsson, der 100-Jährige, der an seinem großen runden Geburtstag nichts anderes zu tun hat, als durch das Fenster seines Zimmers im Seniorenheim zu steigen und abzuhauen. Wunderbar schlurfend spielte Franz-Joseph Dieken diese Figur mit ihrer leichtfüßigen Spontanität. Strickjacke aus und Mütze anders herum auf — und schon wurde aus dem Senior der (Über-)Lebenskünstler, der Sprengmeister in seinem wilden Ritt durch die Nationen und Wirrungen des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Die heimliche Schlüsselfigur zur Geschichte, die mit Präsident Truman und fast gleichzeitig mit dem spanischen Diktator Franco und mit dem nordkoreanischen Diktator Kim-Il Sung Schnaps trank.

Ganz nach dem Motto „Ich kann nicht lachen, ich muss aufpassen“, waren die Lacher im ersten Teil des Stücks noch zaghaft. Zu viele, zu schnelle visuelle Reize wurden den Gästen geboten. Vielleicht auch durch Wein in der Pause, kamen die Lacher und der Beifall für die großartigen schauspielerischen Leistungen zum Ende hin dafür um so intensiver.



Nicole Hollatz