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Wismar Wie Eltern ihre Kinder vor Netzgefahren schützen können
Mecklenburg Wismar Wie Eltern ihre Kinder vor Netzgefahren schützen können
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19:59 23.05.2017
Birgit Grämke von der Landeskoordinierungsstelle Suchtthemen bei einer Tagung in Schwerin. Die OZ sprach mit der Sozialpädagogin über Netzgefahren, Medienkompetenz und Handy-Verbote. Quelle: Cornelius Kettler
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Wismar/Schwerin

Was möglicherweise als argloser Flirt im Internet begann, hatte für eine 13-Jährige aus der Nähe von Wismar schlimme Folgen. Zwei Männer hatten das Mädchen am vergangenen Freitag aufgesucht, als es allein zu Hause war. Als die Mutter der 13-Jährigen zurückkehrte, flüchtete das Duo, wurde kurze Zeit später aber von der Polizei gestellt. Ersten Ermittlungen zufolge lernten sich der 19-jährige Verdächtige und das Mädchen über einen Internet-Chat kennen. Was die Gefahren im Netz sind und wie Eltern ihre Kinder schützen können, erklärt die Sozialpädagogin Birgit Grämke (49) von der Landeskoordinierungsstelle für Suchtthemen MV im Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG.

OSTSEE-ZEITUNG: Hätte eine bessere Medienschulung den Fall verhindern können?

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Birgit Grämke: Schwer zu sagen. Derzeit fehlt für eine klare Analyse noch das nötige Hintergrundwissen. Folgende Fragen müssten geklärt sein: Welchen Nachrichtendienst hat das Mädchen genutzt? Welche Vorerfahrungen hat sie gehabt. Hat sie sich älter ausgegeben als sie ist? Dies machen Jugendliche im Netz gerne. Wichtig ist jetzt, dass der Fall in Schulen und Familien thematisiert wird. Wobei Mädchen oft stärker gefährdet sind als die Jungs.

Was können die Eltern tun?

Sie sollten die Kinder bei der Entdeckung neuer Medien begleiten. Technisch können die Kinder schnell mit einem Smartphone umgeben. Sie können jedoch oft nicht einschätzen, was es für sie bedeutet, ihre Telefonnummer oder ihre Wohnadresse zu veröffentlichen - und welche Gefahren damit verbunden sein können. Daher ist es ratsam, zu klären, welche Apps das Kind gerne nutzen möchte. Man sollte gemeinsam die Privatsphären-Einstellungen bearbeiten oder eine Jugendschutz-App auf dem Gerät installieren. Leitfäden finden Eltern zu allen Diensten auf www.klicksafe.de. Mit dem Kind kann man dann immer wieder über die Nutzung der Programme sprechen. Anfangs begleitet man das Kind intensiver und lässt dann langsam los. Ähnlich ist es auch mit dem Schulweg. Erst geht man zusammen mit dem Kind, irgendwann kann es den Weg alleine zurücklegen. Diese Erfahrung aus dem realen Leben müssen wir in die digitale Welt übertragen.

Würde auch ein Handy-Verbot helfen?

Diese Hoffnung haben viele Eltern. Aber Verbote bringen nichts. Die Kinder weichen dann oft auf Geräte von Freunden aus und chatten dann heimlich. Gibt es dann Probleme, trauen sie sich nicht mehr, diese mit ihren Eltern zu besprechen. Daher ist das Begleiten besser als ein Verbot. Nur so kann man wissen, wie sich das Kind im Netz bewegt.

Wann sollten Eltern mit ihren Kinder darüber sprechen?

Kinder fangen heute sehr früh mit der Mediennutzung an. Ab der vierten Klasse haben die meisten bereits ein eigenes Smartphone. Beliebt sind bei Kindern momentan Apps wie WhatsApp, YouTube, Snapchat, Instagram oder Musical.ly. Mit diesem eher harmlosen Programm können kleine Musikvideos erstellt und geteilt werden. Integriert ist aber auch eine Chatfunktion, weshalb man auch dort genau hinschauen sollte.

Welche Pflicht haben die Schulen bei der Vermittlung von Medienkompetenz?

Die Hauptpflicht bleibt bei den Eltern. Sie schaffen die Geräte ja an. Vorfälle wie in Wismar sollten jedoch auch im Unterricht thematisiert werden, um die Kinder zu sensibilisieren. Dies muss sich nicht auf den Informatik- oder Medienunterricht beschränken. Es könnte unter anderem auch in Deutsch oder Sozialkunde angesprochen werden. Darüber hinaus könnten Schulen die Eltern unterstützen und Kindern erklären, welche Folgen das Veröffentlichen von privaten Daten und Fotos haben kann. Schön wäre es, wenn man bereits in der Grundschule damit anfängt. Nicht nur in Bezug auf Cyber-Mobbing, sondern auch auf Fake-News. Die Medien wandeln sich rasant – und wir müssen unsere Kinder für diese digitale Welt fit machen.

Welche Hilfsangebote gibt es in MV?

Elternabende kann jede Schule anbieten. Dazu könnten geschulte Pädagogen eingeladen werden. Die Polizei hat in MV Mediensicherheitsberater, auch beim Landesdatenschutzbeauftragen kann man anfragen. In vielen Regionen bieten Volkshochschulen Medienkompetenz-Kurse an. Derzeit fallen sie häufiger aus, weil viele Eltern diese Angebote nicht annehmen. Wir werden demnächst selbst zu diesem Thema Webinare (Online-Seminare) anbieten. Uns kann man aber auch immer telefonisch kontaktieren.

Machen viele Leute davon Gebrauch?

Viele wünschen sich eine Beratung. 2016 gab es aber auch rund zehn Fälle, bei denen wir die Personen an die Polizei vermittelt haben. Oft haben sich Mädchen dabei zu Foto- oder Filmaufnahmen überreden lassen. Erst danach ging der Ärger los - und die Eltern guckten, was sie unternehmen könnten.

Kay Steinke

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