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Wismar Durch den Schnee von Poel nach Wismar
Mecklenburg Wismar Durch den Schnee von Poel nach Wismar
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07:00 29.12.2018
Meterhoch türmten sich die Scheemassen zwischen Fährdorf und Niendorf. Damit war die Insel Poel vom Festland abgeschnitten. Mit Schaufeln wurde eine Gasse freigeschaufelt. Quelle: Uta Hahn
Kirchdorf

Am 31. Dezember steigt in Kirchdorf eine Silvesterparty. Vor 40 Jahren war an solche Feierlichkeiten nicht zu denken. Der Jahrhundertwinter hatte die Insel Poel im Griff.

Noch am 28. Dezember 1978 gab es Plusgrade. Für den 29. Dezember hat ein Poeler in seinen Aufzeichnungen einsetzenden Sturm und Schnee vermerkt. So richtig zur Sache ging es Silvester. Der kälteste Tag war der 11. Februar 1979 mit minus 18,5 Grad, am Erdboden wurden sogar minus 21,3 Grad gemessen. Am 15. Februar folgte ein zweiter Wintereinbruch. Die Schneedecke betrug am 19. Februar 58 Zentimeter, stellenweise lag der Schnee bis zu fünf Meter hoch. Eine geschlossene Schneedecke gab es bis zum 6. März 1979.

"Von Fährdorf bis Niendorf war kein Durchkommen. Das war die schlimmste Stelle." Die Poelerin Uta Hahn kann sich gut an den Winter vor 40 Jahren erinnern. Sie hat damals Fotos geschossen. Quelle: Heiko Hoffmann

„Von Fährdorf bis Niendorf war kein Durchkommen. Das war die schlimmste Stelle“, erinnert sich Uta Hahn. Vier Tage war die Insel vom Festland abgeschnitten. Rund vier Meter hoch türmten sich die Schneemassen. Kein Bus, kein Auto kam mehr durch. Uta Hahn hat damals in Malchow im Institut für Futterpflanzenzüchtung gearbeitet. Als Labor-Mitarbeiterin war sie für die Dokumentation zuständig. Pflanzen und wissenschaftliche Arbeiten wurden für die Nachwelt festgehalten. In einer kleinen Dunkelkammer entwickelte Uta Hahn Schwarz-Weiß-Fotos.

Fotos für die Ewigkeit

Damals sei sie noch morgens über die Felder von Kirchdorf nach Malchow zur Arbeit gekommen. Uta Hahn erinnert sich: „Ich saß im Fotolabor als jemand reinkam und sagte: Schnapp dir deinen Fotoapparat und komm mit nach Fährdorf, da ist doll was los.“ Sie griff zur Jacke, passende Schuhe vergaß sie in der Hektik. „Am Fährdorfer Berg lag meterhoch Schnee. Und ich mit meinen Sommerschuhen mittendrin. Dass es so heftig war, haben wir vorher nicht mitbekommen. Es gab ja keine Handys und Telefone waren selten“, lacht die rüstige Rentnerin heute. Uta Hahn hat Fotos für die Ewigkeit geschossen.

Der Schnee hatte die Insel Poel fest im Griff

Männer, die zum Beispiel auf der Werft in Wismar gearbeitet haben, mussten auf der Insel bleiben. Sie schnappten sich eine Schaufel und gingen über Felder zum Fährdorfer Berg. Wer sich am Schneedienst beteiligt, hieß es, wird der Einsatz als Arbeitstag angerechnet. Stunde um Stunde wurde der Schnee in Handarbeit am Straßenrand aufgetürmt. Später rückten eine Fräse und ein Panzer – wahrscheinlich von der in Wismar stationierten Roten Armee – an.

Arzt mit Traktor im Einsatz

Eine Gasse für Notfälle war die erste Verbindung zum Festland. So soll eine Poelerin gerade noch rechtzeitig zur Geburt einer Mareike ins Wismarer Krankenhaus gekommen sein. Der Poeler Arzt Dr. Ernst Dörffel hatte die Mütter, bei denen eine Geburt abzusehen war, vorsorglich gebeten, sich rechtzeitig auf den Weg in die Klinik zu machen. Er selbst ist mit dem Traktor über die Insel gefahren, um Patienten aufzusuchen.

Zu Fuß nach Wismar

Das Leben auf Poel war im Winter 1978/79 eine Herausforderung. Weniger für die Kinder, die schulfrei hatten. Poeler Männer, die in Wismar zur Arbeit waren und nach Hause wollten, hatten sich ein Seil umgebunden, damit niemand beim Weg über die Felder abhanden kam. Der Poeler Insel-Schriftsteller Jürgen Pump ist im Winter einige Male 20 Kilometer von der Insel bis nach Wismar zu Fuß zu seinen 24-Stunden-Schichten auf dem Löschboot aufgebrochen. Zwei Pappeln am Fährdorfer Berg dienten damals als Orientierung. Meistens. So ist überliefert, dass Schneefräsen sogar die Straße verfehlt haben und so ein Feld irrtümlich vom Schnee beräumt haben.

Milch aus dem Kuhstall

Wo gibt es Milch? Das war eine von vielen Fragen. Uta Hahn weiß, dass sich Poeler von Außendörfern Skier untergeschnallt haben, um über die Felder zum Beispiel zum Kuhstall in Oertzenhof zu kommen. Da die frisch gemolkene Milch nicht abtransportiert werden konnte, wurde sie zeitweise in der ZVK (Zentrale Vorbereitunksküche) in Kirchdorf verkauft. Die Bäckerei Groth in Kirchdorf hatte in jenen Tagen besonders viel zu tun. Bäcker, die eigentlich in Wismar arbeiteten und nicht auf das Festland konnten, halfen kurzerhand in der Poeler Backstube.

Dramatische Rettung

Dramatisch war ein medizinischer Notfall. „Ein Mann aus Niendorf hatte eine akute Blutung“, erinnert sich Dr. Ernst Dörffel. Erst wurde er in die Praxis nach Kirchdorf gebracht und dort mit Suppe versorgt. Doch der Mann musste ins Krankenhaus nach Wismar transportiert werden. Die Straße schied wegen der Schneemassen aus. Bleib nur der Seeweg. Der Niendorfer wurde mit einem Schlitten zum Hafen in Timmendorf gebracht. Dort übernahm ihn ein Lotsenboot. Doch dieses konnte – wahrscheinlich wegen des Sturms – nicht in den Wismarer Hafen. So wurde der Patient noch auf See umgebettet und auf einen Schlepper gehievt, der im Hafen anlegen konnte. Der Mann kam ins Krankenhaus. Und überlebte. „Ja, in diesen Tagen erinnert man sich wieder an den Winter vor 40 Jahren“, sagt Ernst Dörffel. So geht es vielen Menschen.

Die Schneemassen sorgten damals für spektakuläre Motive in ganz MV. Klicken Sie sich hier durch die Bildergalerie:

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