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Wismar Wismar: Wie eine Grimme-Preisträgerin als Professorin an die Hochschule kommt
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Wismar: Grimme-Preisträgerin Britta Wauer ist Professorin an der Hochschule

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09:00 01.10.2021
Grimme-Preisträgerin Britta Wauer wurde zur Professorin an der Wismarer Hochschule berufen.
Grimme-Preisträgerin Britta Wauer wurde zur Professorin an der Wismarer Hochschule berufen. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

„Hier würde ich auch gerne studieren“, schmunzelt Britta Wauer. Die Herbstsonne scheint beim Gesprächstermin auf dem Wismarer Hochschulcampus, die Vöglein zwitschern im Gebüsch. „Es ist wirklich schön hier!“

Ihre Studierenden, so erzählt sie, hatten die Aufgabe, mit Mikrofonen loszuziehen und diese Geräusche aus den Wiesen und Gebüschen rund um den Campus einzufangen. Sie, die Studierenden und ihre Professorin, waren auch schon zusammen am Strand, um das Knirschen des Sandes, Wellen und Wasser aufzunehmen. Studieren in Wismar kann so schön sein!

Grimme-Preisträgerin

Mitte September wurde die preisgekrönte Regisseurin aus Berlin zur Professorin für „Zeitbasierte Medien“ an der Wismarer Hochschule im Diplom-Studiengang Kommunikationsdesign und Medien ernannt. Als Vertretungsprofessorin war sie schon seit einem Jahr in der Hansestadt. Britta Wauer produziert Dokumentarfilme für Kino, Ausstellungen und Neue Medien.

Szene aus dem Dokumentarfilm "Rabbi Wolff" Quelle: Ulrich Holz

2005 wurde ihr Film „Die Rapoports – Unsere drei Leben“ mit dem Grimme-Preis, dem renommiertesten Medienpreis für Fernsehsendungen in Deutschland, ausgezeichnet. Ihr zauberhafter Dokumentar-Film „Rabbi Wolff“ lockte 30 000 Menschen in die Kinos und bekam 2018 den Deutschen Hörfilmpreis als bester Dokumentarfilm. Ihr Film „Im Himmel, unter der Erde“ bekam den Panorama Publikumspreis der 61. Internationalen Filmfestspiele, „Gerdas Schweigen“ den Preis als bester Dokumentarfilm beim Filmkunstfest in Schwerin.

Auf die Frage, ob ihren Wismarer Studierenden bewusst ist, was für eine bekannte Professorin sie haben, zuckt Britta Wauer lachend mit den Schultern. Es gab wohl schon Studenten, die vorsichtig gefragt haben, wie jemand wie sie nach Wismar komme. Britta Wauer ist da pragmatisch, dankbar und bescheiden. „Das war ganz einfach. Mein Mann hat die Stellenanzeige gelesen, ich war gerade in New York“, erzählt sie. Er brauchte sie nicht überreden, sich um die Professur zu bewerben.

Vielfalt der Kommunikation

Britta Wauer kannte den Studiengang und schätzt ihren Vorgänger, Jochen Wisotzki. Wisotzki, inzwischen in Rente, hat 2011 als Co-Autor und Dramaturg den Film „Wadans Welt“ als abendfüllenden Kino-Dokumentarfilm von Dieter Schumann zusammen mit seinen damaligen Studentinnen Anne Thomschke und Andrea Köster mit entwickelt.

„Aber das ist hier keine Filmhochschule“, relativiert Britta Wauer. Ihr Fach „Zeitbasierte Medien“ – sprich: Film in seiner wunderbaren Vielfalt – ist nur eine von vielen Möglichkeiten im Bereich der Kommunikation. Und Britta Wauer schwärmt von diesen Möglichkeiten, die die Wismarer Studierenden an der Hochschule bekommen. „Ich glaube, das ist hier ein wunderbares Grundlagenstudium. Die Studierenden können sich ausprobieren, sie lernen die Grundlagen des Zeichnens, des Druckens, der Fotografie, der Kalligrafie und vieles mehr.“

Zeitbasierte Medien

Und eben die des Filmens mit einer engagierten Grimme-Preisträgerin. „Zeitbasierte Medien sind alles, was sich bewegt. Es geht schon lange nicht mehr nur um das starre Bild, das abgedruckt wird“, sagt Britta Wauer. Ein paar Sekunden Video bei Instagram, Facebook oder TikTok, ein richtiger Imagefilm für die eigene Homepage – die Möglichkeiten sind genauso wie das kreative Potenzial unendlich groß.

Sie unterrichtet dieses filmische Erzählen, was für junge Erwachsene als Konsumenten und gerade für angehende Kommunikationsdesigner längst Alltag ist. „Es gibt riesigen Bedarf an bewegten Bildern“, weiß sie.

Britta Wauer (stehend) bei der Arbeit mit ihren Studierenden. Quelle: Nicole Hollatz

Animationen für Berlin

„Große Spielfilme“, sagt die Professorin, „werden wir hier nicht drehen.“ Aber erste Kurzporträts sind schon entstanden oder gerade in der Produktion. Im Moment setzt sie den Schwerpunkt auf Animationsfilme. „Eine Leidenschaft von mir“, erzählt Britta Wauer. „Gerade im Dokumentarfilmbereich komme man als Filmemacher schnell an seine Grenzen, wenn die Dinge oder die Menschen, von denen erzählt werden soll, nicht mehr existieren.“

Jetzt sind ihre Studentinnen und Studenten dabei, die Lebensgeschichte zweier Familien zu animieren. Eine Kooperation mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Gemeinsam entstehen Drehbuch, Storyboard, Style, gemeinsam wird am Film gearbeitet – Teamarbeit ist wichtig, gerade in der Kreativbranche, in der nicht jeder alles können kann und muss. Britta Wauer zeigt erste studentische Ergebnisse auf dem Laptop. Wow, was für eine Arbeit, was für Kreativität. Man kann gespannt sein, was an der Wismarer Hochschule in den nächsten Monaten und Jahren entstehen wird, wenn Britta Wauer die technischen Voraussetzungen weiter ausbauen kann.

Große Chancen

Aber es dauert, genauso wie das studentische Filmemachen. Im kommenden Semester könnten die Kurzfilme für das Holocaust-Mahnmal ihre Tonspur bekommen. „Wenn man Zeit hat, etwas zu erzählen, geht es immer auch um den Ton“, beschreibt sie diese Wahrnehmungsebene, die viel mehr als nur das Geräusch von Ameisen auf dem Hochschulcampus oder Strand unter studentischen Füßen beinhalten kann.

Und danach? Werden die Filme in der Berliner Ausstellung zu sehen sein und das, was eigentlich nicht zu begreifen ist, erklären. Eine große Aufgabe und eine große Chance für die Studierenden. Britta Wauer lobt diese: „Hier sind einige dabei, um die ich in Berlin beneidet werde ...“ Jetzt schon.

Die Professorin will ihnen einerseits Selbstbewusstsein für das eigene Können und die sehr gute Ausbildung, die sie genießen dürfen, mit auf dem Weg geben. Aber gleichzeitig auch Respekt vor der Kreativität anderer. „Dass man beispielsweise nicht einfach so seine Lieblingsmusik für ein eigenes Video nutzen darf ...“, beschreibt sie. Die Wertschätzung von Urheberrecht als Wertschätzung des Kreativprozesses – eine wichtige Lektion, nicht nur für Studierende.

Auf Festivals warten

Es geht aber auch ganz praktisch um die potenzielle Freiberuflichkeit, um Verwertungsgesellschaften, Rechte und Pflichten und darum, nicht jeden guten Kurzfilm gleich bei YouTube zu „verbrennen“ für ein paar Klicks und Likes. „Oft lohnt es sich, auf die Filmfestivals zu warten.“ Britta Wauer kann den Studierenden viel aus ihrer beruflichen Praxis, aus dem Alltag als Freiberuflerin mitgeben.

Sie hat seit 16 Jahren ihre Produktionsfirma „Britzka Film“ in Berlin und arbeitet meist mit ihrem Mann als Kameramann zusammen. Ein paar Tage die Woche ist sie in Wismar mit ihrer halben Professorenstelle, den Rest der Woche arbeitet sie an Auftrags- und Dokumentationsfilmen von Berlin aus.

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Menschen mit seltenen Erkrankungen

Beispielsweise entsteht gerade ein großer Film über Menschen mit seltenen Erkrankungen für die Eva Luise und Horst Köhler Stiftung. Ein berührender Kurzfilm von „Britzka Film“ ist auf der Stiftungswebseite schon zu sehen. Dazu kommen Herzensprojekte wie die Dokumentation über eine Ballett tanzende junge Frau, ein Ausnahmetalent, das den Sprung von Berlin nach London geschafft hat. Britta Wauer begleitet sie seit Jahren, voller Bewunderung für diese körperlichen Höchstleistungen auf dem schmalen Grat zwischen gesunder Förderung und gefährlichem Druck.

Britta Wauer pendelt nun immer zwischen Berlin und Wismar, die langsame Bahnverbindung mit Schienenersatzverkehr durch die Streckenbauarbeiten nervt nicht nur sie. Mecklenburg-Vorpommern hat sie dank der Dreharbeiten zum Dokumentarfilm über Rabbi Wolff kennen und lieben gelernt. „Wir waren viel in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs.“

Von Nicole Hollatz