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Wismar Wismar: Schiffsantriebe sind gefragt – volle Auftragsbücher bei Schottel
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Wismar: Schiffsantriebe sind gefragt – volle Auftragsbücher bei Schottel

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06:48 30.12.2021
Im Wismarer Werk – die Antriebe für das neue Schwerlast-Kranschiff „Les Alizés“. Das Schiff wird in China gebaut und nach der Inbetriebnahme für die Errichtung von Offshore-Windparks eingesetzt.
Im Wismarer Werk – die Antriebe für das neue Schwerlast-Kranschiff „Les Alizés“. Das Schiff wird in China gebaut und nach der Inbetriebnahme für die Errichtung von Offshore-Windparks eingesetzt. Quelle: Christian Augustin
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Wismar

Nach einem Jobabbau im Jahr 2020 ist Schottel zurück ins ruhige Fahrwasser gelangt. Und mehr noch: Der Hersteller für maritime Antriebe hat trotz Corona-Pandemie gute Geschäfte in 2021 gemacht. Auch für 2022 sieht es am Produktionsstandort Wismar sehr gut aus. „Bis Mitte des Jahres sind unsere Auftragsbücher voll und für die zweite Hälfte gibt es schon einige Interessenten“, freut sich Niederlassungsleiter Michael Potts.

Zurzeit werde unter anderem ein Großauftrag abgearbeitet – Antriebe für Krabbenfangschiffe in Russland. Der ziehe sich noch bis ins kommende Jahr. Auch neue Mehrzweckschiffe der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes werden ausgerüstet sowie Fähren und Schiffe, die Windkraftanlagen im Meer installieren.

Unternehmen ist weltweit vertreten

Seit 2004 ist Michael Potts bei Schottel beschäftigt. Direkt nach seinem Maschinenbau-Studium an der Universität Rostock hat er seine Laufbahn in Spay am Rhein begonnen. Dort ist das Unternehmen am 21. November vor 100 Jahren gegründet worden. 1998 ist die Wismarer Niederlassung dazugekommen, 2022 soll eine weitere – die mittlerweile 14. – in Südostasien eröffnet werden, aber nicht als Konkurrenz zum Produktionsstandort Deutschland.

Leitet die Schottel-Niederlassung in Wismar: Michael Potts Quelle: Kerstin Schröder

„Hergestellt werden unsere Produkte ausschließlich in Deutschland, die anderen Niederlassungen konzentrieren sich auf Service und Reparaturen“, betont Marketing- und PR-Chefin Christine Graeff. Schottel sei in allen größeren Schifffahrtszentren der Welt vertreten und beschäftige insgesamt 850 Mitarbeiter.

120 davon – inklusive Reparaturbereich – sind es aktuell in Wismar. Und die Belegschaft soll noch etwas aufgestockt werden, vor allem im Nachwuchsbereich. Gesucht werden junge Frauen und Männer, die sich zu Mechatronikern, Industrie- oder Zerspanungsmechanikern ausbilden lassen möchten. „Wir sind ein sicherer Arbeitgeber und wollen die Mitarbeiter langfristig an uns binden“, sagt Michael Potts. Das heißt, die Übernahmechancen stehen gut. Punktuell werden auch bereits ausgelernte Fachkräfte eingestellt.

Um die Belegschaft in der Pandemie zu schützen, seien die Schichten versetzt worden, sodass sie sich nicht begegnen. Außerdem sei dort, wo es möglich war, Homeoffice genutzt worden, und „wir haben eine hohe Impfquote“, berichtet Michael Potts.

Moderne Krananlage hebt schwere Teile

Produziert werden auf einer Fläche von 15 000 Quadratmetern größere sowie ausfahrbare Ruderpropeller und Verstellpropeller. Letztere können Leistungen bis 30 000 Kilowatt und Propellerdurchmesser bis acht Meter erreichen. Mithilfe einer modernen Krananlage können die schweren und langen Lasten sicher durch die Produktionshalle transportiert, gewendet und präzise in Werkzeugmaschinen positioniert werden.

Wie Michael Potts berichtet, spielen Themen wie Effizienz und Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle bei den Kunden. Deshalb treibt das Unternehmen die Frage um: Wie können Schiffe ökologischer, kostengünstiger und sicherer betrieben werden? „Die Digitalisierung bietet dafür die Grundlage. So werden Assistenzsysteme den Kapitän beispielsweise noch stärker unterstützen können, Treibstoff einzusparen und das Schiff unfallfrei zu manövrieren“, erklärt er. Weiterhin werde die digitale Überwachung der Schottel-Anlagen eine kostengünstigere und vorausschauende Wartung ermöglichen. Daher sehe er die Digitalisierung in der Schifffahrt als ein sehr wichtiges Themenfeld, dem das Unternehmen mit neuen Abteilungen einen hohen Stellenwert einräumt. Unter anderem seien batteriebetriebene Fähren mit Schottel-Antrieben ausgerüstet worden.

Niederlassung will umweltfreundlicher werden

Auch die Niederlassung schraubt an den Stellschrauben für mehr Nachhaltigkeit – mit optimierter Lichtnutzung, Solaranlagen und Abfallminimierung. Die durch die Corona-Pandemie steigenden Materialkosten haben sich nicht so spürbar auf die Produktion ausgewirkt wie in anderen Branchen. Auch der Nachschub bei den Bauteilen sei nicht ausgegangen. „Wenn es Lieferschwierigkeiten für unsere Produktion gab, dann meist nur bei einfachen Teilen“, berichtet Dr. Michael Potts. Schottel sei weltweit gut vernetzt und habe zuverlässige Lieferanten.

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Für den wichtigen Offshore-Bereich hat in diesem Jahr unter anderem ein Antriebspaket für das neue Errichterschiff „Les Alizés“ Wismar verlassen. Es hat einen Hauptkran mit 5000 Tonnen Nutzlast und eine Ladekapazität von 61 000 Tonnen. Damit kann es mehrere schwere Fundamente gleichzeitig transportieren. Das Hauptantriebssystem besteht aus vier elektrisch angetriebenen Schottel-Propellern mit einer Eingangsleistung von jeweils 3000 Kilowatt und einem Durchmesser von 3,3 Metern. Mit ihnen erreicht das Schiff eine Geschwindigkeit von 13 Knoten (rund 24 km/h).

Ausgeliefert werden die riesigen Antriebe Made in Wismar per Lkw und Schiff. Vor allem mit der guten Anbindung zum Hamburger Hafen kann die Niederlassung bei den Kunden punkten. Der bevorstehende Neubau der nur wenige Meter vom Firmenareal befindlichen Wismarer Hochbrücke wird sich nicht auf die künftigen Transporte auswirken – denn die darf von schweren Fahrzeugen ohnehin nicht benutzt werden. „Vielleicht stellen wir aber einen kleinen Teil unseres Geländes für die Bauarbeiten zur Verfügung“, kündigt Michael Potts an.

Seit 1998 im Unternehmen

Das Jahr 2021 ist ein besonderes für Schottel: Am 21. November jährte sich der Tag der Unternehmensgründung durch Josef Becker zum 100. Mal. In einem kleinen Dorf am Rhein baute der gelernte Schlosser einen Handwerksbetrieb auf und schrieb knapp 30 Jahre später mit der Erfindung des rundum steuerbaren Ruderpropellers Schifffahrtsgeschichte. Nach und nach wurden neue Antriebe entwickelt und Niederlassungen im Ausland aufgebaut.

Im Jahr 1998 übernimmt das Unternehmen die Wismarer Propeller­ und Maschinenbau GmbH (WPM) und erweitert damit das Produktportfolio um Verstellpropeller bis 30 Megawatt. Daneben werden in Wismar heute ausfahrbare sowie besonders große Ruderpropeller-Anlagen gefertigt.

Als der Gründungsort Spay keine Ausdehnungsflächen mehr bietet, wird 2015 im nahe gelegenen Dörth ein neuer Produktionsstandort eröffnet. Dort kann die traditionell hohe Fertigungstiefe sowohl erweitert als auch die Produktionskapazität um rund 30 Prozent gesteigert werden. Optimierte Abläufe in der Produktion und eine Lehrwerkstatt für den Nachwuchs machen Dörth zu einer der modernsten Ruderpropellerfabriken der Welt. Zurzeit gibt es 850 Mitarbeiter, darunter 100 Ingenieure, die an neuen, nachhaltigeren Produkten arbeiten.

Von Kerstin Schröder