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Wismar Nach Unfalltod des Sohnes: Ära eines Wismarer Familienbetriebs endet nach 100 Jahren
Mecklenburg Wismar Nach Unfalltod des Sohnes: Ära eines Wismarer Familienbetriebs endet nach 100 Jahren
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13:56 08.09.2019
Jutta und Klaus Schönfeldt vor dem Betriebsgelände in Hornstorf. Quelle: Haike Werfel
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Wismar/Hornstorf

Hundert Jahre gab es den Fuhrbetrieb Schönfeldt. Jetzt endet die Ära als Familienunternehmen. Die Wismarer Klaus und Jutta Schönfeldt, beide 68 Jahre, wollten die Firma an ihren Sohn Veit weitergeben. Doch der Juniorchef kam im Januar 2018 bei einem Verkehrsunfall auf tragische Weiseums Leben. Jetzt ist der Betrieb, der seit 1991 seinen Sitz in Hornstorf hat, verkauft.

Nach dem Horror-Crash auf der A 1: Die drei Insassen in diesem Skoda Roomster konnten nur noch tot geborgen werden. Quelle: Burmester

1919 vom Großvater gegründet

Gustav Schönfeldt, der Großvater des Inhabers, hat ihn am 2. Juni 1919 gegründet. Mit einem Pferdewagen fuhr er Brot für eine Bäckerei über Land. Zehn Jahre später hatte er einen Planwagen. Damit transportierte er für die Bauern Getreide, Kartoffeln und Rüben sowie Vieh zum Schlachthof. Von seinem Vater weiß Klaus Schönfeldt, dass der Opa Reifen im Winter in der guten Stube reparierte.

1934 erwarb er einen Schuppen im Alten Hafen. „Hier gab’s immer wieder Hochwasser. Wenn’s extrem war, stand es 30 Zentimeter hoch“, erzählt Klaus Schönfeldt. „Aber es gab dort einen Telefonanschluss.“ Er nutzte den Schuppen bis 1992.

Der Firmengründer Gustav Schönfeldt mit seinem Pferdegespann. Quelle: privat

Bis zum Krieg hatte der Großvater mehrere Lkw, um die Versorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. „Ende der Vierzigerjahre kamen mein Onkel Hans Lüdemann und mein Vater Gerhard in die Firma. Es wurde eine OHG, eine offene Handelsgesellschaft, gebildet.“ 1961 starb der Firmengründer.

Vater und Onkel als Firmenchefs

Zu DDR-Zeiten übernahm der Fuhrbetrieb Umzüge und alle möglichen Transporte, darunter vor allem Büromöbel aus Schönberg und Polstermöbel von Isolag, der Wismarer Möbelfabrik. Er hatte zwei Lastwagen und beschäftigte zwei feste Mitarbeiter und vier Teilzeitkräfte. „Wir Kinder, meine Cousins und ich, halfen in den Ferien mit“, erzählt Klaus Schönfeldt. „Und wenn wir nur Packdecken zureichen mussten.“ Ab 1968 hatte er seine Fahrerlaubnis und durfte wie sein älterer Cousin Werner Lüdemann nun auch die Laster fahren.

Privatbetrieb als „Partner des Kraftverkehrs“

Die Ersatzteilsituation in der DDR verschlechterte sich zusehends. „Wir versuchten immer wieder, aus alten Teilen was zu machen. Nur wenn es um die Statistik ging, waren wir Privaten Partner des VEB Kraftverkehrs und wurden überschwänglich gelobt.“ Nach dem Tod von Hans Lüdemann 1976 war Gerhard Schönfeldt alleiniger Firmeninhaber. Ende der Siebziger stieg Sohn Klaus, der Schweißer auf der Werft war, ein, weil der Vater nachts Sehprobleme hatte. Ab 1982 führte der Junior den Betrieb.

Beschwerde bei Erich Honecker

„Wir brauchten dringend einen W 50. Für den waren wir schon acht Jahre angemeldet bei der staatlichen Stelle für Maschinen- und Materialreserven in Rostock.“ Mit Unterstützung von seinem Freund Wolfgang Scharf beschwerte sich Klaus Schönfeldt bei Erich Honecker. Mit Erfolg. Zwar bekam er nach zehn Wochen zunächst einen „Schrotthaufen“ angeboten, aber dann konnte er einen gebrauchten W 50 aus Stralsund abholen. In den Achtzigerjahren nahmen die Tauschgeschäften zu. Der Spediteur bot Räucherfisch und Rollmöpse an und bekam Reifen und Lkw-Ersatzteile dafür und vieles mehr.

Tauschgeschäfte zu DDR-Zeiten

Zum Beispiel kam er schneller zu einem acht Meter langen Möbelanhänger. „Der Rat der Stadt hatte dem Aufbau zugestimmt. Doch die Freude darüber hielt nicht lange an. Denn einen Monat später untersagten uns der Rat und der Kraftverkehr, Neumöbeltransporte durchzuführen. Man war nicht mehr auf unsere Hilfe angewiesen, denn der Kraftverkehr hatte jetzt genügend Lkw. Wie sollten wir jetzt die Kredite für Laster und Anhänger bedienen? Wir brauchten fast ein halbes Jahr, bis wir wieder regelmäßige Touren hatten“, erinnert sich Klaus Schönfeldt.

Dank der Fürsprache von Werft-Ingenieur Wolfgang Scharf bekam er Kontakt zum Werft-Disponenten Herrn Schilla-Boldt. „Die Werft fertigte Küchenecken und Falttüren als Konsumgüter. Die brachten wir in den Handel und als Rückladung nahmen wir Material und Ersatzteile aus der gesamten Republik für die Werft mit“, erzählt Klaus Schönfeldt.

1989 starb sein Vater. Nun wechselte Ehefrau Jutta, die Lokführerin war, in die Firma. Sie kümmert sich bis zuletzt ums Büro.

Nach der Wende durchgestartet

Nach der politischen Wende 1989 begann der Fuhrbetrieb zu wachsen. „Im Frühjahr 1990 standen zwei Männer vor unserem Haus am Nikolaikirchhof und fragten, ob wir in Mecklenburg ein Verteilernetz für Versandhauswaren aufbauen wollten. Wir sagten zu, waren aber sehr blauäugig“, erzählt Klaus Schönfeldt und schmunzelt. So lernten die Eheleute Dietmar Sänger und Michael Dildey von der Sänger GmbH & Co. KG in Löhne (NRW) kennen.

Als deren Subunternehmer lieferte der Fuhrbetrieb Schönfeldt nun Waren des Otto-Versands aus. Das Geschäft florierte. Jeder im Osten wollte sich neu einrichten. „Schon nach zwei Monaten war unser Lagerschuppen zu klein. Wir baten um Warenstopp und bekamen drei Tage Zeit, sonst wären wir raus aus dem Vertrag“, schildert Klaus Schönfeldt. Die Eheleute hatten Glück. Sie konnten zwei Hallen in der Poeler Straße nutzen, in denen vorher Broiler gezüchtet wurden.

Firmensitz in Hornstorf

Ende 1990 fanden Schönfeldts ein neues Domizil in Hornstorf vor den Toren Wismars und bauten eine 2000 Quadratmeter große Halle mit Rampenlager und modernem Büro. „Nach und nach schafften wir fünf Fernverkehrslastzüge an, um die Ware vom Hauptlager in Löhne abzuholen. Und wir stellten Mitarbeiter ein. Das Otto-Geschäft forderte uns sehr.“ Es hielt bis Ende 2001 an.

Sohn Veit steigt in Betrieb mit ein

2007 fragten die Eltern, inzwischen 56 Jahre, ihre Söhne Bert und Veit, ob sie ins Unternehmen einsteigen wollen. Bert, der ältere, ist mit seinem Job in Hamburg zufrieden und lehnte ab. Veit, der Logistikmanagement studiert hat, sagte zu. „Er brachte neue Ideen ein, verstand es, mit den Mitarbeitern umzugehen“, berichten die Eltern. Er wird Assistent der Geschäftsführung, gründete 2010 eine eigene Firma und baute eine zweite Lagerhalle auf dem Betriebsgelände. Der Grund: Das neu gegründete Hermes Logistikzentrum in Löhne hatte einen Großauftraggeber gewonnen, den Einrichtungskonzern Ikea. Das bedeutete auch für die Firma Schönfeldt als Subunternehmen mehr und schwerere Arbeit. Sie musste tagaktuell bis nach Rostock und Lübeck liefern. Die Zahl der Beschäftigten wuchs auf 103.

Tragischer Unfall: Familie gibt Firma ab

„Der Warenumschlag wurde dank Computer schneller. Dadurch hatten wir 2017 im Lager Platz gewonnen“, sagt Klaus Schönfeldt. Mit seinem Sohn war er Anfang 2018 auf der Suche nach einem neuen Auftraggeber. Dann passierte das Unfassbare: Veit und zwei seiner Freunde sterben bei einem Autounfall auf der A 1, verursacht durch einen unter Alkohol stehenden 25-Jährigen. Er war in seinem VW Golf mit hoher Geschwindigkeit auf der A 1 unterwegs und hatte den neben ihm fahrenden Skoda Roomster von der Straße gerammt. Der Mann aus Hamburg wurde vom Amtsgericht Ahrensburg zu drei Jahren Haft verurteilt. Ein Berufsverfahren läuft.

„Für uns ist eine Welt zusammengebrochen“, sagen die Eltern, „und doch musste es weitergehen. Für unsere Firma und unsere Mitarbeiter.“ Diese Verantwortung haben sie nun an jene Firmengruppe abgegeben, mit der sie seit 1990 erfolgreich zusammenarbeiten. Sie übernimmt die verbliebenen 36 Beschäftigten. Einige von ihnen sind seit 1990 im Betrieb.

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