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Wismar Wismarer Nosferatu: Altes Grauen neu vertont
Mecklenburg Wismar Wismarer Nosferatu: Altes Grauen neu vertont
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15:38 25.08.2019
Live zum Stummfilmklassiker spielten Kantor Christian Thadewald-Friedrich, Mathis Marks am Bass und Dr. Thomas Bittermann am Schlagzeug. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

Die Backsteinwände von St. Nikolai leuchten im eisigen Blau. Mathis Marks spielt am Bass eine Melodie, die in verschiedenen Interpretationen immer wieder zu hören sein wird. Orgel und Schlagzeug setzen ein, während der Graf Orlok alias Nosferatu den Menschen das Fürchten lehren will.

Über 1000 Gäste

Mehr als tausend Menschen haben die drei Vorstellungen von „Nosferatu –Altes Grauen neu vertont“ am Donnerstag, Freitag und Samstagabend in der Nikolaikirche gesehen und gehört. Die Vorstellungen waren längst ausverkauft. Mit Glück konnten Spätentschlossene dank Mundpropaganda noch Restkarten für spontane Plätze mit „Sehbehinderungen“, sprich Pfeilern vor Augen, ergattern. Und selbst diese Plätze waren begehrt!

Wunderbare „Symphonie des Grauens“

Wismars Kantor Christian Thadewald-Friedrich hat den Stummfilmklassiker, der 1921 zum Teil in Wismar gedreht wurde, neu vertont. „Ein Kollege aus Rostock hat bei einer Kirchenweiterbildung live am Klavier zum Film improvisiert“, erzählt er, wie er auf die Idee kam, sich mit dem ersten Vampirfilm zu befassen.

Mit Blick auf die jeweiligen Szenen entstand Stück für Stück die Musik – eine beschwingte Polka bei den Kutschfahrten, eine Adaption von Edvard Griegs „Morgenstimmung“ beim gähnenden Hauptdarsteller oder bedrohliche Orgelklänge beim Blick in Nosferatus Gesicht.

Eine Melodie erklingt immer wieder und zieht sich wie ein musikalischer roter Faden durch die neue „Symphonie des Grauens“, entweder mal beschwingt, dann wieder bedrückt oder Spannung erzeugend.

Klassische Orgelmusik, augenzwinkernde Polka, ein bisschen Rock, ein Hauch Jazz – die neue „Symphonie des Grauens“ klingt wunderbar. „Ich würde mir sogar eine CD kaufen, die Musik kann man auch so hören“, sagt Carl Christophel (15) in der Pause begeistert.

Starker Bass

„Ich habe mir Freunde dazu geholt, damit die Orgel nicht so alleine ist“, erzählt der Kantor und lacht. Dr. Thomas Bittermann spielte das teils elektronische Schlagzeug, Mathis Marks den E-Bass. Die Mischung ist großartig.

Der Bass spielte oft musikalisch die Hauptrolle. „Sonst wird er in der modernen Musik oft nur im Hintergrund eingesetzt, jetzt durfte ich mal so richtig im Vordergrund spielen. Das macht Spaß“, sagt Mathis Marks dankbar.

Genaues Timing

Die Herausforderung, live Musik zu einem Film zu spielen, ist groß. Klaus-Peter Vogt vom Wismarer Theater hatte den Film mit einem Zeitcode versehen. Die Musiker auf der Orgelempore hatten so neben ihren Noten kleine Monitore, auf denen auch der Film eben mit diesem Zeitcode parallel zur großen Leinwand im Kirchenschiff ablief.

Mathis Marks erklärt: „Über jeder Note steht, wo sie im Film kommen muss! Jede Note muss genau sitzen!“ So ließ Schlagzeuger Dr. Thomas Bittermann manch ein Uhrwerk im Film schlagen oder Schritte erklingen und sich zur Herzfrequenz steigern.

Impressionen von der Aufführung des Stummfilmklassikers „Nosferatu“ mit Live-Musik in der Nikolaikirche.

Intensives Licht

150 „Lichtstimmungen“ hatte Klaus-Peter Vogt als Meister für Veranstaltungstechnik im Wismarer Theater für die Filmvorführung programmiert. 14 „kopfbewegte“ Scheinwerfer beleuchten die Gewölbebögen, die Säulen oder Streben im Kirchenschiff und lassen gespenstische Licht- und Schattenspiele über den Altar und den Backstein wandern.

An seinem Mischpult auf der Orgelempore von St. Nikolai hat er den Überblick über Licht, Ton und Filmvorführung und „vermischt“ alle drei Komponenten zum Gesamtkunstwerk.

Ein starkes Finale! Die Hafenstadt „Wisborg“ alias Wismar besiegt die Pest und den Vampir, das große Jesuskreuz in St. Nikolai wird blau von hinten in der sonst dunklen Kirche beleuchtet und beantwortet so ganz nebenbei die Frage, ob Kirche im Jahr 2019 offen sein sollte für Vampire, unkirchliche Filme und Co. „Der Raum schützt effektiver vor dem Bösen als Knoblauch“, antwortet Kantor Christian Thadewald-Friedrich augenzwinkernd.

Die Besucher dankten mit stehenden Ovationen und der Bitte nach „mehr“!

Fast 100 Jahre alter Kultfilm

Der Film „Nosferatu –Eine Symphonie des Grauens“ entstand 1921 und wurde 1922 uraufgeführt. Der Film gilt als erster Horror- und Vampirfilm. Er spielt zum Teil in der Hafenstadt Wisborg, was Wismar ist. An einstigen Drehorten in der Wismarer Altstadt erinnern im Boden eingelegte Gedenktafeln an den Film und das wegweisende Wirken des Regisseurs Friedrich-Wilhelm Murnau.

Murnau wurdeübrigens vorgeworfen, die Geschichte bei Bram Stoker geklaut zu haben, einen entsprechenden Urheberrechtsstreit verlor er. So sollten die Filmkopien vernichtet werden, überdauerten aber – zum Glück.

In St. Nikolaiwurde der Film dank der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in der restaurierten und deutlich längeren Version von 2005/ 2006 gezeigt, bei der auch die originalen deutschen Zwischentitel, größtenteils digital restauriert, ihren Weg zurück in den Film fanden. Verlorene Zwischentitel wurden mit gleicher Typographie wiederhergestellt und als Einfügung kenntlich gemacht.

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Von Nicole Hollatz

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