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Wismar Wismarer Tafel: So viele Kinder hilfebedürftig wie noch nie
Mecklenburg Wismar Wismarer Tafel: So viele Kinder hilfebedürftig wie noch nie
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10:55 30.11.2019
Helferin Karin Scheffler zeigt die Reste, die nach der Verteilung der Kisten übrig geblieben sind. Sie arbeitet seit 2017 ehrenamtlich bei der Tafel. Quelle: Pauline Rabe
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Wismar

Wie schwer ihr der erste Gang zur Tafel fiel, weiß Anna Schulz (Name von der Redaktion geändert) noch genau. „Ich habe mir damals extra Sachen angezogen, die ich sonst nie trage – in der Hoffnung, dass ich nicht erkannt werde“, erzählt sie. So sehr habe sie sich geschämt. Das ist nun fünf Jahre her. Mittlerweile weiß Anna Schulz, dass ihr die Unterstützung nicht peinlich sein muss und doch weiß bis auf ihren Mann bis heute niemand, dass sie sich Hilfe in der Wismarer Einrichtung holt. Nicht mal ihre eigenen Kinder.

Dass ihr Versteckspiel mühsam – und vielleicht auch nicht richtig – ist, ist Anna Schulz bewusst. Doch zu groß ist ihre Angst vor Vorurteilen. Davor, dass ihre Kinder in der Schule gemobbt werden. Bei einigen ihrer Mitschüler sei dies schließlich der Fall und zu oft höre sie abfällige Bemerkungen von Bekannten über die „Assis“ bei der Tafel. „Ich würde es nicht ertragen, wenn meine Kinder unter der Situation leiden müssen“, sagt sie den Tränen nahe. Und deshalb nehme sie das Leben in zwei Welten in Kauf.

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250 Kinder betroffen

Rund 2000 Menschen sind derzeit auf die Unterstützung der Wismarer Tafel angewiesen, ungefähr 250 von ihnen sind Kinder. „Das sind so viele wie noch nie“, sagt Chef Detlef Lohne. Im vergangenen Jahr seien es nur halb so viele gewesen. Woher der plötzliche Anstieg kommt, wisse Lohne nicht.

An manchen Tagen steht das Telefon nicht still: Tafelchef Detlef Lohne spricht mit einem Hilfesuchenden. Quelle: Pauline Rabe

Vor Weihnachten aber sei der Bedarf immer besonders hoch. „Wir arbeiten aktuell an der Kapazitätsgrenze, können keine Leute mehr auf unsere Liste aufnehmen“, führt er weiter aus. Jemand, der wirklich Hilfe braucht, werde dennoch nicht abgewiesen. Doch die Überwindung, sich die erst einmal zu holen, ist nicht nur bei Anna Schulz groß. „Noch immer schämen sich viele Menschen dafür, zur Tafel zu kommen“, sagt Lohne. Obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gebe.

Persönliche Schicksalsschläge

Oft seien es schwere persönliche Schicksalsschläge, die dazu führen, dass die Menschen überhaupt Hilfe benötigen. So auch bei Familie Schulz. Sowohl Mutter als auch Vater würden gern arbeiten gehen – können es aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. „Ich bin chronisch krank, mein Mann hatte einen schweren Unfall“, erzählt Anna Schulz. Trotz ihrer Krankheit sei sie sogar noch lange Arbeiten gewesen – bis sie fast gestorben wäre. Seitdem ist es in der Familienkasse knapp.

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Ihre Rettung? Die Tafel. „Ich wusste vorher oft nicht, wie ich den nächsten Tag überstehen soll. Die Unterstützung hier hat mir ungemein geholfen“, sagt Schulz. Wie die anderen Betroffenen kommt sie alle zwei Wochen vorbei, um sich für fünf Euro eine Familienkiste abzuholen. Darin enthalten sind unter anderem Brot, Wurst, Käse und etwas Gemüse. Zudem kann sie sich im Tiefkühlregal bedienen.

Die Wismarer Tafel wurde 1996 gegründet. Quelle: Pauline Rabe

Die Lebensmittel stammen aus den Supermärkten der Region. Einige sind wenige Tage abgelaufen, andere neu. „Wir versuchen immer, alles nach bestem Gewissen gerecht aufzuteilen“, erklärt Lohne. Mit „wir“ meint er sein Team bestehend aus 43 Ehrenamtlern. „Es könnten noch mehr sein, doch der Nachwuchs fehlt.“ Insbesondere Fahrer seien dringend gesucht.

Ohne Spenden geht es nicht

Drei Fahrzeuge sind täglich ab halb 8 unterwegs, um die Lebensmittel in und um Wismar einzusammeln. „Meist reichen die Spenden aus, wenn nicht, haben wir eine eiserne Reserve von lange haltbaren Lebensmitteln, um eine Versorgung zu gewährleisten“, sagt Lohne.

Hier können Sie für die OZ-Weihnachtsaktion spenden

Die OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ der Wismarer Lokalredaktion unterstützt in diesem Jahr das ehrenamtliche Engagement von zwei Vereinen – das der Wismarer Tafel und das des Tierschutzvereines der Hansestadt. Das sind die Kontodaten der Empfänger:

Verein Wismarer Tafel

IBAN: DE73 1405 1000 1006 0280 60

Verwendung: „Helfen bringt Freude“

Tierschutzverein Wismar und Umgebung

IBAN: DE81 1406 1308 0004 1349 82

Verwendung: „Helfen bringt Freude“

Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Wer nicht genannt werde möchte, gibt das bitte im Verwendungszweck mit an.

Finanziert wird der Verein vorrangig durch Spenden. Diese fließen größtenteils in die Miete von 1500 Euro im Monat und in die Kühlfahrzeuge. „Eines zu betanken kostet etwa 600 Euro monatlich. Hinzu kommen 1000 Euro Versicherungskosten pro Fahrzeug“, zählt Lohne auf.

Neues Kühlfahrzeug benötigt

Unmittelbar vor Weihnachten werde das Geld der Sponsoren aber auch in Adventskalender und Weihnachtsgeschenke für die betroffenen Kinder gesteckt. „Unsere größte finanzielle Baustelle aber ist gerade, dass wir ein neues Kühlfahrzeug benötigen“, sagt Lohne. Das koste gebraucht um die 20 000 Euro.

Video: Tafelchef Detlef Lohne bedankt sich vorab für die Hilfsbereitschaft der OZ-Leser

Nun sind Sie gefragt, liebe OZ-Leser: Bitte helfen Sie, dass das Engagement der Wismarer Tafel wie gewohnt weitergeführt werden kann. Die diesjährige OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ der Wismarer Lokalredaktion findet zugunsten der Einrichtung statt. „Uns hat vor allem berührt, wie viele Kinder derzeit von Armut betroffen sind“, sagt OZ-Lokalchefin Kerstin Schröder. Wirklich jeder Euro zählt. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

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