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Wismar Wismarer erinnert sich an schwersten Bombenangriff
Mecklenburg Wismar Wismarer erinnert sich an schwersten Bombenangriff
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16:57 30.08.2019
Rolf Stephansky sammelt unter anderem historische Ansichten und Beiträge von Wismar. Quelle: Haike Werfel
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Wismar

Am 25. August 1944 erlebte Wismar den schwersten Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges. Kampfflugzeuge der 8. US Air Force warfen etwa 2000 Bomben auf die kleine Stadt ab. Sie legten ganze Wohnviertel in Trümmer. 205 Menschen verloren in wenigen Minuten ihr Leben, 105 Wohnhäuser wurden zerstört. Auch die Dornier-Flugzeugwerke und die Waggonfabrik in der Kanalstraße. Vor allem Wismars Industrie galt der Angriff. Heute jährt sich dieses schreckliche Ereignis zum 75. Mal.

Es war drei Tage vor seinem 16. Geburtstag. Rolf Stephansky hielt sich bei der Feuerwehr an der Frischen Grube auf. „Ich war zu dieser Zeit bei der Jugendfeuerwehr. Mein Vater arbeitete bei der Berufsfeuerwehr, die 1928 gegründet worden war. Dort im Haus auf dem Hof wohnten wir zuerst auch, bis wir für einen Brandmeister Platz machen mussten.“ Die Familie zog von der Frischen Grube 13 in ein Mehrfamilienhaus an der Frischen Grube 27.

Gegen Mittag, erinnert sich der heute 90-Jährige, gab es Fliegeralarm. „Wir sind in den Keller der Feuerwehr. Der war durch Träger abgestützt“, erzählt er. „Wir Jungen saßen vorne. In den hinteren Räumen, den Einsatzräumen, saßen die Feuerwehrleute, darunter mein Vater.“ Wie lange der Bombenangriff dauerte, weiß Rolf Stephansky nicht mehr. „Als er vorüber war, bin ich mit meinem Trupp, das waren drei, vier Leute, zum Einsatz in die Hegede. Hier waren die Bomben in den Hinterhäusern runtergegangen.“ Die Jugendfeuerwehr hatte die Aufgabe, Brandbomben, die Phosphor enthielten, mit Sand zu löschen. „Wir kamen aber nicht mehr zum Einsatz. Es war schon eine auswärtige Feuerwehr vor Ort.“

Wohnviertel lag in Trümmern

Rolf Stephansky sieht die zerstörten Gebäude noch vor sich. „Von der Hegede in Richtung Schüttingstraße war die Rückseite der Häuser und die gesamte linke Seite in der Johannisstraße in Richtung Marienkirchplatz zerbombt.“ Am späten Nachmittag oder Abend, als die Brände einigermaßen gelöscht waren, ging er zur Kanalstraße, um seinen Vater zu suchen. „Das ganze Wohnviertel lag in Trümmern.“ Dreigeschossige Häuser in der Runden Straße (heute etwa im Kreuzungsbereich Tankstelle/Hochbrücke), erst 1904 gebaut, waren verschwunden. Die Gartenstraße, wo heute die Parkplätze sind, ein Teil der östlichen Turmstraße sowie die Villen an der jetzigen Dr.-Leber-Straße und die Gärtnerei gegenüber der Polizei – alles lag in Schutt und Asche, berichtet der Wismarer. Außer der Waggonfabrik und den ehemaligen Podeus-Werken, wo sich heute die Total-Tankstelle befindet, war die halbe Kanalstraße mit dreigeschossigen Wohnhäusern zerstört worden.

Die historischen Aufnahmen zeigen unter anderem Wismar nach dem schwersten Bombenangriff am 25. August 1944.

Nachbarin wurde getötet

„Als ich meinen Vater gefunden hatte, fragte er mich, ob ich schon nach der Mutter gesehen habe. Also ging ich zurück zur Frischen Grube. Vom Haus in der Nummer 17 war die Vorderseite weg, von unserem Haus die Rückseite. Das Nachbarhaus war völlig zerstört.“ Rolf Stephansky erfuhr, dass alle Frauen im Luftschutzkeller gewesen waren. Den hatte der Hauswirt mit Balken stabilisiert. „Alle hatten den Angriff überlebt, bis auf eine Nachbarin. Sie wollte noch mal in ihre Wohnung und befand sich gerade im Treppenhaus, als die Bombe einschlug. Meine Mutter hatte einen Schock erlitten und war im Luftwaffenlazarett, dem heutigen Krankenhaus.“

Mutter lag mit Schock im Hilfslazarett

Als der Sohn nach einem weiteren Fußmarsch dort endlich ankam, hieß es, seine Mutter sei ins Hilfslazarett verlegt worden. Das war in der Knaben-Volksschule (heute Hauptmanngymnasium) und in der Mittelschule für Mädchen (heute Reuterschule) eingerichtet worden. „Also ging ich wieder zurück und fand meine Mutter in der Knaben-Volksschule. Sie musste dort zwei bis drei Tage bleiben.“

Der Vater hatte das Hab und Gut der Familie vorsorglich in Kartons verstaut. „Wir konnte sie aus dem Schutt herausholen. Die anderen Hausbewohner haben bei dem Bombenangriff alles verloren.“ Auch in der Nachbarschaft – in der Königsstraße, Kleinen Hohen Straße und in der Grützmacherstraße – waren die meisten Wohngebäude völlig zerstört.

Während des Krieges fanden zwölf angloamerikanische Luftangriffe statt, bei denen 460 Tonnen Bomben auf Wismar fielen. 313 Einwohner fanden den Tod, 334 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, 531 schwer und 1025 leicht beschädigt.

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Von Haike Werfel

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