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Wismar Wismarer funkt ins Weltall: Aus dem Keller eine störungsfreie Verbindung rund um die Erde
Mecklenburg Wismar

Wismarer funkt ins All dank eines 38 000 Kilometer entfernten Satelliten

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17:37 22.10.2021
Amateurfunker Georg Gawlik an seiner Funkanlage, von der er ins Weltall funkt. Schon nach einer Viertelsekunde reagierte das Signal. Leider antwortete im 7654 Kilometer entfernten Indien niemand.
Amateurfunker Georg Gawlik an seiner Funkanlage, von der er ins Weltall funkt. Schon nach einer Viertelsekunde reagierte das Signal. Leider antwortete im 7654 Kilometer entfernten Indien niemand. Quelle: Haike Werfel
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Wismar

Georg Gawlik ist leidenschaftlicher Amateurfunker. Seit Neuestem funkt der Wismarer weit in den Weltraum hinein. Möglich macht das ein geostationärer Satellit in 38 000 Kilometern Entfernung.

„Er empfängt die Funksignale und strahlt diese zurück auf die Erde weltweit aus“, erklärt Georg Gawlik. „So kann ich Funkkontakte mit den Funkamateuren weltweit knüpfen. Vor einiger Zeit habe ich mit einem in Brasilien gefunkt.“ Der Satellit ermöglicht Funkkontakte bis in die Antarktis, nach Südafrika und Südostasien. Nicht nur die Reichweite hat sich für die Funkamateure vergrößert. „Es ist jetzt möglich, jederzeit zu funken, Tag und Nacht, und vor allem störungsfrei. Das ist ganz wichtig“, erzählt Georg Gawlik begeistert.

Denn vorher machte dem Funkamateur der Elektrosmog zu schaffen, weil er mit geringen Frequenzen arbeitet. „Es war Glückssache und mit Anstrengung verbunden, mit Funkamateuren in Japan, Nordamerika oder in Südafrika Kontakt aufzunehmen, obwohl ich über eine gute Ausstattung und gute Antennen verfüge“, berichtet der Senior, der schon seit Jahrzehnten seinem Hobby nachgeht.

Fast ein Jahr Funkstation umgebaut

„Aber jetzt erobern wir alten Männer den Weltraum“, meint der fast 80-Jährige scherzhaft, „auch ohne uns in einer Raumkapsel ins All ‚schießen‘ zu lassen.“ Damit der Funkverkehr weit in den Weltraum hinein möglich ist, hat er zuvor seine Funkstation umbauen müssen. Fast ein Jahr lang hat der studierte Elektroingenieur an dem Herzstück getüftelt und gebastelt, um die notwendige Frequenzstabilität zu erhalten.

In seinem Keller in dem Mehrfamilienhaus in Wendorf hat er eine kleine Werkstatt. Auch die Empfangsantenne hat er selbst gebaut und dafür einen Fernsehparabolschirm verwendet. „Ich bin meinem Vermieter, der Wohnungsbaugesellschaft, sehr dankbar, dass ich meine Antennen auf dem Dach des Hauses installieren darf.“

„Eine völlig neue Herausforderung“

Vor knapp zwei Jahren wurde ein Fernsehsatellit in die Umlaufbahn geschickt. Der Interessenverband der deutschen Funkamateure, der Deutsche Amateur Radio Club e.V., baute einen Transponder und beförderte ihn ins All. Das ist ein Funk-Kommunikationsgerät, das eingehende Signale aufnimmt und automatisch weiterleitet. Als geostationärer Satellit drehe er sich mit der Erde genau so mit.

„Wir Funkamateure müssen unsere Funkanlagen und Antennen genau auf diesen Satelliten ausrichten und ihn anpeilen. Mit einer sehr geringen Sendeleistung von vier Watt ist das etwas ganz Neues für uns und in technologischer Hinsicht eine völlig neue Herausforderung“, erläutert Georg Gawlik.

Ein Hobby, das experimentell geprägt ist

Für ihn ist es eine interessante Ergänzung zu den seit nunmehr über hundert Jahren praktizierten Experimenten von Funkamateuren. „Bereits in den 1920er Jahren war ein Dozent an der Ingenieurschule Wismar erstmals in Wismar als Funkamateur aktiv“, informiert er.

Auch heute gibt es in der Hansestadt einen Radio Club, in dem 30 Funkamateure aus der Region organisiert sind. Das jüngste Mitglied ist Ende 30, das älteste 83 Jahre. „Amateurfunk ist eine interessante und vielseitige Freizeitbeschäftigung, die vor allem auch experimentell geprägt ist“, beschreibt Georg Gawlik sein Hobby. „Wir alten Männer halten uns so fit und bleiben ‚auf der Höhe der Zeit‘“.

Wismarer Radio Club trifft sich mittwochs

Leider sei der Amateurfunk vom Aussterben bedroht. Er hatte seine Blütezeit in den 1960er und 70er Jahren. Da war die weltweite Kommunikation nur über Telefon und Funk möglich. Der Wismarer Verein um seinen Vorsitzenden Wolfgang Schallok nehme an öffentlichen Veranstaltungen und Festen teil, um jüngere Menschen auf sich und den Amateurfunk aufmerksam zu machen.

Morsetelegrafie ist Immaterielles Kulturerbe

Mittels kurzer und langer Zeichenelemente können seit Mitte der 1830er-Jahre Nachrichten als sogenannte Morsezeichen weltweit übertragen werden. Damit begann das Zeitalter des elektrischen Nachrichtenwesens; zuerst nur leitergebunden, ab Ende des 19. Jahrhunderts dann auch drahtlos mit Funkwellen.

Die Morsetelegrafie ist im Laufe der Jahrzehnte von hochwertigen technischen Übertragungsverfahren abgelöst worden. Dennoch gibt es im weltweiten Amateurfunk die historische Kommunikation mit der Morsetaste.

Im Jahr 2014 wurde die Morsetelegrafie von der deutschen UNESCO-Kommission zum „Immateriellen Kulturerbe“ erhoben. Als eine sehr wichtige interkulturelle Kultur- und Kommunikationsform, die Zeit und Raum überwindet, hat sie eine besondere Bedeutung für die gesamte Menschheit.

Zuletzt war er im September beim Dorffest in Metelsdorf präsent. Der Radio Club trifft sich mittwochnachmittags in seinem Clubraum in einem Nebengebäude der Musikschule am Turnplatz.

Von Haike Werfel