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Wismar Zurück in die Vergangenheit
Mecklenburg Wismar Zurück in die Vergangenheit
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00:00 09.01.2017
Heute erinnern noch ein Schild und die Mulden im Erdboden an das Vertriebenenlager im Questiner Wald. Quelle: Fotos: Jana Franke
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Questin/Grevesmühlen

Niemand spricht ein Wort, niemand klärt auf, wohin der Pferdewagen rollt. Links und rechts Bäume. Dunkelheit. Ständiger Begleiter ist die Angst, hier in der Einsamkeit erschossen zu werden. Dann tauchen Dächer auf – in Erdmulden. Darin Lager aus Stroh, Feuerstellen vor der Hütte, Ratten laufen umher. Die 16-jährige Friedlinde springt vom Wagen, setzt sich vor die Hütte, weint bitterlich, will nicht rein. Ihr Vater nimmt sie in den Arm, versucht sie zu trösten. „Komm schon, wir können Gott danken, dass wir als Familie noch zusammen sind“, wiederholt die heute 87-Jährige unter Tränen die Worte ihres Vaters. Die Familie sind Friedlinde, der 15-jährige Friedrich, der zweijährige Roland und die Eltern. Die Hütte wird für sie als Vertriebene aus dem Sudentenland in den nächsten drei Wochen ihre Unterkunft sein, bevor sie Unterschlupf auf Bauernhöfe in der Umgebung finden.

Die Stadt Grevesmühlen lud zu einer Erinnerungstour zum ehemaligen Vertriebenenlager im Questiner Wald / Schüler arbeiten Geschichte auf

Friedlinde Stockdreher steht vor dem Questiner Wald, unweit der Stelle, an der das Lager der Familie war. Die Stadt Grevesmühlen hatte zu einer Erinnerungstour eingeladen – zu der Stätte, an der von 1945 bis 1948 Tausende Kinder, Frauen und Männer aus Ostpreußen, Pommern und vor allem aus dem Sudetenland in notdürftigen Unterkünften eingepfercht waren. Das Lager bestand aus etwa 50 primitiven Baracken, die zuvor von der Roten Armee als Militärlager genutzt worden waren. In jeder Hütte waren 30 bis 35 Personen untergebracht. Unter ihnen war für zwei Wochen auch Heinz Siegesmund. Er war vier Jahre alt, hat nur wenige Erinnerungen an die Zeit im Lager. Aber: „Ich kann mich noch genau an die Angst erinnern, die ich hatte“, erzählt der 75-Jährige. Oskar Neczas war damals zwölf Jahre alt. „Ich habe es mehr oder weniger als Abenteuer erlebt. Wir waren Ende Juli hier. Es war heiß und wir badeten in der Stepenitz“, erinnert er sich. Seine Mutter hat ihren Kummer nicht offen kundgetan. „Sie hat zwei Männer im Krieg verloren, zuletzt meinen Vater. Sie hat hart gearbeitet, um mich und meinen Bruder durchzubringen. Da habe ich nicht mehr viel hinterfragt, warum wir in diesem Lager waren“, erzählt er.

Mit der Geschichte der Zeitzeugen beschäftigen sich Schüler des Gymnasiums „Am Tannenberg“ in Grevesmühlen in einem Projekt. Ins Leben gerufen hat dieses Geschichtslehrer Florian Hoger. Der Lehrer und die Schüler arbeiten mit Alexander Rehwaldt vom Stadtarchiv Grevesmühlen zusammen. Die Gespräche mit den Zeitzeugen saugen die Schüler regelrecht auf. Denn das, was vor 70 Jahren im Questiner Wald vor sich ging, ist so gut wie gar nicht dokumentiert. „Wir haben hier mit Hobbyarchäologen Ausgrabungen vorgenommen“, erklärt Florian Hoger. Die Schüler fanden unter anderem russische Armeekocher, Essbesteck, Geschirr, Münzen. Alles liegt nun im Archiv zur Besichtigung aus.

Mit Herzblut dabei ist Florentine Förster. Die 16-Jährige interessiert sich sehr für die Vergangenheit. „Meine Oma erzählt mir oft Geschichten von früher“, sagt sie. Die vom Questiner Wald kannte sie allerdings noch nicht. Ergriffen hörte sie sich die Erlebnisse von Friedlinde Stockdreher an, dass sie immer mehr abmagerten, nur Steckrübeneintopf aßen und keine Milch für den zweijährigen Roland hatten. Auch er musste Steckrüben essen, bekam Durchfall. Nacht für Nacht die Angst, dass er morgens nicht mehr aufwacht. „Aus dem Lager wurden viele Tote getragen“, erzählt die 87-Jährige. „Ich kann mir das alles richtig vorstellen. Ich hoffe, dass sich das nicht wiederholt“, sagt Florentine Förster im Hinblick auf die Flüchtlingskrise in Deutschland. Ja, Vergleiche mit den Flüchtlingen, die heute Schutz in Europa suchen, ziehe auch er zwangsläufig, sagt Friedrich Schneider (85), der Bruder von Friedlinde Stockdreher. Und: „Es ist eigentlich ein Wunder, dass wir so alt geworden sind.“

Heimatheft

Der Grevesmühlener Heimatverein beschäftigt sich seit Jahren in seinen Heimatheften mit dem Vertriebenenlager im Questiner Wald. Viele Berichte von Zeitzeugen sind seit dem Jahr 2002 in regelmäßigen Abständen veröffentlich worden. Auch im nächsten Heimatheft wird das Vertriebenenlager seine Erwähnung finden. Die Broschüre erscheint dreimal im Jahr. Es kann unter anderem beim Heimatverein und im Städtischen Museum erworben werden.

Zahlreiche Kinder, Frauen und Männer starben im Lager oder in Krankenhäusern der Umgebung. Viele von ihnen sind auf dem Friedhof in Grevesmühlen anonym beerdigt worden. Zur Erinnerung an die Opfer wurde auf dem Friedhof eine Gedenkstätte errichtet.

Jana Franke

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