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Wismar DDR-Zwangsumsiedlung: „Wir dachten, jetzt geht’s nach Sibirien“
Mecklenburg Wismar

Zwangsumsiedlung in der DDR: Zeitzeuge erinnert an Aktion Kornblume 1961

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10:06 03.10.2021
Ein Bild aus früheren Tagen. Die inzwischen verstorbene Gunda Klatt erhielt ihren Hof in Sülsdorf 1991 zurück. Die Familie musste ihn 1961 zwangsweise verlassen.
Ein Bild aus früheren Tagen. Die inzwischen verstorbene Gunda Klatt erhielt ihren Hof in Sülsdorf 1991 zurück. Die Familie musste ihn 1961 zwangsweise verlassen. Quelle: Torsten Teichmann
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Hohen Viecheln/Sülsdorf

Der 3. Oktober ist für Heinrich Klatt nicht nur ein Tag der Freude über die Wiedervereinigung Deutschlands. „Wir denken jedes Jahr auch mit einem weinenden Auge an diesen Tag“, sagt der 70-Jährige aus Hohen Viecheln. Am 3. Oktober 1961 wurden seine Eltern mit ihren drei Kindern und der 78-jährigen Großmutter von ihrem Hof in Sülsdorf, Gemeinde Selmsdorf, vom DDR-Regime vertrieben. „Damals verloren Tausende Familien entlang der deutsch-deutschen Grenze ihre Heimat“, sagt Heinrich Klatt. Die sogenannte „Aktion Kornblume“ jährt sich am Sonntag zum 60. Mal.

„Um sechs Uhr klopfte es an der Haustür. Davor stand Polizei und Kampfgruppe“, erinnert sich Heinrich Klatt, der damals zehn Jahre ist. „Wir mussten ins Wohnzimmer und als Erstes wurde uns gesagt, dass Fragen zwecklos sind.“ Das weiß Heinrich Klatt aus Erzählungen seiner Eltern. Der Familie wurde mitgeteilt, dass man sie in Sicherheit vor den westdeutschen Aggressoren bringe. „Meine Eltern aber dachten, jetzt geht’s ab nach Sibirien.“

Vier Familien aus Sülsdorf vertrieben

Bis zwölf Uhr hatten Mitglieder der Kampfgruppe (Sie galt als bewaffnetes Organ der Arbeiterklasse – d. A.) das Hab und Gut der Familie auf drei Lkw mit Anhängern geladen. „Bei der Abfahrt wussten wir immer noch nicht, wohin es geht“, erzählt Heinrich Klatt. Es sind insgesamt vier Familien in Sülsdorf, die an diesem Tag aus ihren Häusern vertrieben werden. „Die Lkw fuhren alle in verschiedene Richtungen weg, damit wir uns nicht begegnen. Wir landeten am Abend in Güttin auf der Insel Rügen.“ Das ist Hunderte Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. Einen Grund für die Zwangsumsiedlung von ihrer 58 Hektar großen Bauernstelle, die sie seit 1500 betrieben haben, hätten sie nie erfahren, sagt Heinrich Klatt. „Angeblich waren wir politisch nicht tragbar.“

Diese Nacht-und-Nebel-Aktion ist von langer Hand geplant. Tausende DDR-Bürger aus dem Gebiet entlang der fast 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze trifft dasselbe Schicksal. Sie sind als „politisch unzuverlässig“ eingestuft. Die landesweite Operation geht als „Aktion Kornblume“ in die DDR-Geschichte ein. Und sie hat einen Vorläufer: Unter dem Namen „Aktion Ungeziefer“ fand im Juni 1952 bereits die erste große Vertreibungswelle statt.

Vier Jahre lang lebten die Klatts auf Rügen in einer 70 Quadratmeter großen Wohnung. „Wir wurden dort nicht heimisch“, sagt Heinrich Klatt. 1965 kauften seine Eltern ein Haus in Wendisch Rambow bei Bad Kleinen. „In den damaligen Kreis Grevesmühlen durften wir nicht zurück. Auch später durfte mein Vater als Rentner zwar über die Grenze nach Lübeck fahren, aber nicht auf seinen Hof in Sülsdorf, das war ihm untersagt.“ Das Anwesen ging, wie die Grundstücke von anderen Betroffenen, in das Eigentum des Volkes über. Anderenorts seien auch Häuser abgerissen worden, weiß Heinrich Klatt.

Nach dem Mauerfall zurück auf den Heimathof

Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, war der erste Gang seiner Familie nach Sülsdorf, nach Hause. Sein Vater war nach der Wende einer der Ersten, der einen Antrag auf Rückübertragung in MV stellte. „1991 bekamen wir alles wieder, das Land, den Hof, unser Haus. Mithilfe von Bau- und Tischlerfirmen aus Bad Kleinen hat mein Vater dann alles saniert. 1994 kehrten meine Eltern mit meiner jüngsten Schwester in unser Heimatdorf zurück.“ Sie stellten einen Feldstein in der Einfahrt zu ihrer Hofanlage auf. Er trägt die Aufschrift „Heimkehr 1991“. Der Vater ist 2006 im Alter von 90 Jahren verstorben, seine Mutter 2014. Sie hat den beiden Söhnen von Heinrich Klatt das Anwesen vererbt. Heute ist es vermietet und verpachtet.

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Heinrich Klatt lebt seit 1979 in Hohen Viecheln, wo er ein Haus gebaut hat. „Ich wollte mich selbstständig machen, was in der DDR nicht möglich war.“ Seit 1992 betreibt der Kfz-Meister eine Reparaturwerkstatt in dem kleinen Dorf am Schweriner See. Nach Sülsdorf führt ihn sein Weg regelmäßig, wenn er die letzte Ruhestätte seiner Eltern auf dem Friedhof in Selmsdorf besucht.

Von Haike Werfel