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Wismar Zweite Chance für gefährliche Hunde?
Mecklenburg Wismar Zweite Chance für gefährliche Hunde?
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12:27 02.03.2019
Weder „Joker“ (rechts) noch „Hummel“ können erzählen, wieso sie im Oktober 2017 so gehandelt haben. „Joker“ hat gebissen und eine Frau verletzt. Quelle: Nicole Hollatz
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Wismar

 „Was da passiert ist, dafür gibt es keine Entschuldigung! So etwas darf nicht passieren!“ Ann-Christin B. (Name von der Redaktion geändert) muss den Raum verlassen, die Tränen laufen. Am 6. Oktober 2017 passierte trotzdem das, was eigentlich nicht passieren darf.

Passanten trennen Hunde mit Schaufel von Opfer

„Joker“ und „Lotte“, die beiden Mischlinge von Ann-Christin B. springen über den Zaun, nachdem ihr Kumpel „Hummel“, ein alter Jack Russell Terrier, durch den Zaun geschlüpft ist, um einen Artgenossen zu begrüßen. Die kleinen Hunde kabbeln sich, die großen Mischlinge gehen dazwischen und beißen eine Passantin, die Besitzerin des anderen Jack Russell Terriers.

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Die Hunde lassen nicht von der Frau ab, andere Passanten trennen mit Schaufel und Schneeschieber die Hunde von ihrem Opfer.

So geht es dem Opfer

„Ich hatte Todesangst, ich dachte, ich sterbe.“ Das Leben des Opfers hat sich seit dem Vorfall extrem verändert (die OZ berichtete). Die Hunde haben der Wismarerin ein Stück aus ihrem Oberschenkel gerissen. Sie wurde fünfmal operiert, hat panische Angst vor großen Hunden und kann nicht mehr arbeiten. Früher hat sie in der Schweriner Rettungsleitstelle Notrufe entgegengenommen. Das kann sie jetzt nicht mehr. Denn es gehen auch Anrufe zu Hunde-Angriffen ein. „Einmal wurde ein kleines Kind in den Kopf gebissen, das kann ich nicht vergessen.“ Und da sie keinen Verwaltungslehrgang absolviert hat, kann sie nicht umgesetzt werden. Das heißt: Bald wird sie arbeitslos sein.

Ann-Christin B. war selbst nicht vor Ort, die 22-Jährige macht eine Ausbildung im Kfz-Handwerk. Ihre Mutter war im Garten und ließ die beiden Mischlinge zusammen mit ihrem Jack Russell Terrier „Hummel“ toben. „Das sind Haushunde, das sind keine Hunde, die den Hof bewachen, oder keine Statussymbole“, stellt Ann-Christin B. klar. Sie hat ihre beiden von klein auf aufgezogen. „Die gehören zur Familie.“ Im Wohnzimmer hat jeder Hund sein Körbchen. Nun gelten die Hunde als „gefährlich“ im Sinne der Hundeverordnung des Landes.

„Ein schrecklicher Unfall“

Was in den Köpfen von „Joker“ und „Lotte“ vorging, weiß die Hundehalterin nicht. Vielleicht fiepte „Hummel“, vielleicht wollten sie ihn beschützen? „Die waren bei jeder Familienfeier dabei, selbst mit Kindern und anderen Hunden haben die überhaupt keine Probleme“, schüttelt Ann-Christin den Kopf.

„Es tut uns aufrichtig leid, was mit der armen Frau passiert ist“, schluckt die Hundehalterin wieder schwer. „Das kann man nie wieder gutmachen“. Sie hat sich entschuldigt und das Gespräch mit der Frau gesucht. Auch den Helfern dankt sie. Ihre Mutter war vor Ort und stand selbst so unter Schock, dass sie nicht reagieren konnte. „Das war ein schrecklicher Unfall!“, sagt die 53-Jährige.

Ann-Christin B. hat sich nach dem Vorfall sofort einen Hundetrainer für solche Fälle wie „Lotte“ und „Joker“ ins Haus geholt und intensiv mit den Tieren gearbeitet. Noch bevor das Amt reagierte und 14 Tage später die Tiere beschlagnahmte. „Sie sollten eingeschläfert werden“, berichtet sie. „Aber zum Glück gelten sie als zu jung, sie gelten noch als formbar“, sagt sie weiter. „Joker“ war damals zwei Jahre alt, „Lotte“ gerade 14 Monate.

Tiere müssen vorerst ins Tierheim

Beide Hunde wurden im Tierheim untergebracht mit der Auflage vom Ordnungsamt, dass sich die Hundehalterin selbst um ihre Tiere kümmern muss. Sieben Tage die Woche, mehrmals am Tag und teilweise den ganzen Tag, damit die Tiere nicht vereinsamen und ihre Bezugspersonen vor Ort haben.

„Wir haben uns das zu dritt aufgeteilt mit meinem Freund und meiner Mutter. Ich hab nur noch Frühschichten gemacht, meine Mutter in der Gastronomie nur noch Spätschichten“, berichtet die Hundehalterin. Ihre Tiere aufgeben, sprich abgeben, kam für sie nie infrage. „Das macht man doch nicht mit Familienmitgliedern!“

Auch wenn ihr Vergleich hinkt: „Wenn ein Mensch was Schlimmes macht, bekommt er auch eine zweite Chance.“ Sie dankt dem Tierheim-Team, die Kollegen dort kamen ihr oft bei den Öffnungszeiten entgegen, damit sie sich trotz Ausbildung um ihre Tiere kümmern konnte. Und die Auflagen vom Ordnungsamt Wismar erfüllen konnte. „Es kamen immer neue Auflagen. Uns wurde immer wieder die Hoffnung gemacht, dass wir beide wiederbekommen, wenn wir die Auflagen erfüllen.“

Das Grundstück wurde höher und besser eingezäunt, Ann-Christin musste mit dem Sachkundenachweis in Theorie und Praxis selbst beweisen, dass sie in der Lage ist, Hunde zu halten, und dass die Tiere auch in Stresssituationen auf sie hören. „Der Wesenstest für Hunde ist nur eine Momentaufnahme, der Sachkundenachweis geht über einen größeren Zeitraum und ist viel intensiver“, erklärt ihr Freund Michael A. (Name geändert), der gerade als Handwerker die Meisterschule macht.

Hunde bestehen Wesenstest mit Bravour

Im Tierheim hat sie weiter mit den Hunden gearbeitet mit dem Ziel, die Auflagen des Ordnungsamtes Wismar zu erfüllen, damit die Tiere zurück in die Familie dürfen. „,Joker’ hat den Wesenstest mit Bravour bestanden. Er wurde angebrüllt, angerempelt, mit einem Ball beschossen und ist ruhig geblieben“, sagt sein Frauchen. Er durfte nach acht Monaten zurück zu seiner Familie. Selbst die kleine „Hummel“ war beim Wesenstest für „Kampfhunde“ und hat dort mit Niedlichkeit und gutem Verhalten überzeugt.

Mit „Lotte“ hat Ann-Christin B. den weit umfangreicheren Sachkundenachweis bestanden. „Lotte“ ist zwar nicht mehr im Tierheim, darf aber auch nicht nach Hause, sondern ist in einer Hundepension. Sie soll laut Amt in andere Hände. Zu den Haltebedingungen für „gefährliche Hunde“ in MV gehört, dass ein Halter nur einen solchen Hund haben darf. Und „Lotte“ und „Joker“ gelten als gefährlich.

Ann-Christin B. vermisst ihre Hündin und will sie nicht aufgeben. Über 10 000 Euro hat sie in den letzten Monaten beispielsweise für Zaun, Hundetrainer, Gutachten, Wesenstest und Sachkundenachweis sowie für die Hundepension ausgegeben, die Mutter und der Freund unterstützen sie finanziell. „Ich habe Angst, dass ,Lotte’ mit dieser Vergangenheit nie wieder ein gutes Zuhause findet.“ Seit 17 Monaten ist sie nun in „Hundehaft“, bekommt täglich Besuch von Frauchen und dem Rest der Familie. Gemeinsame Gassi-Runden hat das Ordnungsamt verboten.

Nicole Hollatz

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