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Gesundheit Stressbelastung: So lässt sich die seelische Widerstandskraft trainieren
Mehr Gesundheit Stressbelastung: So lässt sich die seelische Widerstandskraft trainieren
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08:35 10.10.2019
Immer mehr Menschen werden wegen psychischer Probleme krankgeschrieben. Ihrem Arbeitgeber gegenüber müssen sie dazu keine Angaben machen. Quelle: Christin Klose/dpa-tmn
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Hannover

Die Zahl der Fehltage wegen psychischer Probleme hat sich einer Langzeitstudie der DAK zufolge in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdreifacht. Woran liegt das, und wie reagieren Arbeitgeber darauf? Werner Kissling ist leitender Oberarzt der Psychiatrischen Klinik der Technischen Universität München. Er gibt im Interview Antworten und erläutert unter anderem, wie Arbeitnehmer ihre seelische Widerstandskraft trainieren können, damit aus einer Stressbelastung keine psychische Erkrankung wird.

Immer mehr Menschen lassen sich wegen psychischer Probleme krankschreiben - und es werden immer mehr. Welchen Anteil hat die Arbeitswelt an dieser Entwicklung?

Die Hauptursache für psychische Erkrankungen liegt in unseren Genen. Wenn jemand eine Erbanlage für psychische Erkrankungen hat und er dann zusätzlich unter eine lang anhaltende Stressbelastung kommt, dann kann das bei ihm zu einer psychischen Erkrankung führen. Man schätzt, dass von allen psychischen Erkrankungen etwa 20 Prozent hauptsächlich durch privaten Stress ausgelöst werden und weitere 20 Prozent durch Stress aus dem Arbeitsumfeld. Häufig addieren sich die Stressbelastungen auch aus beiden Quellen.

Inwiefern sind Arbeitgeber gefordert, hier präventiv tätig zu werden?

Die Entwicklung bei den Fehltagen wird zunehmend zu einer enormen Kostenbelastung für die Arbeitgeber. Psychische Belastungen und Erkrankungen kosten ein Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern etwa 3 Millionen Euro jährlich. Angesichts dessen entscheiden sich mehr und mehr Arbeitgeber inzwischen auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen dafür, Paragraf 5 des Arbeitsschutzgesetzes zu befolgen: Sie führen eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen in ihrem Unternehmen durch und investieren in Prävention und Gesundheitsmanagement.

Das Centrum für Disease Management (CFDM) an der Technischen Universität München, das Sie leiten, bietet Unternehmen Workshops und Beratungen für die Umsetzung an. Was konkret sind die Empfehlungen?

Unsere Empfehlungen hängen natürlich sehr davon ab, was diese Unternehmen bisher schon unternommen haben und welche Ressourcen und Ziele sie aktuell haben. Wenn sie zum Beispiel die im Arbeitsschutzgesetz zwingend vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen noch nicht durchgeführt haben, dann empfehlen wir, damit rasch zu beginnen, weil sie sich damit viel Ärger mit dem Gewerbeaufsichtsamt ersparen und gleichzeitig erfahren, wo in ihrem Unternehmen psychische Belastungen auftreten und was man konkret dagegen tun kann. Bei Bedarf führen wir diese Gefährdungsbeurteilung dann auch selbstständig in dem Unternehmen durch, weil das methodisch gar nicht so einfach ist und dabei häufig viele Fehler gemacht werden. Darüber hinaus schulen wir alle Führungskräfte, Betriebsräte und Personaler des Unternehmens darin, psychische Belastungen bei ihren Mitarbeitern so früh wie möglich zu erkennen und ihnen Hilfe bei der Bewältigung ihrer Erkrankung und eventuell auch bei der Wiedereingliederung anzubieten. Sehr nachgefragt sind in letzter Zeit auch unsere Schulungen zum Thema „Gesund führen“ und „Resilienz“ (Widerstandskraft gegen Stress). In einer wissenschaftlichen Studie konnten wir zeigen, dass es den Unternehmen durch diese Maßnahmen gelingt, das Problem zunehmender psychischer Belastungen zu bewältigen und häufig auch die dadurch bedingten Fehltage zu reduzieren.

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Betroffene sind nicht verpflichtet, ihrem Arbeitgeber gegenüber Angaben zu ihrer Erkrankung zu machen. Wann sollten sie es dennoch tun und wann besser nicht?

In einer unserer wissenschaftlichen Studien gaben rund 50 Prozent unserer Patienten an, dass sie mit ihrem Vorgesetzten relativ offen darüber reden, dass sie erkrankt sind, weil der dann mehr Verständnis für krankheitsbedingte Einschränkungen habe und sie gezielter unterstützen könne. Die andere Hälfte befürchtet Nachteile und sagt deshalb nichts. Jeder Mitarbeiter entscheidet also selbst, und das ist auch gut so.

Wie sollte ein Vorgesetzter idealerweise reagieren, wenn ihm ein Mitarbeiter seine psychischen Probleme schildert?

Führungskräfte sind sich häufig sehr unsicher, wie sie sich in einer solchen Gesprächssituation verhalten sollen. Da diese Gespräche für beide Seiten sehr wichtig sind, bieten inzwischen viele Unternehmen spezielle Gesprächstrainings für ihre Führungskräfte an. In einer Studie konnten wir zeigen, dass die Führungskräfte nach unseren Gesprächstrainings in ihrem Berufsalltag solche Gespräche nicht mehr auf die lange Bank schieben, sondern den Mitarbeitern schneller Hilfe anbieten und diese dadurch schneller wieder gesund und arbeitsfähig werden. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass die Führungskräfte verstehen, dass in solchen Gesprächssituationen mit zum Beispiel depressiven Mitarbeitern Zuhören wichtiger ist als der eigene Redeanteil.

Führungskräfte müssen verstehen, dass in Gesprächssituationen mit depressiven Mitarbeitern Zuhören wichtiger ist als der eigene Redeanteil.

Werner Kissling, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Schadet eine psychische Erkrankung grundsätzlich der Karriere?

Manche chronische psychische Erkrankungen beeinträchtigen tatsächlich – wie chronische körperliche Erkrankungen auch – die berufliche Leistungsfähigkeit und können sich so auch auf die erhoffte Karriere negativ auswirken. Die meisten Erkrankungen – zum Beispiel Angsterkrankungen und Depressionen – klingen aber, wenn sie professionell behandelt werden, wieder vollständig ab, und die Betroffenen können danach – genauso wie nach einem Unfall oder einer Infektionserkrankung – wieder ohne Einschränkungen ihre berufliche Laufbahn weiterverfolgen.

Depression ist bei psychischen Erkrankungen die häufigste Diagnose. Werden die betroffenen Mitarbeiter trotzdem immer noch am Arbeitsplatz stigmatisiert, oder gehen Vorgesetzte und Kollegen damit inzwischen verständnisvoller um?

Das hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise etwas gebessert. Durch Aufklärungsprogramme in den Unternehmen und auch durch das Outing vieler prominenter Betroffener wissen immer mehr Menschen, dass psychische Erkrankungen sehr häufig sind und jeden treffen können. So erkranken zum Beispiel 15 bis 20 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Leben an einer Depression. Aber wie bei vielen Vorurteilen ist es auch hier noch nicht vollständig gelungen, sie auszurotten.

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Unternehmen bieten zum Teil Hotlines an, an die sich Betroffene bei psychischen Problemen wenden können. Was ist davon zu halten?

Sich bei psychosozialen Problemen von internen oder externen Experten kostenlos beraten zu lassen hilft nicht nur den betroffenen Mitarbeitern, sondern auch dem Unternehmen, weil die Mitarbeiter dadurch schneller wieder gesund und damit auch arbeitsfähig werden.

Arbeit hat auch einen stabilisierenden Effekt. Kann das Zuhausebleiben nicht auf Dauer auch eine Depression verstärken?

Das ist eine sehr gute Frage, die derzeit auch intensiv in der Gesundheitspolitik diskutiert wird. Die Antwort hängt vom Schweregrad der Depression ab. Bei einer schweren Depression ist man meistens nicht arbeitsfähig und sollte sich deshalb auch nicht zur Arbeit schleppen. Bei leichteren Depressionen kann dies aber anders aussehen. Manchmal dauert es ja trotz Therapie mehrere Monate, bis die Depression wieder abgeklungen ist. Wenn aber Betroffener und Therapeut zu dem Schluss kommen, es sei für die Genesung besser, bei reduzierter Arbeitsbelastung weiterzuarbeiten, weil man dann vielleicht jeden Tag kleine Erfolgserlebnisse hat und die sozialen Kontakte nicht abreißen, dann kann man das durchaus probieren. Es wird derzeit sogar diskutiert, ob man dafür nicht eine Teilkrankschreibung einführen sollte.

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Wie sieht eine optimale Wiedereingliederung aus?

Die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach längerer krankheitsbedingter Abwesenheit sollte vom Mitarbeiter und vom Unternehmen zusammen sehr sorgfältig geplant werden, denn eine gelungene Wiedereingliederung ist für die rasche Wiederherstellung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit immens wichtig. Unternehmen und Mitarbeiter sollten deshalb, möglichst schon einige Wochen vor dem ersten Arbeitstag, Kontakt miteinander aufnehmen und – idealerweise auch in Abstimmung mit dem Therapeuten – besprechen, in welcher Geschwindigkeit welche Arbeiten wieder übernommen werden können. Bei den meisten psychischen Erkrankungen ist man nicht gleich wieder so leistungsfähig wie vor der Erkrankung.

Eine gelungene Wiedereingliederung ist für die rasche Wiederherstellung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit immens wichtig.

Werner Kissling, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Beim sogenannten agilen Arbeiten verteilen Unternehmen die Verantwortung weg vom Management hin zu den Arbeitsteams. Unterstützung statt Kontrolle ist die Devise. Das soll das Arbeiten attraktiver machen. Ist es auch gesünder?

Diese Frage lässt sich leider anhand der derzeitigen Studienlage noch nicht abschließend beantworten, denn die Antwort hängt unter anderem sehr von der Zusammensetzung des Teams und der Art der Aufgabe ab. Agiles Arbeiten erweitert ja in der Regel den Handlungsspielraum der Mitarbeiter, und das ist in der Regel gut für deren psychische Gesundheit. Andererseits übernimmt beim agilen Arbeiten jeder Mitarbeiter mehr Verantwortung, dadurch steigt aber auch das Risiko der Selbstüberforderung und Überlastung, was dann eher zulasten der Gesundheit gehen kann. Wie so oft bei neu eingeführten Arbeitsformen muss man noch etwas abwarten, ob es hier gelingt, ihre Risiken und Chancen gut auszubalancieren.

Was kann ein Mitarbeiter selbst für seine psychische Gesundheit am Arbeitsplatz tun?

So wie man körperliche Fitness trainieren kann, kann man auch die seelische Widerstandskraft (Resilienz) positiv beeinflussen. Wir lassen die Teilnehmer in unseren Seminaren beispielsweise immer auflisten, was ihnen Energie gibt und was sie stresst – und ermuntern sie, diese Waage selbst etwas besser auszutarieren, indem sie versuchen, auf der belastenden Seite etwas wegzunehmen und auf der resilient machenden Seite etwas draufzulegen. Wenn man daran wirklich etwas verändern will, gelingt das häufiger, als man denkt. Und das sind oft ganz einfache Maßnahmen wie zum Beispiel mehrmals täglich ausgiebige Pausen zu machen, Entspannungstechniken zu erlernen, sein Sozialleben besser zu pflegen, auf ausreichend Schlaf zu achten und regelmäßig Sport zu treiben.

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Von Kerstin Hergt/RND

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