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Kunstbörse „Die Zugkraft der Usedomer Maler war enorm“
Mehr Kunstbörse „Die Zugkraft der Usedomer Maler war enorm“
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16:38 28.10.2015
Wulff Sailer vor seinem Atelier in Berlin. Quelle: Thomas Häntzschel / nordlicht

Usedomer Fischer beim Heringspuken am Strand, ein namenloses Mädchen aus einem Zeichenkurs in Berlin oder das flirrende Licht einer toskanischen Landschaft — die Motive der Arbeiten, die Wulff Sailer zu dieser Kunstbörse beisteuert, sind wenig spektakulär, aber die gut gebauten Blätter sind typisch für seine Art, die Welt zu sehen und ins Bild zu setzen. Außerdem stehen sie für wichtige Lebensstationen des 79-jährigen Künstlers, der zwar zum Kreis der sogenannten Berliner Schule gehört, ebenso füglich aber auch zu den Usedomer Malern gezählt werden kann. Zwischen Ostseestrand und Achterwasser hat er Erfahrungen gemacht und Menschen getroffen, die ihn geprägt haben. Herbert Wegehaupt, Otto Manigk und Otto Niemeyer-Holstein waren die nahbaren Vorbilder und Wegbegleiter seiner frühen Jahre, beim „Käpt‘n“ in Lüttenort ging er damals ein und aus. Zehn Jahre hat Sailer auf Usedom gelebt und gearbeitet, bis heute unterhält er vielfältige Beziehungen nach Vorpommern und Mecklenburg.

Obwohl er schon als Junge ausgezeichnet Querflöte spielte, sollte er Zeichenlehrer werden — wie sein kurz vor Kriegsende gefallener Vater. Zum Studium ging er 1955 von Weimar nach Greifswald, und da lehrte ein Professor, der seinerseits am Bauhaus studiert und viel zu vermitteln hatte, was den jungen Mann begeisterte. „Wegehaupt eröffnete mir die Welt der bildenden Kunst, und ich fühlte mich da unglaublich zu Hause“, erinnert sich Wulff Sailer. „Plötzlich, mit 18, hatte ich das Gefühl, dass ich meine Kräfte und Wünsche auf etwas richten musste, und das lief hinaus auf die Malerei!“

Fasziniert war er schon damals von Cézanne, vor allem aber durchlief er bei Naturstudien auf Rügen und Usedom eine Schule des Sehens, und bald wurde ihm klar, dass er nicht Lehrer, sondern Maler werden wollte. Als Wegehaupt starb, brach er gemeinsam mit seinem Freund Joachim John vor dem Examen das Universitätsstudium in Greifswald ab. Sich für drei Jahre an irgendeine Schule verpflichten lassen, das konnten sie sich nicht vorstellen. „Wir wollten im Norden bleiben. Die Zugkraft der Usedomer Maler war enorm, das war unser Magnet“, sagt Sailer. Also zogen sie zusammen auf die Insel — um dort als freie Künstler zu leben. Der alte Niemeyer, der sie schon als Studenten wie junge Kollegen behandelt hatte, vermittelte ihnen eine halbverfallene Fischräucherei in Zempin, die sie bezogen, Stück für Stück ausbauten und jahrelang bewohnten. „Das war ein entscheidender Ort“, erzählt Sailer. „Wir haben da gemalt — die Fischer am Strand, reizende Nackedeis — und sogar das eine oder andere Blatt verkauft. Später kamen Berliner Künstlerfreunde gern dahin — Manfred Böttcher, Harald Metzges, Dieter Goltzsche. Auch Wolf Biermann war oft Gast in der Räucherei.

Sailers Horizont ging freilich schon früh weit über Usedom hinaus. Vor dem Bau der Mauer war er mit Hilfe bayerischer Verwandter auch nach Westen und Süden gereist — mit dem Rad sogar bis nach Neapel gefahren. Was Toleranz und Weltkundigkeit betrifft, sieht er das noch heute als großes Glück. Mit dem Kommunismus hatte er nichts am Hut. Wenn es während der Meisterschülerzeit an der Akademie in Debatten mit Künstlern wie Fritz Cremer oder Gabriele Mucchi ins Politische ging, wich er er lieber aus, weil er die DDR, mit ihrer Ideologie und Provinzialität kritisch sah. Was ihn interessierte, war die Kunst — einschließlich dessen, was sich im Westen tat. Die Offenheit heute schätzt er umso mehr.

Obwohl er, wie er es vorhatte, ein guter Maler geworden ist, hat Wulff Sailer nie von der Malerei gelebt, sondern immer auch unterrichtet. Als emeritierter Kunstprofessor lehrt er bis heute an einer Privatschule. Seit 25 Jahren gibt er Volkshochschul-Kurse im Figürlichen Zeichnen. Was er dabei vermitteln will, ist — über das Naturstudium hinaus — die Figur als ursinnliches und geistiges Thema.

„Ich bin ja ein Zeichenlehrer“. Sagt er heute doch.

Und als solcher weiß er auch eine Antwort auf die Frage, was ein gutes Bild ist: „Das Faszinierende ist, dass man das innerhalb von Sekundenbruchteilen sieht, auch wenn man es nicht sagen kann. Kunst hat immer eine komplexe Aussage. Das ist vergleichbar mit Diamanten: Aus banalen Ausgangsmaterialien entsteht etwas Köstliches. Es geht nie ums Thema, es geht nur um das, was man als Maler daraus macht. Das Wertvolle sind die Bilder. Nicht fragen, was ist drauf, sondern was ist drin? Das Weltverhältnis, das in Kunst ausgedrückt werden kann, darum geht es“, erklärt er. „Das Beglückende ist eine Mischung aus dem ersten Eindruck und der Nachhaltigkeit. Die Nachhaltigkeit ist am Ende der Gradmesser. Gute Bilder erzählen immer wieder etwas Neues.“

Mit Kunst beschäftigt sich Wulff Sailer bis heute täglich. auch wenn er nicht mehr jeden Tag zum Malen kommt. „Ich bin einer, der sehr viel vor der Natur arbeitet, und wenn man sich das angewöhnt hat, hat man alle Möglichkeiten“, erzählt er. Sehr gern fährt er dazu an einen vertrauten Ort: Caviano am Lago Maggiore: „An der hässlichen Seite des Sees, wo die Sonne erst spät hinkommt, da bin ich mit einer Gruppe von Leuten jeden September. Da male ich den ganzen Tag, bis die Sonne untergeht — eine Woche lang. Schon anstrengend, aber das ist die schönste Zeit in meinem Leben.“



Jan-Peter Schröder