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Mit neuen Ideen im Gepäck zurück nach MV

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„Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts“ – das alte Goethe-Zitat ist für die OZ-Projektmanagerin Julia Kramer zum Lebensmotto geworden. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

„Es sind bestimmt zwei Drittel der Schüler aus meinem Abschlussjahrgang irgendwann aus Mecklenburg-Vorpommern weggegangen“, erzählt die 26-jährige Greifswalderin Julia Kramer an diesem kühlen Tag im März 2020. Nicht alle hätten diesen Schritt sofort gewagt, aber spätestens nach ein paar Semestern an der Universität sei in den meisten die Neugier auf die weite Welt erwacht – so ging es auch ihr selbst. Reichlich frischen Wind hat sich Julia Kramer in den vergangenen Jahren um die Nase wehen lassen – um jetzt, wiederum wie viele ihrer Mitschüler, in ihre Heimat zurückzukehren.

Irgendwann wurde Rostock zu klein

Direkt nach dem Abitur war das Lehrerkind noch zurückhaltend, wollte zunächst gar nicht so weit weg von ihrem Zuhause. Nachdem sie schon neben dem Unterricht in der Schule mehrere Sprachdiplome gemacht hatte, studierte sie erst einmal Französisch in Kombination mit Medien- und Kommunikationswissenschaften in Rostock. Sie arbeitete als Barkeeperin im Peter-Weiss-Haus, spielte in einer Studenten-Theatertruppe, war Hans-Dampf in der Rostocker Kulturszene. Dann aber ging sie für ein Semester ins Ausland, in die französische Stadt Lyon. Beim Gedanken an diese Zeit strahlt Julia Kramer noch immer. „Da hab‘ ich Blut geleckt.“ Als sie voll neuer Eindrücke nach Rostock zurückkam, fühlte sich die Studentin plötzlich eingeengt. „Ich hatte in kurzer Zeit soviel erlebt, hatte mich auch verändert, aber hier war einfach alles genau so wie vorher. Das passte nicht mehr zusammen.“

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Kampf gegen Vorurteile, aber auch ganz viel Neugier auf beiden Seiten

Die junge Frau bewarb sich an mehreren Universitäten, die allesamt länderübergreifend arbeiten. So landete sie schließlich in Saarbrücken, wo das Studium gemeinsam mit Partnern in Metz und Luxemburg organisiert ist, diesmal frankophone Germanistik mit dem Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Werbung. Ein Umzug von Ost nach West oder einfach irgendein Umzug? Julia Kramer winkt ab: „Erst habe ich gedacht, es ist einfach irgendein Umzug, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich von Ost nach West gegangen bin.“ Schon in Lyon, wo sie mit einigen Kommilitoninnen aus Heidelberg zusammen studierte, wurden gegenseitige Vorurteile gleich in den ersten Tagen offensichtlich. Ein bisschen genervt kommentiert sie mit einigem Abstand: „Ich bin 1993 geboren, hab’ mit der DDR an sich überhaupt gar nichts mehr zu tun, aber es ist ein Thema, das irgendwie präsent ist, auch in meiner Generation noch.“ Immer wieder habe sie Position bezogen – „und die Fahne für den Osten hochgehalten, der für mich eigentlich gar nicht so vorhanden ist“. Die typischen Vorurteile, die sie immer wieder zu hören bekam: Mit dem Bildungsstand in den neuen Bundesländern ist es nicht weit her, es gibt dort viele Nazis und alles ist wahnsinnig billig. Während sie selber ihr Wissen über die DDR vor allem von Erzählungen der Familie hatte, stellte sie erstaunt fest, dass im Westen aufgewachsene Studenten das alles als abstrakte Historie nur aus der Schule kannten. „Das hat mich wirklich überrascht.“ Zugleich räumt Julia Kramer ein, dass sie ihrerseits nicht frei von Vorurteilen ist: „Ich habe auch gedacht, dass die Heidelberger Mädels genau so sind, wie meine Eltern aus damaliger DDR-Sicht den typischen Wessi beschrieben haben. Wenn man aber ins Gespräch gekommen ist, dann war auf beiden Seiten ganz viel Neugier, das war schön.“

Aus Saarbrücken wechselte die gebürtige Greifswalderin weiter nach Stuttgart zur Werbeagentur Jung von Matt. Sie fand nach und nach Freunde, lernte, dass kulinarische Genüsse in jener Region einen deutlich höheren Stellenwert haben als im Norden. Es gab alles, was man zum Leben braucht, so richtig zuhause fühlte sie sich in der Hauptstadt der Schwaben trotzdem nicht. Sie hatte oft Heimweh – nach ihrer Familie und nach dem Meer. Und bei Bahnfahrten Richtung Küste schob sich immer deutlicher ein eigenartiges Gefühl in den Vordergrund: „Je weiter ich in den Norden gekommen bin, desto ruhiger wurde ich und desto ruhiger habe ich auch alles um mich herum empfunden.“ Als dazu noch gesundheitliche Probleme in der Familie kamen, packt sie ihre Sachen und wechselte kurzentschlossen nach Rostock, wo sie heute bei der Ostsee-Zeitung als Projektmanagerin Crossmedia arbeitet.

Mit Ideen und Elan an neue Aufgaben herangehen

Weggegangen, wiedergekommen… die Werbefachfrau ist froh, dass sie diesen Weg gegangen ist. „Ich bin unglaublich dankbar für diese Zeit, weil sie mich extrem weitergebracht hat – sowohl persönlich als auch beruflich. Ich habe einen sehr bunten Freundeskreis, ich habe gelernt, dass es gut ist, aus dem Bauch heraus zu entscheiden, habe Sicherheit gewonnen. Und ich habe einen Blick dafür bekommen, was alles möglich ist.“ Auch ihre Heimat sieht sie heute aus einer veränderten Perspektive – mit einer gewissen lokalen Verbundenheit zwar, aber doch so realistisch, dass ihr auch die Schwierigkeiten nicht entgehen, die zu bewältigen sind. Ein Beispiel: „Es gibt hier ganz viele tolle Start-ups und kreative Unternehmen, von denen aber kein Mensch etwas weiß, weil niemand das nach außen kommuniziert.“ Das zu verändern, dazu möchte sie künftig gerne beitragen. Und sie ist froh, dass neben ihr auch viele ihrer ehemaligen Mitschüler*innen und Mitstudierenden ins Land zurückgekommen sind – voller Ideen und Elan.

Von Katja Bülow