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Lesermeinung „Der Osten hat dem Westen eine Transformation voraus“
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14:30 04.09.2019
Blick auf einen Plattenbau im Rostocker Stadtteil Evershagen: „Es wurde von den Ostdeutschen erwartet, sich anzupassen.“ Quelle: dpa
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Rostock

Das aktuelle Buch von Soziologe Steffen Mau mit dem Titel: „Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ hat eine hitzig geführte Debatte unter OZ-Lesern ausgelöst. Mau, der selbst in Lütten Klein lebte und für die Recherchen zu dem Buch in die alte Heimat zurückkehrte, geht neben anderen Fragen dem nach, warum der Osten etwas Eigenes geblieben ist und Parteien nie wirklich angekommen sind.

OZ-Leser Georg Dreyer schreibt: „Beeindruckend mag die Analyse sein. Ob die Schlussfolgerungen richtig sind, darf man bezweifeln. Auch hier streichelt man nur wieder die Seele des Ostdeutschen, spricht ihn von Verantwortung für seine vermeintliche Misere frei. Als einzig entlastend akzeptiere ich die Tatsache, dass Generationen von DDR-Bürgern selten gelernt haben, gesellschaftlich und ökonomisch eigenständig zu denken. Fatal ist, dass sie das an ihre Kinder, die in der Bundesrepublik alle Möglichkeiten hatten und immer noch haben, weitervermittelt haben.“ Kinder und Kindeskinder von Menschen, mit denen Dreyer aufgewachsen sei, so erzählt er es, „scheinen das Jammern, das Verharren in Angst, die intellektuelle Lethargie mit der Muttermilch aufgesogen zu haben.“ Daniela Lindner betont: Die Bildung im Osten jedenfalls sei sehr gut gewesen bis Mitte der 90er-Jahre. „Danach gab es in Ost und West einen Abwärtstrend. Trotzdem haben wir Ossis eine andere Einstellung im Berufsleben, die sehr gut ist. Für das Heranwachsen im anderen System können wir alle nichts. Nach 25 Jahren im goldenen Westen gehe ich gerne in den Osten zurück. Heimat bleibt Heimat.“

Sabine Böge zitiert Autor Mau mit: „,Anpassungsbeschwerden‘ – Genau das ist der Punkt. Es wurde politisch erwartet, dass sich 17 Millionen Menschen ,anpassen‘. Es war nicht gewollt, dass die Menschen ihre Lebenserfahrungen, Qualifikationen, Ideen mit einbringen. Es stand einfach nicht zur Debatte, diese Menschen mit all ihren positiven und negativen Erfahrungen und Eigenschaften als gleichwertig in die gesamtdeutsche Gesellschaft einzubringen. Aber das haben die Politiker den Menschen in Ost und West nicht gesagt. Schade!“ Andre Ewers vermutet, das Buch könne in vielen Dingen näher an die Ursachen herankommen, da der Autor dort aufgewachsen sei. So beurteile nicht irgendein Wessi-Soziologe den Ossi aus seiner selbstgefälligen Westsichtweise. „Ich merke auch heute, dass die Original-Westdeutschen immer noch anders ticken, als die Original-Ostdeutschen. Durch meine Arbeit bin ich auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze unterwegs und favorisiere doch lieber den Osten, weil die Menschen dort das Herz am rechten (nicht politisch gemeint) Fleck haben.“ Aber: Auch im Westen habe er viele gute und nette Leute kennengelernt, so Ewers. Es komme halt immer auf jeden selbst an, wie weltoffen er sei. Dietrich Bussler notiert: „Es gibt Unmut unter den Bürgern, der sich auch so ausdrückt.“ Das solle man einfach zur Kenntnis nehmen und nach den Ursachen suchen. Das hat jetzt mit der DDR wirklich nichts mehr zu tun. Lang, lang ist es her. Das hat mit dem Hier und Jetzt zu tun.“ Martin Schmidt moniert: „Immer dieses Pathologisieren von ehemaligen DDR-Bürgern, nur weil sie relativ betrachtet häufiger AfD wählen. Diese verbitterten Pseudowissenschaftler und Soziologen wissen aber, dass sie sofort eine Plattform für ihre ,beeindruckenden Analysen‘ erhalten. Warum eigentlich?“

Detlef Stapf merkt schließlich an: „Wie auch hier wird es im Osten als Unverschämtheit empfunden, den Osten als einen kranken Patienten zu behandeln, der unter den Gesunden noch nicht angekommen sei und viel nachzuholen habe. Man kann es auch ganz anders sehen: Der Osten hat dem Westen eine Transformationserfahrung voraus, die der Westen in den kommenden Jahren schmerzlich machen muss. Die Ostdeutschen, aus einer Mangelgesellschaft kommend, erfahren, dass der reiche Westen den Mangel nicht in den Griff bekommt: an Wohnungen, an Kindergartenplätzen, an Fachkräften in der Industrie, an Infrastruktur, an Sicherheit, an Lehrern.“

Von Juliane Lange