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Lesermeinung Arndt überspannt emotionale Erfahrungsgeschichte höchst individuell
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18:24 03.03.2017
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Rostock

Formal in ähnlicher Position wie Herr Vogt ein Versuch, die Erinnerungsperspektiven des bzw. der Einzelnen verständlicher zu machen. Wir haben oft eine affektive Reaktion, die weit tiefer fußt als wir selbst reflektieren können, da wir Langzeiterfahrungen unserer Familiengeschichte oft kriegsbedingt abgeschnitten haben. Es hat oft mit sehr alten Erinnerungen zu tun, wenn wir Partei ergreifen, obwohl wir nur Bruchstücke von Personen, Symbolen usw. wahrgenommen haben. Ich war überrascht, dass zur Tiefenbiographie von Arndt offenbar nur Fragmente bekannt sind. Und das heute, wo manche Menschen ihre Vorfahren theoretisch bis in alttestamentarische Zeit auflösen. Offenbar ein blinder Fleck der Wissenschaft, welcher aber historisch verständlich erscheint. Im Kontext transgenerativer Psychologie bekäme die Person Arndt eine objektiv ggf. ganz neue Facette, die alle Beteiligten einen zusätzlichen Blickwinkel ermöglichten.

Mit dem Abstand von 30 Jahren sehen wir oft, dass wir unsere Lebenserfahrung vormals ungerechtfertigt 1 zu 1 auf historische Personen übertragen haben. Arndt ist durch die lange Namensgebung im Buch der Zeit sowohl für die Stadt als auch für die Universität nie wieder zu löschen. Vielleicht gibt es sogar Namen, die eine Brücke gerade von Greifswald weit über die jetzige Spaltung in Greifswald und Deutschland hinaus bauen könnten. Derzeit bewegt sich viel.

Es ist nicht immer ein Werturteil des falsch oder richtig, wenn Namen wechseln. Das Fällen einer Dorflinde ist nur so lange für die Alten ein Trauma, bis mit den Jungen gemeinsam die neue Linde gepflanzt wird. Nur der Abschnitt von Geschichte ist Gewaltanwendung, nicht ihr Fortgang als lebendige Erinnerung auch des Alten. Im Idealfall pflanzt man die neue Linde schon einige Zeit bevor der Baum fällt, welcher selbst Arndt schon uralt erschien. Es gibt Namen der jüngeren Geschichte, die bitterste Erinnerungen und friedliche Zukunft in sich vereinen. Brückenschläge über BRD, DDR, Schlesien, Polen hinweg. Die Motivation dieser Menschen war oft zum Glück nicht abstrakte Geschichte. Es waren die schlimmsten Verluste, die wir heute noch in der Kinderpsychologie als Extreme der biographischen Zäsur kennen. Frühe Verluste oder Unkenntnis von Müttern, Vätern, Geschwistern, Großvätern...

Aber es gab auch eine andere Seite. Kinder, deren Eltern z.B. Ostpreuße und Pole waren, wenn wir nicht tiefer in Familiengeschichten eindringen. Nicht selten sind bei tieferer Betrachtung doch beide Eltern über ihre Vorfahren ggf. sogar unabhängig aus einer anderen, identischen Region der Welt irgendwie nach z.B Schlesien gelangt. Kinder sprachen dann 2 Sprachen nahezu perfekt, konnten über alte Erfahrungen hinweg verständlich machen. Solche Namen jüngerer Geschichte, welche in Kunst, Wissenschaft usw. Verständigung auch wirlich human als Mensch gelebt haben, geben allen Recht, auch den jungen Studierenden, die vielleicht in dieser Zeit sogar Namen ändern würden, die noch unstrittiger Konsens an jedem Ort Deutschlands sind. Zum Teil passen solche besonderen Biographien nach 1945 in gar kein Schema mehr.

Jüngere Geschichte mit Orden behangen, welche eher über Jahrhunderte greifen, aber die Biografie der Personen ist eindeutig maßgeblich nach 1945 gelebte. Das Neue im Alten. Gab es jemals eine Universität mit Doppelnamen? Ggf. geplant über eine begrenzte Zeit? In Rom sitzen ja auch erstmals 2 lebende Päpste. Wer hätte das jemals nach so langer Geschichte gedacht?

Arne Schoor