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13:43 03.03.2017
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Tribsees

Als ehemaliger Mitarbeiter der Universität aber nicht Greifswalder stand ich der Namensgebung neutral gegenüber. Was mich allerdings stört, ist zum einen die Inhaltsleere in der protesthaften Bewegung gegen die Namensstreichung, zum anderen die unsausgewogene Berichterstattung. Inhaltlich wird vor allem mit dem Gefühl der Identität argumentiert. Arndt wird in diesem Diskurs als "Patriot", "vaterlandsliebender Deutscher", "progressiver Vertreter neuerer europäischer Geschichte." sogar als "Vordenker und Begründer der deutschen Einheit" bezeichnet.

Letzteres ist falsch, zumindest wenn es Bezug auf die Wiedervereinigung Deutschlands 1989 nimmt, die anderen Leistungen als historische Persönlichkeit rechtfertigen jedoch kein Patronat für eine Universität. Sie waren nicht dem akademischen Wissen, der Bildung, oder der kulturellen Entwicklung gewidmet. Mit dem vordringlichstem, wofür der Name steht, schmückt sich auch die Universität. Das Attribut "identitärer deutscher Patriotismus" ist für die älteste Universität Schwedens (!) historisch unpassend, aber auch akademisch nicht ausreichend.

Dazu kommt Arndt als Person mit ausgeprägtem Antisemitismus. In "Antisemitismus-Keim liegt in der Bibel" schrieb eine Leserin dass Judenhass zu Arndts Zeiten "noch allgegenwärtig" war und er nur "dem Denken des Judenhasses Ausdruck verliehen" hat. Dabei verkennt sie dass die Aufklärung, schon im vollen Gange war.

Die Ringparabel in "Nathan der Weise" erschien, als Arndt 10 Jahre alt war. Das Preußisches Judenedikt, in denen Juden nicht mehr als Fremde, sondern als Staatsbürger anerkannte, trat 1812 in Kraft. Es ist also nicht so, dass es für Arndt keine Alternative zum Antisemitismus gab, sondern, dass er sich bewusst dagegen entschieden hat, diese anzunehmen. Das ist mehr als eine charakterliche Scharte, die man bei nicht glatten historischen Persönlichkeiten akzeptieren muss, sondern ein erheblicher Mangel, der den aufklärerischen Gedanken der Universitätsbildung diametral entgegensteht.

Objektiv betrachtet sehe ich also mit mangelnder universitärer Relevanz und Judenhass zwei Gründe, die gegen das Namenspatronat sprechen, wohingegen auf der Pro-seite hauptsächlich ein postfaktisches Gefühl von Identität steht. Dies spreche ich den Namensbefürwortern auch nicht ab, aber es muss sich mit handfesteren Argumenten messen lassen. Auf den Veranstaltungen, in der Berichterstattung und bei Diskussionen habe ich den Eindruck gewonnen, dass dieser offene Diskurs aber gar nicht geführt werden will. Dieser ist aber notwendig, um verantwortungsvoll am Entscheidungsprozess zu partizipieren.

Hannes Vogt