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Lesermeinung Nord Stream 2: „Kein Projekt der katholischen Kirche“
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14:59 07.05.2019
An Bord des Verlegeschiffes „Audacia“ des Offshore-Dienstleisters Allseas werden im Fließbandverfahren die Rohre für die Gaspipeline Nord Stream für das Verschweißen vorbereitet.(Archivfoto) Quelle: Bernd Wüstneck / dpa
Rostock

Herr Manfred Weber, CSU-Politiker und Spitzenkandidat der EVP zur Europawahl am 26. Mai, erklärte im Politischen Salon der OZ am Mittwoch erneut mit Hinweis auf den Aggressor dieser Welt – Russland – den Bau der Erdgasleitung Nord Stream 2 (NS2) zu stoppen, falls er zum EU-Kommissionspräsident gewählt wird.

Wenn dieses Argument Bestand haben soll, hätte die EU fast alle aus dem Osten kommenden Leitungen für Erdöl und Erdgas 2014 bei der Krim-Krise kappen müssen. Dann wären zwar in Deutschland und der EU die Lichter ausgegangen, aber es wäre konsequent gewesen – zumindest mit Blick auf die jetzigen Ausführungen von Herrn Weber. Ein Blick auf das europäische Leitungsnetz macht das mehr als deutlich. Der Hinweis auf die Ukraine, mit der die EU solidarisch sein muss, da mit der NS2 Transitgebühren wegfallen, ist vom Ansatz her noch unhaltbarer, da mit dem Stopp des Baus von Nord Stream 2 nicht ein Euro oder US-Dollar mehr an die Ukraine gehen würde.

Kohle als Alternative

Gleichzeitig erhebt sich zwangsläufig die Frage, welche Alternative er als Ersatz für das gewaltige Energiepotential von NS2 zu bieten hat. Experten sind sich einig, dass die europäische Gasproduktion abnehmen, der Energiebedarf aber in Größenordnungen zunehmen wird. Dazu gibt es allerdings auch gegenteilige Meinungen. Sein Hinweis auf „eventuelle zukünftige innovative Ideen zur Verstromung von Kohle“ war mehr als spärlich, zumal die Kohlekommission den Ausstieg aus der Kohle für Deutschland festgelegt hat. NS2 wird aber ab November 2019 Gas liefern.

Der geplante Baustopp, nachdem das EU-Parlament dieser Leitung 2018 letztlich zugestimmt hat, weckt Erinnerungen an den überhasteten Ausstieg der Bundesregierung aus der Atomkraft 2011 nach dem Unfall in Fukushima. Das Bundesverfassungsgericht urteilte 2016, dass Vattenfall und RWE Entschädigungsleistungen in Milliardenhöhe für entgangene Reststrommengen zustehen.

Bei der Sprunghaftigkeit der Politik darf sicher davon ausgegangen werden, dass die an NS2 mit 50 Prozent beteiligten fünf EU-Energiekonzerne und auch Gazprom „gasdichte“ Verträge in Bezug auf die Höhe ihrer Investitionen haben. Dazu dürften bei dem Stopp des Baus die entgehenden Gewinne (veranschlagte Betriebsdauer 50 Jahre) eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Interessant ist, dass sich die EU-Staaten das Recht zusprechen, dem Gaslieferanten vorzuschreiben, wie er die Leitungswege zu führen hat. Sie machen es nicht gegenüber den USA, indem sie etwa Einfluss nehmen, dass das dortige Erdgas nicht durch Fracking gewonnen werden darf.

Planwirtschaft wird immer verteufelt. Mit NS2 wird knallharte Marktwirtschaft praktiziert – das ist nun auch wieder nicht in Ordnung. NS2 ist circa 2000 Kilometer kürzer als eine Leitung durch die Ukraine, es fallen - keine das Gas verteuernden - Transitgebühren an und es werden bis Mallnow bei Frankfurt/Oder auch keine zwischengeschalteten Kompressoren benötigt. Was Polen anbelangt, besteht von Mallnow aus auch die Möglichkeit – so gewünscht oder benötigt -, Gas in Richtung Osten zu leiten.

An dieser Stelle ein Wort zur Baltic Pipe Dänemark-Polen, über die in der OZ unter der Überschrift „Gibt es einen Pipelinekrieg in der Ostsee?“ berichtet wurde. Diese Leitung wurde mit einer Kapazität von 10 Milliarden Kubikmetern Gas, weniger als 1/5 von Nord Stream 2, als Konkurrenzprojekt bezeichnet. Das kann nur stimmen, wenn dadurch auch weniger als die 55 Milliarden Kubikmeter Gas über NS2 geliefert werden. Polen wird in erster Linie sich und - wie ausgeführt - auch Litauen, die baltischen Staaten versorgen. Gegen eine sinnvolle Diversifizierung der Energieversorgung ist überhaupt nichts einzuwenden. Aber bitte mehr Sachlichkeit und vielleicht auch etwas Fachkenntnis. Sollte Baltic Pipe zu günstigeren Preisen für das Gas generell führen – die Kunden werden es danken.

„Und wo kommt das Gas her?“

Da Herr Weber in Bezug auf Alternativen dünn blieb und die Problematik der Diversifizierung nur mit dem Begriff eines sogenannten „EU-Binnenmarktes für Energie“ streifte, erhebt sich eine weitere Frage: „Und wo kommt das Gas her?“ Sein Beispiel dazu: Sonnenenergie aus Griechenland – wenn es Sinn macht – immer. Ist aber bislang keiner drauf gekommen. Er muss sich doch die Frage stellen, warum es in der Bundesrepublik noch und auf absehbare Zeit, eventuell Ende 2022, keine LNG-Terminals (LNG – liquefied natural gas) mit den notwendigen Gas- Rückgewinnungsanlagen (FSRU – Floating Storage Regasification Unit) gibt? Die Antwort: Russland hat über Jahrzehnte verlässlich geliefert. Das Wort „Win-Win- Situation“ fällt dabei nicht – es wird ständig von Abhängigkeit gesprochen. Das sind doch wohl Russland und EU in gleicher Weise.

Herr Rühe, Ex-Verteidigungsminister äußerte sich am 10. Februar im Tagesspiegel: „Ich finde gegenseitige Abhängigkeit gut. Russland ist von den Gasexporten aus Westsibirien nach Europa abhängig. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass bei der Produktion, den Pipelines und der Versorgung gegenseitige Abhängigkeiten gestärkt werden. […] In Nord Stream 2 sehe ich keine zusätzlichen bedrohlichen Abhängigkeiten für Europa.“

Erneuerbare Energien werden nicht geschenkt“

Ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen, gegen verschiedene Möglichkeiten, den Energiebedarf der BRD und der EU zu decken, ist nichts einzuwenden und schon gar nicht gegen einen EU-Energie-Binnenmarkt. Der ist aber noch Zukunftsmusik und Herr Weber ist noch nicht gewählt. Auch die erneuerbaren Energien werden nicht geschenkt, sondern erfordern ebenfalls enorme energetische Aufwendungen und führen an Land wie auf See zu nicht wegzudiskutierenden Eingriffen in die Ökosysteme. Die Vielfalt wird letztlich zeigen, was für die Gesellschaft und Umwelt gut und verträglich ist.

Gas made in the USA

Wilhelmshaven, Stade und Brunsbüttel „streiten“ (Begriff ist nicht von mir) um den zukünftigen LNG-Terminal. Stellt LNG aus den USA und/oder anderen Exportländern tatsächlich eine ökonomische und ernst zu nehmende Alternative dar?

Der Botschafter der USA, Herr Grenell hat mit Sanktionen gedroht, wenn die Abhängigkeit von Russland weiter steigt. Die Ironie, die USA haben im Frühjahr drei LNG-Ladungen aus Russland zur Versorgung der Haushalte von New England importiert. Ein Grund dafür – LNG-Tanker sind knapp, so dass nicht einmal ein Inner- US-Transport von LNG stattfand. Die Bundesregierung ist dabei, Investitionshemmnisse für privatwirtschaftlich betriebene LNG-Terminals abzuschaffen.

55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr von Nord Stream 2 entsprechen circa 92 Millionen Kubikemeter LNG, auf -161°C herunter gekühlt. Die größten LNG-Tanker haben eine Ladekapazität von 263 000 Kubikmeter. Davon gibt es circa 40 Stück. Der Standard-LNG-Tanker fasst 150 000 Kubikmeter. Die jetzige LNG-Flotte umfasst circa 450 Tanker. Zum Transport vorgenannter 92 Millionen Kubikmeter LNG werden zwischen 350 bis 600 LNG- Tankladungen benötigt, 1-2 Tanker pro Tag bei 24 Reisen eines Tankers im Jahr. Wilhelmshaven geht bei seiner Gasrückgewinnungsanlage (FSRU) von 10 Milliarden Kubimeter Gas aus, das heißt es werden bei 92 Millionen Kubimetern LNG mindestens sechs solcher Anlagen benötigt.

Für den Jahrestransport wird zusätzlich Bunker (unterschiedlicher Treibstoffe) in der Größenordnung eines Supertankers, rund 300 000 Tonnen, benötigt, von Schmierstoffen, Besatzung, Proviant und Aggregaten zur Verflüssigung des Gases und beim Empfänger der Gas-Rückgewinnung ganz zu schweigen. In Bezug auf den sogenannten ökologischen „Footprint“ – sollte das ein Leckerbissen für Umweltaktivisten.

Bei US-LNG allerdings von dreckigem LNG zu sprechen, wie ebenfalls geschehen, ist nicht korrekt. Das Gas wird vor der Verflüssigung gereinigt und ist damit hochreines LNG beziehungsweise später auch sauberes Gas.

„Nord Stream 2 ist kein Projekt der katholischen Kirche

Abschließend noch ein Wort zu den Begriffen „Fluch und/oder Segen“. Es wäre wünschenswert, wenn erkannt würde, dass NS2 kein Projekt der katholischen Kirche ist. Die zusätzliche Betonung, das man Umweltaktivist ist, macht die Aussage der Ablehnung auch nicht überzeugender. Nord Stream 2 ist höchst effektiv und - gegenüber den 40 Jahre alten Leitungen über Land mit teils fragwürdigem Wartungszustand - technisch auf dem neuesten Stand.

Gazprom beschreibt Nord Stream unter anderem wie folgt: „Bevor Nord Stream gebaut wurde, gab es weltweit keine Pipelines, durch die Gas auf 1224 Kilometer Entfernung ohne zusätzliche Kompressoren transportiert werden konnte. Der Stahl, der im Rahmen des Projekts für die Fertigung von Rohren verwendet wurde, ist einzigartig. Den Stahlwerken ist es … gelungen, ein Material mit einem derartigen Festigkeits- und Elastizitätsgrad herzustellen. Dank den für dieses Projekt verwendeten Stoffen, Technologien und Lösungen kann mit einem störungsfreien Betrieb der Gaspipeline mindestens im Laufe von 50 Jahren gerechnet werden. Der Bau der Nord Stream erfolgte nach Maßgabe der strengsten Umweltnormen und gefährdete nicht das Ökosystem der Ostsee. Die […] Route wurde soweit möglich […] ökologisch empfindlichen Gebieten und anderen Sonderzonen angepasst.“ Ungeachtet dessen – auch sie ist ein Eingriff in die Natur.

Anmerkung zum Politischen Salons

Die Anwesenden am Politischen Salon repräsentierten überwiegend die Generation Ü60 – damit nicht die jüngere Generation, für die die Europäische Union - bei allen Problemen - viel zu bieten hat. In England war es vor allem die junge Generation, die vom nicht erwarteten Ausgang des Referendums zum BREXIT negativ überrascht wurde. Ein Grund - die Wahl wurde ignoriert.

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